Verborgene Schätze Kunst, Körperkultur und Katharina Witt: Wie die DHfK-Sammlung ins Depot verschwand

Noch heute ist die Deutsche Hochschule für Körperkultur in Leipzig als Medaillenschmiede der DDR berühmt. Weniger bekannt ist, dass an der DHfK auch eifrig Kunst gesammelt wurde: 500 Werke umfasste die Kollektion schließlich, darunter Heinz Wagners nachdenkliches Porträt von Eisprinzessin Katharina Witt oder Willi Sittes "Weitspringer", über das lange mit dem Malerfürsten verhandelt wurde. Mit dem Ende der DDR und der DHfK verschwand sie im Depot ...

Der Osten - Entdecke wo du lebst DHfK Leipzig
Eine nahezu vollständig geschlossene vierflügelige Anlage sah der Wettbewerbsentwurf vor. Vertreter der DHfK und der Deutschen Bauakademie ließen sich 1950 auf einer Reise in die Sowjetunion inspirieren. 1952 war Grundsteinlegung. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die Deutsche Hochschule für Körperkultur (DHfK) in Leipzig ist immer noch berühmt, denn dort nahm es seinen Anfang: das DDR-Sportwunder. In eindringliches Blau gekleidete Athletinnen und Athleten sollten bald immer wieder mit den Supermächten USA und UdSSR aufs Siegertreppchen steigen und so dem kleinen Arbeiter- und Bauern-Staat zu größerem Ansehen verhelfen.

Ein Campus wie ein Schloss

Seinen Anfang nahm diese vermeintliche Erfolgsgeschichte im Oktober 1950, als die ersten 96 Studentinen und Studenten die noch provisorischen Räume auf dem riesigen Komplex an der einstigen Stalin-Allee bezogen, die später sportlich umgetauft wurde auf "Turnvater" Friedrich Ludwig Jahn. Noch heute lässt der Campus in seiner schlossartigen Anlage keine Zweifel: Hier studierte die Elite.

Vor allem für medaillenträchtige, olympische Sportarten wie Leichtathletik und Turnen, Schwimmen und Kanurennsport oder Radfahren wurde trainiert: In opulenten Säulenhallen und vor allem nach einem ausgeklügelten System. Wegen Dopingverdachts sollte es in Verruf kommen – 40 Jahre später.

Ein Trainer steht in einer Schwimmhalle am Beckenrand 45 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Neue Horizonte?

Die DHfK in Leipzig
Petra Tzschoppe und Professor Günter Witt, der die Kunstsammlung mitaufbaute Bildrechte: Petra Tzschoppe

Ebenso lang war Petra Tzschoppe dem Hochschul-Campus verbunden. Sie studierte Ende der 1970er-Jahre an der DHfK und promovierte später zur Beziehung von Sport und Kunst in der DDR. So betont sie, dass die Körperkultur nicht zufällig im alten Namen der Hochschule stand. Darauf verweise nicht nur die recht prächtige Architektur als kulturvolle Umgebung für die Leibesübungen, sondern auch die beachtliche Kunstsammlung, von der heute aber kaum noch jemand wisse: 500 Gemälde, Grafiken und Plastiken namhafter Künstler umfasst sie. Zu sehen waren sie mitten in der Hochschule, wie Tzschoppe sich erinnert.

Die DHfK in Leipzig
Katharina Witt als nachdenkliche junge Frau Bildrechte: Petra Tzschoppe

Dort wo heute profan in Schaukästen über Lehrveranstaltungen informiert wird, blickte früher Katharina Witt, nachdenklich porträtiert von Heinz Wagner, von der Wand: "Einige waren irritiert. Denn es war nicht die strahlende Katarina Witt, die man immer lächelnd auf der Eisfläche und im Glanze des Triumphes gesehen hat, sondern eine sehr in sich gekehrte, in einem fast grauen Alltagskleid, vielleicht porträtiert in einem Moment des Nachdenkens darüber, was sie für den Leistungssport alles aufwendet."

