Götz Werner Gründer der Drogeriemarktkette DM
Götz Werner, deutscher Manager, Gründer und bis 2008 Chef der Drogeriemarkt-Kette dm. Bildrechte: IMAGO

"dm"-Gründer im Interview Götz Werner: Das Grundeinkommen ermöglicht Arbeit

Götz Werner Gründer der Drogeriemarktkette DM
Götz Werner, deutscher Manager, Gründer und bis 2008 Chef der Drogeriemarkt-Kette dm. Bildrechte: IMAGO

Wenn es so etwas wie den Markenkern der SPD gibt, dann ist es die Sozialpolitik. Jedenfalls hat das Selbstverständnis der Partei seit jeher viel mit gesellschaftlichem Ausgleich, mit Gerechtigkeit und Chancengleichheit zu tun. Viele SPD-Mitglieder sehen deshalb die Arbeitsmarkt-Reformen unter Kanzler Gerhard Schröder als Verrat an den Ideen der Sozialdemokratie. Bis heute haben sie ihm die "Hartz-Gesetze" nicht verziehen. In ihren Augen sind sie das Gegenteil von sozialer Gerechtigkeit. Rund 15 Jahre danach macht sich nun die SPD-Führung daran, diese Reformen zu überprüfen. Es gibt einflussreiche Stimmen, die inzwischen ernsthaft die Idee eines Grundeinkommens diskutieren. Damit gemeint ist eine staatliche Basisversorgung für jeden Bürger. Ein Betrag "X", der das Existenzmininum sichert und für mehr Gerechtigekit sorgen könnte. – Dafür setzt sich seit Jahren schon vehement der Gründer der Drogeriekette dm, Prof. Götz Werner, ein. Er gilt als Vordenker beim Grundeinkommen. Sein Buch "Einkommen für alle. Bedingungsloses Grundeinkommen - die Zeit ist reif" erschien gerade in aktualisierter Fassung.

Götz Werner, deutscher Manager, Gründer und bis 2008 Chef der Drogeriemarkt-Kette dm 7 min
Bildrechte: dpa

MDR KULTUR - Das Radio Fr 06.04.2018 16:10Uhr 06:43 min

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

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Herr Werner, diese Debatte in der SPD, wie erleben Sie die gerade?

Sie versucht aus dem Dilemma zu kommen, dass ihnen die Kompetenz abhandengekommen ist für die sozialen Probleme unserer Gesellschaft. Sie hat ihre Glaubwürdigkeit verloren.

Dass sich nun ausgerechnet die SPD intensiv mit dem Grundeinkommen befasst, ist das Ihr Verdienst?

Vielleicht. Vielleicht liegt es auch einfach in der Zeit. Immer mehr Menschen wird die Tatsache bewusst, dass viele wertvolle Arbeit in der Gesellschaft getan werden muss, unbezahlt. Man muss sich nur mal vorstellen, wie unsere Gesellschaft aussehe, wenn es keine ehrenamtliche Tätigkeit gebe. Es wird ja in der Gesellschaft viel mehr ehrenamtlich geleistet als bezahlt. Das Problem für uns bewusstseinsmäßig ist, dass wir Arbeit und Bezahlung nicht voneinander trennen können.

Götz Werner: 'Einkommen für alle - Bedingungsloses Grundeinkommen - die Zeit ist reif'
Götz Werner: "Einkommen für alle - Bedingungsloses Grundeinkommen - die Zeit ist reif" Bildrechte: Kiepenheuer & Witsch

Das ist ja eine Ihrer beiden Kernaussagen, dass Arbeit vom Einkommen abgekoppelt wird und dass nur noch eine Steuer gelten könnte, um das alles zu bezahlen. Sie selbst reden vom bedingungslosen Grundeinkommen – also nehmen wir mal eine Rechengröße: 1.200 Euro für jeden Bürger jeden Monat vom Staat ohne Gegenleistung. Können Sie mal kurz skizzieren, wie das gehen soll?

