Debatte um Naziglocken und "Entjudungsinstitut" Historiker: 2019 war ein Meilenstein der kirchlichen Erinnerungskultur

Die nationalsozialistischen "Deutschen Christen" gründeten sich einst im Altenburger Land, in Thüringen waren sie besonders erfolgreich. Nach ersten Aufarbeitungsversuchen wurde diese Episode von der Evangelischen Kirche in der DDR lange unter den Teppich gekehrt, nach der Wende blieb eine breite Debatte aus. Erst das Jahr 2019 habe einen wichtigen Diskussionsschub hervorgebracht, sagt der Jenaer Kirchenhistoriker Christopher Spehr.

Deutsche Christen im Wieratal
Pfarrer Leutheuser beim Feld-Gottesdienst zur Lindenweihe in Hinteruhlmannsdorf am 26.5.1933. Bildrechte: LATh - Staatsarchiv Altenburg, Bildersammlung, Nr. 4756-78

Niederwiera im Jahr 1927: Gemeinsam mit seinem Freund Julius Leutheuser tritt der junge Pfarrer Siegfried Leffler hier im Altenburger Land sein Amt an. Die beiden kommen aus Bayern, wo sie bereits 1923 am Hitlerputsch teilgenommen haben. Als überzeugte Nationalsozialisten sehen sie in Hitler einen Messias, der das deutsche Reich in eine gottgewollte Zeit führen wird. Schnell weht also die Hakenkreuzfahne von den Kirchtürmen. Ein Foto zeugt noch heute von einem Feldgottesdienst, den Leffler und Leutheuser am 26. Mai 1933 im benachbarten Hinteruhlmansdorf organisieren. Hierfür marschieren am 26. Mai 1933 1.300 SA-Männer auf.

Deutsche Christen im Wieratal
Die Lindenweihe in Hinteruhlmannsdorf. Bildrechte: LATh – Staatsarchiv Altenburg, Bildersammlung, Nr. 4756-146

Leffler und Leutheuser gelten heute als Urheber der sogenannten "Deutschen Christen": eine antisemitische und nationalistische Strömung innerhalb des deutschen Protestantismus. Sie unterstützten die Nationalsozialisten schon, bevor diese 1933 an die Macht kamen. Im Altenburger Land formierten sie sich und gingen hier daran, ihre Ziele zu verwirklichen. So wurde 1939 in Eisenach das sogenannte "Entjudungsinstitut" gegründet, das alle jüdischen Bezüge aus der Bibel tilgen wollte. Von rund 600 Pfarrern waren in Thüringen 315 aktive Anhänger der "Deutschen Christen".

Pfarrer bleiben in Amt und Würden

Nach einer halbherzigen Entnazifizierung nach dem Krieg durften in Thüringen alle Pfarrer früher oder später wieder auf der Kanzel stehen. In den Jahren um 1950 wurde zwar mit der Aufarbeitung des Geschehenen begonnen – der Leipziger Kirchenhistoriker Kurt Meier war einer der ersten, die sich mit den Deutschen Christen beschäftigten – diese kam aber wenige Jahre später zum Erliegen. "Eine Frage war zu DDR-Zeiten immer im Hintergrund", erklärt Christopher Spehr, Professor für Kirchengeschichte an der Universität Jena, "die Frage: Wie weit können wir uns mit unserer Vergangenheit kritisch auseinander setzen und wie weit schaden wir damit uns als Kirche?"

Während in den 70er-Jahren einige westdeutsche Landeskirchen also die weitere Forschung mit neuem Schwung vorantrieben, blieb dies in der DDR aus. Als in den 80er-Jahren die erste kritische Kirchengeschichte für Thüringen entstand, durfte nicht alles gedruckt werden. "Heute sind wir ein ganzes Stück weiter", so die Überzeugung von Christopher Spehr. Seit der Öffnung der Archive vor 30 Jahren sei einiges geleistet worden. "Gerade das Jahr 2019 hat hier aber noch einmal einen Forschungs-, oder besser Diskussionsschub hervorgebracht."

