David Foenkinos
Der französische Autor David Foenkinos ist leidenschaftlicher Beatles-Fan. Bildrechte: imago/Horst Galuschka

Buchkritik: "Lennon" John Lennon beim Psychiater – Roman trifft auf Biografie

von Marion Brasch, MDR KULTUR-Literaturkritikerin

David Foenkinos
Der französische Autor David Foenkinos ist leidenschaftlicher Beatles-Fan. Bildrechte: imago/Horst Galuschka

September 1975. John Lennon hat seit fünf Jahren keine Platte mehr gemacht und lebt mit Yoko Ono zurückgezogen im Dakota-Building in New York City, als er sich entschließt, sich bei einem Psychoanalytiker auf die Couch zu legen. In achtzehn Sitzungen lässt er sein Leben an sich vorbeiziehen – mit Kindheit und Jugend in Liverpool, dem kometenhaften Aufstieg der Beatles, mit Erfolg und Einsamkeit, Liebe und Hass.

John Lennon auf der Couch – das ist in der Tat eine recht ungewöhnliche Art, die Geschichte eines Popstars zu erzählen. Und eine Gratwanderung dazu. Was die Fakten betrifft, gibt es nicht viel Neues. David Foenkinos bedient sich für diesen Roman der Geschichten, die bereits in der Welt und belegt sind. Die nimmt der erklärte Beatles– und Lennon-Fan, packt sie in Lennons Kopf und verwandelt sie in Erinnerungen, Reflexionen und Interpretationen.

Bekannte Fakten, aus neuer Perspektive erzählt

Cover: David Foenkinos: "Lennon"
John Lennon als Romanfigur – das Konzept geht auf, findet Kritikerin Marion Brasch. Bildrechte: DVA

So auch Lennons Kindheit, von der wir wissen, dass sie alles andere als unbeschwert war. Seine Mutter war unfähig, ihm die Zuwendung zu geben, die er gebraucht hätte. Sie hat ihn vernachlässigt und zu ihrer Schwester Mimi abgeschoben, die ihn dann aufzog. Und das Lennon-Ich erklärt: "Ich war schwach, feige und furchtbar ängstlich. Ich war ein Kind der Einsamkeit."

Oder jene Geschichte aus Hamburg: Nach einem Konzert und ausgiebigem Saufen überfallen die Pilzköpfe einen Matrosen und klauen ihm das Portemonnaie. Lennon auf der Couch: "Was war ich für ein krankes Hirn, was war ich für ein böser Mensch."

Es ist ein ziemlich gewagtes Unterfangen, jemandem wie John Lennon in die Seele schauen zu wollen. Der fiktive Seelen-Striptease einer realen Person birgt Gefahren, derer sich auch David Foenkinos bewusst war: "Auch wenn die im Buch dargestellten Begebenheiten wahr sind, unterliegen sie doch meinem persönlichen Verständnis."

Lennon als Romanfigur erzählt gewohnt rotzig, klug und witzig

Foenkinos gibt seinem erzählenden John Lennon denselben ironischen, sarkastischen, manchmal auch zynischen Ton, den man auch von Lennons Auftritten kennt. Er ist rotzig, arrogant, einsam, klug und witzig. Oder wie er auf der Couch sagt:

Glückrausch und Todessehnsucht gehen bei mir Hand in Hand. Ein Teil von mir hält sich für einen recht erbärmlichen Typen, und ein anderer Teil hält sich für Gott.

John Lennon in David Foenkinos Roman "Lennon"

Die Gratwanderung gelingt Foenkinos so gut, dass man nach der Lektüre des Romans das Gefühl hat, John Lennon nicht neu, aber vielleicht etwas besser kennengelernt zu haben.

Angaben zum Buch David Foenkinos: "Lennon"
Übersetzung aus dem Französischen: Christian Kolb
DVA
220 Seiten
20 Euro

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 11. Oktober 2018 | 07:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 14. Oktober 2018, 04:00 Uhr