Der marktgerechte Patient
Dauernd hören wir von überlastetem Personal in den Kliniken, andererseits von den vielen OP's, die oft vorschnell vorgenommen würden. Wie das alles (nicht) zusammenpasst, zeigt uns der Dokfilm "Der marktgerechte Patient" Bildrechte: www.der-marktgerechte-patient.org

Dokfilm "Der marktgerechte Patient" Wie der Patient zur Ware wurde

Krankenhäuser müssen heutzutage Gewinn machen, heißt es. Warum? Das zeigt uns der Dokumentarfilm "Der marktgerechte Patient". Ärzte, Pfleger und Patienten sprechen darin offen über die Auswüchse des Fallpauschalen-Systems, das vor 15 Jahren eingeführt wurde. Die Regisseure Leslie Franke und Herdolor Lorenz sagen, es geht ihnen nicht um Skandalisierung, sondern um Aufklärung. Auf Basis von Spenden konnten sie ihren "Film von unten" machen, der jetzt deutschlandweit 100 Premieren feiert.

von Hans-Michael Marten und Katrin Schlenstedt, MDR KULTUR

Der marktgerechte Patient
Dauernd hören wir von überlastetem Personal in den Kliniken, andererseits von den vielen OP's, die oft vorschnell vorgenommen würden. Wie das alles (nicht) zusammenpasst, zeigt uns der Dokfilm "Der marktgerechte Patient" Bildrechte: www.der-marktgerechte-patient.org

Lang vorbei sind die Zeiten, als die Patienten hierzulande gebeten wurden, noch ein bisschen länger auf Station zu bleiben, sich auszukurieren. Spätestens seit Einführung der Fallpauschalen im Jahr 2003. Die Filmemacher Leslie Franke und Herdolor Lorenz zeigen uns rund 15 Jähre später, was dieser Systemwechsel, der Kosten sparen helfen sollte, aus der Gesundheitsversorgung gemacht hat: Eine Gesundheitswirtschaft.

Durch die Einführung der sogenannten Fallpauschalen wurde jede Krankheit mit einem fixen Preis versehen. Daraus folgt: Nicht mehr der Patient steht im Mittelpunkt, sondern der Erlös, der sich mit ihm erzielen lässt.

Leslie Franke, Filmemacherin

Das System der Diagnosis Related Groups - kurz Fallpauschalen

Ob Herzinfarkt oder Magenverstimmung - für einen Notfall bekommen Krankenhäuser im Schnitt 30 Euro. Da ist ein Röntgenbild und wenn's denn sein muss, noch ein CT mit dabei. Auch Geburten oder Krankheiten wie Diabetes, lernen Franke und Lorenz auf ihrem Streifzug durch mehrere Krankenhäuser der Republik, sind "niedrig dotiert" und damit für die Klinik "nicht lukrativ" - im Sinne der Diagnosis Related Groups - kurz DRG's bzw. Fallpauschalen. Man könnte auch sagen, sie rechnen sich nicht.

Der marktgerechte Patient
Nicht nur Not- und Extremfälle werden zum Problem Bildrechte: www.der-marktgerechte-patient.org

Inzwischen - so führt es ihre Dokumentation vor Augen - gefährden die DRG's nicht nur die Existenz vor allem kleinerer, breit aufgestellter kommunaler Krankenhäuser, die eine Rundum-Versorgung anbieten, sondern im Extremfall auch das Leben von Patienten. Betroffene erzählen den Filmemachern, dass sie beinah ihr Kind verloren hätten, das über ein Jahr auf ein Spenderorgan habe warten müssen: "In den Medien wird oft darüber gesprochen, das ist der Spendermangel. Viel richtiger ist, dass die Kliniken, in denen die Spender sterben, einem Kostendruck ausgesetzt sind." Denn: "Diese Spender belegen eine OP-Kapazität." Es sei viel lukrativer, sie anderweitig zu nutzen.

Doch nicht nur Not- und Extremfälle auch Volkskrankheiten wie Diabetes lassen sich im DRG-System immer schwerer versorgen, argumentieren die Filmemacher. Einen Diabetes-Patienten richtig einzustellen und davor zu bewahren, dass ihm eines Tages der Fuß amputiert werden muss, das koste viel Zeit, erklärt Lorenz. Aber: Eine Amputation sei viel besser dotiert als eine chronische Wundbehandlung, erläutert im Film eine Ärztin, die sich aus dem Krankenhausbetrieb zurückgezogen hat.

Die Folgen für Patienten und Personal: Kostendruck und Konkurrenz

Gespart wird seit Einführung der Fallpauschalen überall, denn die Krankenhäuser - öffentliche, konfessionelle und private stehen unter Kostendruck und nun in Konkurrenz. Und am meisten kostet nun mal das Personal. 50.000 Stellen wurden in den vergangenen 15 Jahren in der Pflege abgebaut. Dabei sei die Kommerzialisierung auch ein erster Schritt zur Privatisierung gewesen, machen die Filmemacher klar. So wie in Hamburg, wo vor 14 Jahren das Unternehmen Asklepios der Stadt zehn Kliniken abkaufte. Zuvor hatten 77 Prozent der Hamburger in einem Volksentscheid dagegen gestimmt.

