Opernkritik "Der fliegende Holländer" in Leipzig - Einstiegsdroge für Wagner-Entdecker

Die Oper Leipzig hat Richard Wagners Oper über den fliegenden Holländer als eine Art Zaubertheater auf die Bühne gebracht: mit einem riesigen Dreimaster und meterlangen Pottwalen. Dieses naturalistische Bühnenbild begeistert – nur leider agieren die eigentlich hochkarätigen Darsteller in weiten Teilen ideenlos und unbeholfen.

Stefan Petraschewsky, MDR KULTUR-Theaterredakteur
Bildrechte: MDR/Robert Kühne

von MDR KULTUR-Theaterredakteur Stefan Petraschewsky

Ein Mann liegt vor einem Pottwal.
Imposante Bühnenbilder: Der Steuermann (Dan Karlström) liegt vor einem meterlangen Pottwal. Bildrechte: Tom Schulze

Der Niederländer Michiel Dijkema ist für sein starkes Bildertheater bekannt. In Leipzig machte er zuletzt mit "Rusalka" von sich reden, als er eine riesige hühnerbeinige Hütte auf der Bühne brachte. Beim Fliegenden Holländer (wo er für Regie und Bühnenbild zuständig ist) geht Dijkema bei der Ausstattung nun so richtig in die Vollen: Er zeigt eine Art Weihnachtsmärchen für Erwachsene. Ein Zaubertheater, das mit seiner Überwältigungs-Dramaturgie am Ende fast schon Zirkus ist.

Bilder zum Staunen

Der Hauptpreis für diese artistische Leitung geht an den technischen Direktor Oliver Gerds, der die Bühne in der Gewitter- und Sturm-Ouvertüre dreht und rauf und runter fährt wie ein Karussell. Am Ende des Abends lässt er einen portalfüllenden Dreimaster in den Zuschauerraum schieben, dessen Bugspriet über den Orchestergraben und das Parkett in den Raum ragt: Das ist schlicht überwältigend. Auch drei Pottwale, von denen der längste acht Meter misst, kommen zum Einsatz.

Zu diesem naturalistischen Bühnenbild, das Assoziationen an Filme wie "Fluch der Karibik" aufkommen lässt, kommt noch eine zweite, grafische Ebene: Der Text der "Holländer"-Sage wird auf ein großes Segel projiziert, dazu sieht man alte Drucke von gestrandeten Pottwalen oder auch von einem Theatersaal. Eine dritte Ebene bildet die gesamte Theatermaschinerie ab: Die Scheinwerfer oder die Zugstangen aus dem Schnürboden sind immer präsent.

Ein Mann und eine Frau halten sich an den Händen und singen, ein anderer Mann steht grinsend dahinter.
Senta (Christiane Libor), Daland (Randall Jakobsh) und Der Holländer (Iain Paterson). Bildrechte: Tom Schulze

Bei der Inszenierung hakt es

Mit Christiane Libor als Senta und Ian Paterson als Holländer sind hochkarätige Gäste zu sehen – nur leider werden sie zum Problem des Abends, weil sie und die anderen Sänger von der Regie ziemlich allein gelassen werden. Ein Beispiel: Im zweiten Aufzug treffen Senta und der Holländer zum ersten Mal aufeinander. Große Spannung ist im Raum, er will endlich erlöst werden und sie ist merkwürdig von diesem Fremden angezogen. Dritter im Bunde ist der Vater von Senta, der die beiden verkuppeln will und die Spannung zwischen den beiden zu überspielen sucht, indem er ins Plaudern kommt.

Doch dieses Verhältnis von Plaudern und Spannung, das natürlich auch in der Musik komponiert ist, wird hier gar nicht in Szene gesetzt. Die Figuren sind auf sich selbst angewiesen, retten sich in übliche Gesten – und das überträgt sich auf die Stimmen, in denen keine Idee erklingt. Der Holländer geht in der Liebesszene auch mal auf die Knie, gibt einen Handkuss – das wirkt unbeholfen, billig und klischeehaft, was sehr schade ist, wenn man solche Sänger zur Verfügung hat. Glücklicherweise wird es besser, wenn die Sänger alleine auf der Bühne stehen.

Orchester und Chor fahren groß auf

Es gibt ein berühmtes Zitat von Mark Twain, der über Wagner einmal sagte: "Wagners Musik ist viel besser als sie klingt!" – Hier könnte man sagen: Sie ist auch viel besser als das, was der Regisseur hier an Handlung und Geste herausholt. Zum Glück macht der Chor, der in großer Extra-Besetzung auftritt, seine Sache gut und das Orchester unter Opernintendant Ulf Schirmer lässt es zu Beginn und immer wieder richtig krachen. Hier geht es offenbar um einen angemessenen Soundtrack zu den starken Bildern. Das funktioniert gut mit den Musikern, die auch sehr laut unterwegs sind – auf der anderen Seite wirken die kammermusikalischen Momente unentschlossen und breiig.

Am Ende der Premiere gibt es dennoch großen Applaus und wenig Buhrufe. Mit dieser Überwältigungsdramaturgie ist die Inszenierung unterm Strich auch eine gute Einstiegsdroge – um Wagner im Stile des ganz großen Kinos neu unters Volk zu bringen.

Informationen zum Stück "Der fliegende Holländer" von Richard Wagner
Romantische Oper in drei Aufzügen | Text vom Komponisten | In deutscher Sprache mit Übertiteln

Musikalische Leitung: Ulf Schirmer
Inszenierung, Bühne: Michiel Dijkema

Nächste Aufführungstermine:
Montag 22.04.2019, 18:00 Uhr, Sonntag 12.05.2019, 18:00 Uhr, Freitag 17.05.2019, 19:30 Uhr, Donnerstag 30.05.2019, 18:00 Uhr

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 31. März 2019 | 13:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 02. April 2019, 10:18 Uhr

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