Einkommen ist ein Menschenrecht. Dass Sie jetzt zum Beispiel die Arbeit machen können, die Sie gerade machen, mit mir ein Interview führen, dafür brauchen Sie ein Einkommen, sonst können Sie es nicht leisten. Was wir als Gemeinschaft bezahlen, ist, dass Sie leben können. Wenn Sie leben können, dann können Sie auch so ein Interview führen. Das Interview ist unbezahlbar. Dieses Paradigma, der Denkirrtum, dass man meint, Arbeit könnte man bezahlen, das führt in diese ganzen Probleme hinein, in denen wir sind.

Also alles eine Kopffrage? In der Wahrnehmung ist es so, dass ich dieses Interview führe, um damit meinen Lebensunterhalt zu verdienen. Warum soll das so falsch sein?

Sie müssen einen Lebensunterhalt haben, damit Sie so etwas arbeiten können. Von Ihrer Arbeit können Sie nicht leben. Das konnte man früher, als man sich in der Landwirtschaft ernährt hat, indem man sein Feld bestellt hat, da war man Selbstversorger. Aber mit der Arbeit, die wir tun, können wir uns ja gar nicht ernähren. Also wir brauchen immer andere Menschen, die für uns tätig werden. Und dass Einkommen immer dazu da ist, dass man tätig werden kann.

Wenn es eines Einkommens bedarf, um überhaupt erst arbeiten zu können, dann ist die Frage: Woher kommt es denn? 1.200 Euro zum Beispiel, die Sie auch in Ihrem Buch erwähnen. Wie soll das funktionieren?

Der Staat kommt zu seinen Einnahmen dadurch, dass die Gemeinschaft Leistung hervorbringt, an der der Staat partizipiert. Wir haben ja solche Bestandteile, wir haben zum Beispiel Kindergeld. Sie müssen nur das Kindergeld weiterdenken: Sie müssen nur das Kindergeld erhöhen und es länger laufen lassen.

Und damit wäre das Grundeinkommen finanziert?

Dann wäre das Grundeinkommen da. Das Grundeinkommen sorgt dann dafür, dass die Menschen tätig werden können, dass sie ihre Fähigkeiten einbringen. Und dadurch wird produziert. Und das, was produziert wird, wird dadurch, dass es produziert wird, finanziert.

Was ist denn, wenn niemand mehr arbeiten ginge, weil er diese 1.200 Euro im Monat bekommt?

Das ist unsinnig so zu denken, weil Menschen nicht so sind. Menschen sind so veranlagt: Menschen werden tätig. Ich bin Vater von sieben Kindern und ich muss Ihnen sagen, desto älter sie wurden, desto tätiger wurden sie. [...] Dann würden Sie ja in Ihrem Leben gar keinen Sinn finden. Jeder Mensch, der lebt, sucht in seinem Leben einen Sinn. [...] Der Mensch braucht die Arbeit, um sich entwickeln zu können. Wir sind ja auf der Erde, um Spuren zu hinterlassen.

Wenn entgegen Ihrer Annahme niemand arbeiten würde, würde Ihr Modell des bedingungslosen Grundeinkommens zusammenbrechen?

Da würde jedes andere Modell auch zusammenbrechen. Wenn niemand mehr etwas produziert, wenn niemand etwas herstellt, dann ist auch nichts mehr da. Sehen Sie es mal ganz natürlich: Beobachten Sie die Menschen. […] Auf jeden Fall ist es falsch, dass man für Arbeit bezahlt wird. Sondern das Einkommen, das ist mir klargeworden als Unternehmer, mit dem Einkommen ermögliche ich dem Bewerber, dass er bei uns arbeiten kann.

Das Interview führte Sven Kochale für MDR KULTUR.

Angaben zum Buch: Götz Werner, Enrik Lauer: "Einkommen für alle".
erschienen bei Kiepenheuer & Witsch
überarbeitete Auflage 2018
304 Seiten, Paperback, 15 Euro.
ISBN: 978-3-462-05108-7

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 30. März 2018 | 16:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 10. April 2018, 00:00 Uhr

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