Filmkritik "Der Goldene Handschuh" - auf den Spuren des Frauenmörders Fritz Honka

Fritz Honka metzelte mindestens vier Frauen zu Tode und zersägte sie dann. Nach Heinz Strunks Erfolgsroman "Der goldene Handschuh" hat Regisseur Fatih Akin ("Gegen die Wand", "Aus dem Nichts", "Tschick") seine Geschichte nun verfilmt: eine Reise auf die Reeperbahn der 70er-Jahre - halb Klamotte, halb Schauermärchen.

von Rayk Wieland, MDR KULTUR

Es ist ein skurriles Parallel-Panoptikum, das sich allabendlich in der Hamburger Kiezkneipe "Der Goldene Handschuh" versammelt, um hier die Zeit totzuschlagen – und manchmal vielleicht auch Menschen. Einer der Stammgäste ist Fritz Honka, ein vom Leben in jeder Hinsicht deformiertes Faktotum, das später schaurige Berühmtheit erlangen wird, als "Jack the Ripper" von St. Pauli. Seine Geschichte, und die seiner Opfer, wollte Fatih Akin unbedingt verfilmen.

Natürlich wollte ich schon immer mal einen Horrorfilm machen. Aber wenn ich einen Horrorfilm mache, dann muss ich den Mist auch glauben. Hier hatte ich jetzt einen Serienmörder, der in meiner Nachbarschaft gewütet hat. Ich dachte: 'Okay, das könnte glaubhaft werden, weil es bei mir um die Ecke ist'.

Fatih Akin, Regisseur

Rückblick

Die Hamburger Reeperbahn Anfang der 70er-Jahre: eine trostlose, heruntergekommene Sexmeile. Berühmte Straße der Verlierer, der Verlorenen. "Lauter durchgeorgelte Gestalten", wie sie der Schriftsteller Heinz Strunk in seinem Roman nennt, der Vorlage des Films ist. Es ist ein Milieu, das heute in dieser Form wohl nicht mehr existiert.

Ich hatte kurz den Gedanken, das ins Heute zu übersetzen, denn das Motiv der Morde hat nicht wirklich mit der Zeit zu tun. Aber dieses Nachkriegsmilieu, diese Verlierer des Wirtschaftswunders, die spielen eben doch eine Rolle. Aus dieser Welt kommt der Honka.

Fatih Akin, Regisseur

Vom Leben gezeichnet

Honka, der seine Kindheit im KZ verbracht und dem ein Verkehrsunfall die schiefgesichtige Visage beschert hat, arbeitet als Nachtwächter. Ansonsten trinkt er Unmengen "Fako", Fanta-Korn. Im Vollsuff schleppt er wohnungslose Prostituierte in seine Mansarde, wo sexueller Frust und Wut ein groteskes Gemetzel befeuern. Die Leichen zersägt er und verstaut sie unterm Dach. Honkas Gesicht, grausamer Spiegel des Entsetzens, ist das Ereignis des Films.

Als ich dann das falsche Gebiss, die Augen und die Maske hatte, habe ich zum ersten Mal gesehen, wie die Leute auf mich reagiert haben. Und wenn man das erfährt, dann erzählt es viel über die Figur Honka.

Jonas Dassler, Hauptdarsteller

Bild aus dem Film 'Der Goldene Handschuh' von Fatih Akin
Fritz Honka wird gespielt vom 23-jährigen Jonas Dassler. Bildrechte: Warner Bros. Entertainment/Gordon Timpen

Ein Mörder wird zur Kultfigur

Der echte Fritz Honka wurde 1975 festgenommen. Ein psychiatrisches Gutachten attestierte ihm "schwere seelische Abartigkeit", eine Prozessbeobachterin notierte damals: "Honka, das ärmste aller Würstchen, hatte auch noch das Pech, zum Mörder zu werden". Vier Morde wurden ihm nachgewiesen an Frauen, deren Verschwinden niemand bemerkt hatte. Auch das verlieh dem Fall etwas Spukhaftes und machte ihn für die Boulevardpresse zum Fest.

Uns hat das alle aufgewühlt. Es gab an unserer Schule den sogenannten Honka-Gruß, dass man sich die Hand gab und eine sägende Bewegung vollführte. Das hatte schon etwas Folkloristisches.

Heinz Strunk, Buchautor von "Der goldene Handschuh"

Ins Heute übertragbar?

Im "Goldenen Handschuh", der im Wettbewerb der Berlinale läuft, gibt es viele emotionale Momente: halb Klamotte, halb Schauermärchen. Figuren, die ergriffener von ihren eigenen Emotionen sind als die Zuschauer, die am Ende nicht wissen, was das alles mit ihnen zu tun haben könnte. Regisseur Akin verweist darauf, dass man immer wieder von Menschen höre, die völlig unbemerkt in Mietskasernen sterben würden.

Wo viele Menschen auf einem Haufen sind, wo Geld verdient werden muss – da ist auch halt Kälte.

Fatih Akin, Regisseur

Mag sein, unsere Städte sind womöglich noch kälter geworden in den fünfzig Jahren, die uns von den Taten Fritz Honkas trennen. Und vielleicht ist es eine Perversion unserer Mediengesellschaft, wenn wir die Abgründe überhaupt nur noch wahrnehmen, wenn sie besonders grausam in Szene gesetzt sind.     

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Dieses Thema im Programm: Das Erste | ttt – titel, thesen, temperamente | 10. Februar 2019 | 23:35 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 14. Februar 2019, 04:00 Uhr

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