Ulrich Khuon und Marc Grandmontagne beim Deutschen Theaterpreis
Bühnenvereinschef Ulrich Khuon und der geschäftsführende Direktor Marc Grandmontagne Bildrechte: imago/Future Image

Theater- und Orchesterchefs tagen Bühnenverein besorgt über rechte Einflussnahme

Kürzlich stand das Freiberger Theater im Zentrum einer Debatte um die Kunstfreiheit. Jetzt treffen sich die Theater- und Orchesterchefs, um u.a. darüber zu diskutieren, wie sie auf rechtspopulistische Angriffe reagieren. Auch sonst gibt es großen Redebedarf. Auf der Agenda des zweitägigen Treffens in Nürnberg stehen auch Debatten über "Missbrauchssstrukturen" an den Bühnen, eine bessere Frauenförderung und Fachkräftemangel.

Ulrich Khuon und Marc Grandmontagne beim Deutschen Theaterpreis
Bühnenvereinschef Ulrich Khuon und der geschäftsführende Direktor Marc Grandmontagne Bildrechte: imago/Future Image

Der Deutsche Bühnenverein warnt davor, die Programmgestaltung der Theater politisch zu beeinflussen oder ideologisch zu instrumentalisieren. Vor der Jahrestagung in Nürnberg sagte der geschäftsführende Direktor Marc Grandmontagne im Gespräch mit MDR KULTUR, der Umgang mit dem Rechtspopulismus sei eines der brennendsten Themen.

"Theater muss nach Beweggründen fragen"

Die Wahlen zum Europäischen Parlament, aber auch die Kommunalwahlen in verschiedenen Teilen Deutschlands zeigten, dass das Thema auch bleibe, so Grandmontagne. Der Bühnenverein setze sich seit einiger Zeit damit auseinander. Dabei gehe es um das Phänomen insgesamt, also auch darum, nach den Beweggründen der Menschen zu fragen oder danach, woher Gefühle der Frustration oder Entwertung als Motiv rechts zu wählen, kämen. Die Bühnen seien als öffentliche Orte in der Pflicht, sich diesen Fragen zu stellen.

Zuvor hatte Bühnenvereinspräsident Ulrich Khuon erklärt, seit dem Aufstieg der Rechtspartei AfD würden Kunstbetriebe zunehmend beschuldigt, politische Positionen der aktuellen Regierung zu vertreten. Dabei sei es doch gerade die Neue Rechte, der ein unkritisches Gesinnungstheater, ein völkisches, nationalistisches Theater als Ideal vorschwebe. Neben Störaktionen sogenannter identitärer Gruppen werde versucht, über die Kürzung der Budgets Einfluss auf die Arbeit der Bühnen zu nehmen.

Wie ist Geschlechtergerechtigkeit zu erreichen?

Bei der Jahrestagung kommen bis Sonnabend 250 Theater- und Orchester-Chefs zusammen. Redebedarf sieht Grandmontagne auch in Sachen Geschlechtergerechtigkeit: "Wir leben in einer Zeit, die sehr sensibel mit dem Thema umgeht, was auch richtig ist", sagte er MDR KULTUR. Beim Bühnenverein und seinen Mitgliedern sieht er Nachholebedarf. Auch wenn der Anteil von Frauen in den Führungsetagen der Theater und Orchester in den vergangenen 30 Jahren von einem Prozent auf etwa 22 Prozent gesteigert worden sei. Es gebe immer noch einen deutlichen, männlichen Überhang in den Leitungsfunktionen. Ziel müsse es sein, zu einer Parität zu kommen. "Es geht jetzt weniger darum, Widerstände zu überwinden, als um die Frage: Wie wird es gemacht", schätzte er die Stimmung an den Häusern ein. Der Bühnenverein wolle die Transformation "wie ein Katalysator befördern, durch Exkurs und Expertise", die das Treffen biete.

Diskutieren werden solle auch über "Missbrauchsstrukturen" an den Bühnen. Zum Umgang mit sexuellen Übergriffen und Machtmissbrauch hatte der Bühnenverein im vergangenen Jahr einen "wertebasierten Verhaltenskodex" zur Prävention beschlossen.

Fachkräftemangel bereitet Sorgen

Auch ein ganz handfestes Thema beschäftigt den Interessen- und Arbeitgeberverband von rund 470 Theatern, Opernhäusern und Orchestern. Grandmontage verwies auf eine Umfrage des Bühnenvereins, der einen eklatanten Personal- und Fachkräftemangel an den Häusern in den Bereichen Verwaltung und Technik zeigte. "Das hat ganz praktische Auswirkungen, nämlich dass unter Umständen der Vorhang gar nicht mehr aufgehen kann", erklärte Grandmontage. Er führte ihn zurück auf "alle Bereiche von der Ausbildung bis hin zur Veränderung der Berufsbilder im Theater".

Anlass für Debatten um die Kunstfreiheit

Anlässe zur Debatte um die Kunstfreiheit bzw. die Einflussnahme der Politik darauf gibt es derzeit einige in Sachsen. Ende Mai stellte die AfD Sachsen den Entwurf ihres neuen Wahlprogrammes zur parteiinternen Diskussion. Darin heißt es: "Wir wenden uns gegen ein einseitig politisch orientiertes, erzieherisches Musik- und Sprechtheater, wie es derzeit auf sächsischen Bühnen praktiziert wird." Außerdem dürfe Kultur "kein Tummelplatz für soziokulturelle Klientelpolitik sein." Zugleich verwahrte sich die künstlerische Leitung des Freiberger Theaters zur selben Zeit aus konkretem Anlass gegen Versuche der Einflussnahme auf die Programmgestaltung.

Vorausgegangen war der Wirbel um eine Veranstaltung des Theaters in der Reihe "DIALOG – Wir haben die Wahl - Was ist zu tun?" Ende März. Geladen war die Publizistin Liane Bednarz mit ihrem Buch "Angstprediger", das sich damit befasst, wie rechte Christen Einfluss auf Gesellschaft und Kirche nehmen. Vorgeblich wegen zu erwartender Störer verlegte die Gesellschafterversammlung die Veranstaltung kurzfristig vom Theater in den Festsaal des Rathauses - gegen den Willen des Intendanten, aber mit Zustimmung des Geschäftsführers. In einer Stadtratssitzung am 2. Mai nahm der inzwischen parteilose Oberbürgermeister Sven Krüger auf eine AfD-Anfrage Stellung. Bei diesem Termin unterstellte er Intendant Ralf-Peter Schulze nach einem Zeitungsbericht, "Wahlwerbung betrieben, Statuten verletzt und Geld zweckentfremdet zu haben". Am Ende hatte Krüger mit Blick auf die "Zeiten des Vorwahlkampfes" in der Fragestunde erklärt, "strikte Neutralität" sei geboten. Derartige Veranstaltungen dürften deswegen künftig nicht mehr in den Räumlichkeiten des Theaters organisiert und durchgeführt werden. In diesem Zusammenhang verschwand auf Veranlassung von Geschäftsführer Hans-Peter Ickrath auch der Link auf die Erklärung DIE VIELEN von der Website.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 14. Juni 2019 | 11:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 14. Juni 2019, 15:42 Uhr

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