Diedrich Heßling als der Untertan.
Diedrich Heßling (gespielt von Werner Peters) als der Untertan. Der gleichnamige Film gilt heute als Meisterwerk. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

100 Jahre "Der Untertan" Als der Westen einen Ost-Film zensierte

Beendet hat Heinrich Mann seinen Roman "Der Untertan" bereits 1914, zu lesen war er in Deutschland erst vier Jahre später. Dazwischen lag der Erste Weltkrieg. Das Buch erntete entschiedenes Pro, aber genauso entschiedenes Contra. Jahrzehnte später wurde der Roman verfilmt, bei der DEFA, Wolfgang Staudtes Arbeit von 1951 gilt heute als Meisterwerk. Aber umstritten war es bei seiner Entstehungszeit wie das Buch. Der Kalte Krieg war Schuld daran.

von Thomas Hartmann, MDR KULTUR

Diedrich Heßling als der Untertan.
Diedrich Heßling (gespielt von Werner Peters) als der Untertan. Der gleichnamige Film gilt heute als Meisterwerk. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Diederich Heßling rennt einer Staatskarosse hinterher. Unter "Hurra"-Rufen, sich eifrig verbeugend und den rechten Arm mit dem Hut hochreißend. Die unverhohlene Begeisterung gilt seinem Kaiser, Wilhelm II. Vom Monarchen bekommt der Zuschauer nicht viel mehr zu sehen als seinen Helm – symbolisch für die Welten, die zwischen den gesellschaftlichen Positionen der beiden Männer liegen. Und doch – Heßling ist ein einziges Leuchten.

Bis zu dieser Szene im Film "Der Untertan" hat man den hemmungs- wie skrupellosen Opportunisten bereits ausführlich kennengelernt. Diesen Heßling, dem von Kindheit an der Glaube an die Autorität eingetrichtert wird, der nichts anderes zu schätzen weiß als die Macht und die Mittel, wie man sie bekommt. Der nach oben katzbuckelt und es genießt, über anderen zu stehen. Dieser "Untertan" -  wie geschaffen für eine Zeit, in der gefolgt werden soll.

Ein Grenzgänger führt Regie

Inszeniert wurde diese Satire auf den Untertanengeist kurz nach dem Zweiten Weltkrieg von Wolfgang Staudte, beauftragt von der DEFA. Der Regisseur lebte im Westen, arbeitete aber hüben wie drüben. Aus innerer Überzeugung, wie Staudte erklärte - er wollte der Spaltung Deutschlands entgegenwirken.

Ich wurde doch so als politischer Traumtänzer abqualifiziert von der Springer-Presse, der dann sagt, er sei kein Ost-Regisseur und kein West-Regisseur. Ich bin ein deutscher Regisseur und wünsche mir eine gesamtdeutsche Kultur.

Wolfgang Staudte
Werner Peters als Diederich Heßling im Film "Der Untertan" nach dem Roman von Heinrich Mann (DEFA 1951)
Werner Peters als Diederich Heßling im Film "Der Untertan". Bildrechte: imago/United Archives

Bei der DEFA hatte Staudte bis dato den ersten Nachkriegsfilm "Die Mörder sind unter uns" oder "Rotation" gedreht. Andere wollten zu Beginn der 50er Jahre den Mantel des Schweigens über das Tausendjährige Reich betten – der Regisseur dagegen wollte es aufarbeiten. "Der Untertan" schien ihm dafür bestens geeignet – selbst wenn Heinrich Manns Roman wie seine Verfilmung in der wilhelminischen Epoche spielten.

Ein verfassungsfeindlicher Film?

Staudte lieferte ein großartiges Werk ab und wurde in der DDR 1951 mit dem Nationalpreis 2. Kasse geschmückt. In der Bundesrepublik aber durfte sein Film nicht gespielt werden. Ein fast legendär gewordenes Zitat aus dem "Spiegel" macht deutlich, wieso.

Ein Paradebeispiel ostzonaler Filmpolitik: Man lässt einen politischen Kindskopf wie den verwirrten Pazifisten Staudte einen scheinbar unpolitischen Film drehen, der aber geeignet ist, in der westlichen Welt Stimmung gegen Deutschland und damit gegen die Aufrüstung der Bundesrepublik zu machen.

Aus dem "Spiegel" vom 12. Dezember 1951

Sechs Jahre lang blieb "Der Untertan" in der BRD verboten. Im Fernsehen wurde der Film das erste Mal 1969 ausgestrahlt, allerdings in einer um zwölf Minuten kürzeren Fassung. Erst 1971 bekamen die Zuschauer im Westen den zu diesem Zeitpunkt bereits zwanzig Jahre alten DEFA-Streifen in kompletter Länge zu sehen.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 23. November 2018 | 18:50 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 30. November 2018, 07:33 Uhr

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