Die eigene Geschichte hinterfragen

Christopher Spehr (l-r), wissenschaftlicher Leiter der Sonderausstellung, Ilse Junkermann, Landesbischöfin der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM), Jochen Birkenmeier, Leiter und Kurator der Stiftung Lutherhaus Eisenach, zeigen am Rande einer Pressekonferenz ein "entjudetes" Neues Testament und einen Flyer für die Sonderausstellung zur Gründung des NS-«Entjudungsinstitutes» der evangelischen Kirche in Eisenach vor 80 Jahren.
Christopher Spehr, die damalige Landesbischöfin der EKM Ilse Junkermann und Jochen Birkenmeier, Leiter der Stiftung Lutherhaus Eisenach bei einer Pressekonferenz zur "Entjudungsinstitut"-Ausstellung. Bildrechte: dpa

Spehr spielt auf das Mahnmal zum "Entjudungsinstitut" an, das acht evangelische Landeskirchen im Mai in Eisenach enthüllten. Auch die wissenschaftliche Tagung auf der Wartburg zum Institut und die Ausstellung im Lutherhaus bezeichnet er als "Meilensteine der kirchlichen Erinnerungskultur, der wissenschaftlichen Forschung und der gesellschaftlichen Vermittlung." Offene Fragen sieht er aber weiterhin, gerade was die Rolle der einzelnen Gemeinden angeht. Zum Teil gebe es hier großartige lokalgeschichtliche Studien, zum größten Teil herrsche aber noch völlige Unkenntnis.

Wie wichtig diese Aufklärung innerhalb der Gemeinden ist, hat auch eine weitere Debatte des vergangenen Jahres gezeigt: Sie kochte auf, als klar wurde, dass in acht Kirchen auf dem Gebiet der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland nach wie vor Glocken mit Bezügen zur Nazi-Zeit hingen. Viele Mitglieder der betroffenen Gemeinden waren damals ziemlich überrascht und auch überfordert – über die einstige Begeisterung für eine rassistische und faschistische Ideologie war dort jahrelang nicht offen geredet worden.

Die Spuren sind verwischt

Siegfried Leffler und Julius Leutheuser
Siegfried Leffler und Julius Leutheuser Bildrechte: Sammlung Schädel, Hinteruhlmannsdorf

Auch für die Pfarrer aus dem Wieratal, Siegfried Leffler und Julius Leutheuser, hatte ihr nationalsozialistisches Mitwirken nie Konsequenzen: Leutheuser starb noch während des Zweiten Weltkriegs, Leffler kehrte 1948 nach einer dreijährigen Internierung im Lager Ludwigsburg in den Dienst der evangelischen Kirche zurück. 1949 wurde er Pfarrer in der neugegründeten Friedenskirche in Hengersberg bei Deggendorf und arbeitete dort bis zu seiner Pensionierung 1970. Auf dem Internetauftritt der Gemeinde findet sich heute kein Hinweis auf Lefflers Vergangenheit.

Ein Mahnmal in Erinnerung an das "Entjudungsinstitut" zur Nazizeit in Eisenach. Auf einer rostigen Metallplatte steht neben einer Informationstafel die Aufschrift: Wir sind in die Irre gegangen... 63 min
Bildrechte: Stiftung Lutherhaus Eisenach (Sascha Willms)

Die Geschichte der "Deutschen Christen" gehört bis heute zu den wenig bekannten Kapiteln der protestantischen Kirche in der NS-Zeit. Ihren Ursprung nahm diese Strömung im Wieratal bei Altenburg. Von Wolfram Nagel.

MDR KULTUR - Das Radio Di 03.12.2019 22:00Uhr 62:41 min

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Buchtipp Joachim Krause: Im Glauben an Gott und Hitler - Die "Deutschen Christen" aus dem Wieratal und ihr Siegeszug ins Reich von 1928 bis 1945

Sax Verlag
978-3-86729-212-2

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 03. Dezember 2019 | 18:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 27. Dezember 2019, 04:00 Uhr

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