Die Filmemacher Leslie Franke und Herdolor Lorenz
Die Filmemacher Leslie Franke und Herdolor Lorenz Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die Unzufriedenheit beim verbliebenen und überlasteten Personal ist groß, weiß Lorenz durch die Recherchen. Pfleger und bei Ärzten, die sich noch ihrem Ethos verbunden fühlten, "denen stinkt's". So sei ihnen immer wieder Material zugespielt worden, etwa das Buch der Zentralambulanz einer privaten Hamburger Klinik, die als Kompetenzzentrum auf Schwerstkranke spezialisiert sei, aber immer mehr dieser Patienten abweise. Aus Kostengründen.

Dass man versucht, aus kranken Menschen Gewinne zu ziehen, das zeigt ja eine Gesellschaft, die völlig den Halt verloren hat. Also da ist ja von Ethik, Moral, Hilfeleitung, Barmherzigkeit überhaupt nichts mehr zu sehen.

Leslie Franke, Filmemacherin

"Blutig entlassen" oder: Bittere Bilanz und Zeichen des Umdenkens

Der marktgerechte Patient
Notaufnahme im Städtischem Klinikum Dortmund - Jede Aufnahme bedeutet Verluste Bildrechte: www.der-marktgerechte-patient.org

Franke und Lorenz ziehen eine bittere Bilanz. Für sie bringen es die Worte des Berliner Ärztekammerpräsidenten auf den Punkt, der meinte, die DRG's seien wie eine schlechte Medizin, nur die negativen Nebenwirkungen seien eingetreten. Scheinbar nicht kalkulierte noch dazu. Denn das unter der SPD-Regierung von Kanzler Gerhard Schröder eingeführte System der Fallpauschalen spare nichts. Im Gegenteil. Nun kreierten Kliniken lukrative Fälle, gut dotierte Operationen im orthopädischen Bereich beispielsweise. So seien die Fallzahlen absolut angestiegen und dadurch auch die Kosten. Und wer nicht lange genug bleibe - quasi "blutig entlassen werde - der komme meistens bald zur Nachbehandlung wieder.

Der marktgerechte Patient
Der Münchner OB Dieter Reiter kritisiert das Fallpauschalen-System. Bildrechte: www.der-marktgerechte-patient.org

In ihrer Dokumentation zeigen die Filmemacher jedoch auch Umdenken und Widerstand. Das Städtische Klinikum Dortmund etwa erhält seine Station, die Diabetiker versorgt, mit einer Chefarztstelle. Der Geschäftsführer sagt - auch mit Rückendeckung des OB als Aufsichtsratsvorsitzendem - man halte sich nicht an die Fallpauschalen. Nach Streiks gegen den eklatanten Mangel an Pflegepersonal verzichtet die Klinikleitung dort auch auf die sonst so beliebten externen betriebswirtschaftlichen Gutachter, die beim Verschlanken helfen sollen, und berät inzwischen mit dem eigenen Personal über das Budget. Der Münchner OB Dieter Reiter kritisiert als Aufsichtsratsvorsitzender der Städtischen Kliniken, dass man sie dem Markt überlassen solle und per EU-Recht sogar Unterstützung zu verbieten, das dürfe nicht sein.

Es ist doch irre, dass Gesundheitskonzerne wie Asklepius, Rhönklinik oder Helios noch 12, 15 Prozent Rendite machen. Das ist mehr als die Banken heutzutage schaffen. Das presst man aus den Patienten raus, aus dem Personal und aus den gesetzlichen Krankenversicherungen. Das geht dann irgendwelchen Aktionären zu. Das ist doch verrückt.

Herdolor Lorenz, Filmemacher

"Fragen Sie doch mal Ihren Abgeordneten!"

Der marktgerechte Patient
Daseinsvorsorge oder Dividende? Bildrechte: www.der-marktgerechte-patient.org

Als politische Aufklärung verstehen Franke und Lorenz ihre Dokumentation. Auf Basis von Spenden kam der "Film von unten" zustande. Die, die Geld gegeben haben, dürfen ihn auch aufführen. Deutschlandweit seien 100 Premieren geplant. Das Publikum werde auch nicht allein mit dem Thema gelassen, betont Franke. Vielerorts fänden Diskussionen mit Fachleuten statt. Aus dem marktgerechten Patienten soll ein informierter werden, der sich zu wehren weiß. Franke empfiehlt im Fall der Fälle, doch mal bei seinem Abgeordneten nachzuhaken, wieso kommunale Krankenhäuser vielerorts mit der Finanzierung von Investitionen kämpfen müssten, obwohl sie in einem solidarisch organisierten Versicherungssystem der Daseinsvorsorge klar eine Aufgabe des Staates sei.

Wir sind nicht an der Zurschaustellung von Skandalen interessiert. Uns kommt es bei der Aufdeckung von Folgen vor allem auf die Ursachen der unhaltbaren Zustände in den deutschen Krankenhäusern an. Nur so sind sie zu verändern.

Leslie Franke und Herdolor Lorenz, Filmemacher

Dass Ärzte, Pfleger und Patienten im Film so offen über die Auswüchse der Fallpauschale reden, ist die große Stärke des Filmes. Es wird klar, wie systematisch und von der Politik sanktioniert, ein eigentlich gut aufgestelltes, solidarisches Gesundheitssystem abgeschafft wird, und dass es einer Reform bedarf, damit der Kranke, vom Kunden, unabhängig vom Gewinn wieder zum Patienten wird.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | artour | 08. November 2018 | 22:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 09. November 2018, 10:51 Uhr