Deniz Yücel mit Pinar Atalay.
Deniz Yücel (rechts) gab Pinar Atalay (Mitte) für den Film ein exklusives Interview. Bildrechte: NDR

Doku im Ersten Pinar Atalay: "Deniz Yücel hat immer noch Wut im Bauch"

Immer wieder werden deutsche Staatsangehörige in der Türkei mit fadenscheinigen Argumenten inhaftiert. Auch der frühere "Welt"-Korrespondent Deniz Yücel saß ein Jahr in dem Land im Gefängnis, bis er im Februar 2018 freikam. Die Journalistin und "Tagesthemen"-Moderatorin Pinar Atalay hat seine Geschichte für die Fernsehdokumentation "Story im Ersten" noch einmal aufgerollt. Im Interview erzählt sie, wieso.

Deniz Yücel mit Pinar Atalay.
Deniz Yücel (rechts) gab Pinar Atalay (Mitte) für den Film ein exklusives Interview. Bildrechte: NDR

MDR KULTUR: Warum war es Ihnen so wichtig, die Geschichte von Deniz Yücel noch einmal aufzurollen?

Pinar Atalay: Dieser Fall hat ja tatsächlich mehr als ein Jahr lang das ganze Land bewegt. Wir Journalisten haben sehr häufig darüber berichtet. Ich habe im Februar 2018 für die Tagesthemen ein Interview mit dem damaligen türkischen Ministerpräsidenten Binali Yıldırım geführt, wo ich erstmals erfuhr, dass Yücel wohl bald freikommen würde. Zwei Tage später war es tatsächlich soweit. Ich hatte einfach das Gefühl: Diese Geschichte muss mal erzählt werden. Und habe deswegen mit fast allen Beteiligten Interviews geführt, vor allem natürlich mit Deniz Yücel.

Wie haben Sie Yücel bei Ihrer Recherche erlebt? Wie geht es ihm?

Er hat immer noch viel Wut im Bauch, was nachvollziebar ist. Weil er sagt: Ich weiß überhaupt nicht, wieso ich überhaupt verhaftet wurde damals, ich weiß auch nicht, wieso ich freigelassen wurde. Natürlich ist es selbstverständlich, dass man, wenn man länger in Isolationshaft saß, erst mal verarbeiten muss, was passiert ist.

Sie haben außerdem unter anderem mit dem damaligen Außenminister Gabriel und dem Springer-Chef gesprochen. Lassen sich die Gründe für Verhaftung und Freilassung nun klarer benennen?

Deniz Yücel und seine Frau umarmen sich vor dem Gefängnis in Silivri, Türkei.
Deniz Yücel umarmt seine Frau, nachdem er aus dem Gefängnis entlassen worden ist. Bildrechte: imago/Depo Photos

Zum Teil ja. Deniz Yücel war beispielsweise in den kurdischen Gebieten in der Türkei unterwegs, was nicht viele deutsche Journalisten gemacht haben. Dort hat er dem Gouverneur kritische Fragen gestellt, was als Provokation wahrgenommen wurde. Er war auf einer Pressekonferenz mit Merkel und dem damaligen türkischen Außenminister und hat kritisch nachgefragt. Man sieht im Film, wie sich alles gesteigert hat und wie er auch umgegangen ist mit der Gefahr: dort arbeiten zu wollen und gleichzeitig auch kritisch zu sein.

Im Film fragen Sie Deniz Yücel, wieso er in die Türkei zurückgekehrt ist, obwohl er schon von einer türkischen Behörde angezählt worden war. Denken Sie, dass er leichtsinnig gehandelt hat?

Ich fand es wichtig, diese Frage zu stellen. Weil ich selbst auch kritisch hinterfrage, wie es dazu kommen konnte. Ich weiß aus dem Umfeld beim Springer-Verlag, dass einige ihm davon abgeraten haben, zurückzugehen. Er sagt aber ganz klar: Ich wusste, dass es nicht ohne ist. Aber ich wollte meine Arbeit machen.

Deniz Yücel 7 min
Bildrechte: dpa

Die Haft von Deniz Yücel wurde immer wieder öffentlich thematisiert – denken Sie es lag daran, dass er frei kam? Oder gab es diplomatische Deals im Hintergrund?

Das war sicherlich ein Zusammenspiel von Politik und dieser – man muss es ja im positiven Sinne so sagen – Kampagne, die von Freunden und Kollegen gestartet wurde. Was Deals angeht, ist es schwierig, die richtige Antwort zu finden. Sigmar Gabriel hat auf diese Frage sehr harsch reagiert.

Noch immer sind 160 Medienschaffende in der Türkei in Haft. Tut die Bundesregierung da zu wenig?

Ich habe mit einigen sprechen können und verfolge es in den Sozialen Medien, wie Angehörige sich engagieren. Die sagen: Warum setzt man sich für uns eigentlich nicht so ein? Ihr Appell geht natürlich an die Bundesregierung: Helft uns!

Das Interview führte Beatrice Schwartner für MDR KULTUR.

Informationen zur Sendung Die Story im Ersten: Deniz Yücel - Wenn Pressefreiheit im Gefängnis landet
Ein Film von Pinar Atalay, Astrid Reinberger und Michael Höft
Montag, 15. April 2019, 22:45 Uhr im Ersten

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 15. April 2019 | 16:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 15. April 2019, 12:52 Uhr

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