Ende der 1960er-Jahre erhielt die Hochschule erste Schenkungen: "Dass der Kunstbestand wuchs, dafür sorgte Professor Günter Witt aus der Sportästhetik, mit Ankäufen von Werken renommierter DDR-Künstler", berichtet Petra Tzschoppe, die damals unter Witts Leitung arbeitete. Die Kunst-Ambitionen auf dem Sport-Campus erklärt sie so: "Es gibt ja manchmal die Vorstellung, dass der Horizont eines Sportstudenten nicht weiter reiche als bis zum Ende des Sportplatzes, diesem Bild wollte man was entgegen stellen und den Horizont der Studierenden auch weiten. Das ist ja der Anspruch an eine universitäre Bildung: Es sollte nicht nur der Körper entwickelt werden, sondern auch der Geist frei schwingen, angeregt auch durch die tägliche Begegnung mit der Kunst."

Einblicke Die DHfK als Kunstgeschichte

Ende der 1960er-Jahre erhielt die Hochschule erste Schenkungen. Dass der Kunstbestand wuchs, dafür sorgte Professor Günter Witt, der sich um den Aufbau der Sammlung kümmerte. Einblicke.

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Eine nahezu vollständig geschlossene vierflügelige Anlage sah der Wettbewerbsentwurf vor. Vertreter der DHfK und der Deutschen Bauakademie ließen sich 1950 auf einer Reise in die Sowjetunion inspirieren. 1952 war Grundsteinlegung. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
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Die Staffel-Läufer-Bronze stammt von Künstlerin Senta Baldamus (1920-2001): "Stabwechsel", heißt sie. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
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Angreifen war angesagt: Eine der Plastiken im Innenbereich der DhfK. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
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Studieren im Sportpalast Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
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Mal eine andere Perspektive: Heinz Wagners (1925-2003) "Bildnis der Eiskunstläuferin Katharina Witt", 1986: Nicht strahlend, sondern sehr nachdenklich. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
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Petra Tzschoppe und Christine Hübner blicken auf Bert Hellers (1912-1970) Gemälde: "Gustav Adolf Schur und die Jungen", 1959. In der Beschreibung heißt es: "Das Gruppenporträt zeigt den Radrennfahrer Täve Schur auf dem Höhepunkt seines Ruhms, den er 1955 als erster DDR-Fahrer durch den Sieg bei der Friedensfahrt begründet und nach zweimaligem Weltmeistertitel im Straßenrennen 1958 und 1959 fundamentiert hatte." Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
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Auf dem DHfK-Gelände befinden sich heute vor Ort noch knapp 30 plastische Arbeiten, Reliefs und freistehende Plastik sowie mehrere großformatige Gemälde bzw. Wandmalerei - u.a. im Bereich der Mensa auf dem Sportcampus. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
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Das bronzene Karl-Marx-Relief der Universität, deren Namenspatron der Philosoph war, lagert seit 2008 auf dem Außengelände der einstigen DHfK, heute "Campus Jahnallee". Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
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Eine nahezu vollständig geschlossene vierflügelige Anlage sah der Wettbewerbsentwurf vor. Vertreter der DHfK und der Deutschen Bauakademie ließen sich 1950 auf einer Reise in die Sowjetunion inspirieren. 1952 war Grundsteinlegung. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
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Das Foyer Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
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Keine Sporthalle, sondern ein lichter Saal Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
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Ebenfalls im Depot: Lothar Zitzmanns (1924-1977) "Vor dem Fußballtor", 1968 Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
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Willi Sitte (1921-2013): Weitspringer, 1976: Bereits 1976 entstanden, gelangte das Gemälde erst im Februar 1990 in den Besitz der Kunstsammlung der DHfK. Statt der ursprünglich vorgeschlagenen Kaufsumme von 7.500 Mark, die der Honorarordnung Bildende Kunst von 1978 entsprochen hätte, musste Witt 12.000 Ost-Mark aufbringen. In der beschreibung zum Bild heißt es: "Das farbintensive, mit kraftvollen Pinselstrichen gemalte Bild setzt in der Malweise und der Perspektive jene Entwicklung fort, die mit Sittes 'Schwimmer' von 1971 iihren ersten Höhepunkt fand. Der Betrachter wird im Wortsinne mit dem Körper des ihm entgegenkommenden Sportlers im Moment seiner stärksten Kraftentfaltung konfrontiert." Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Das neue Leipziger Zentralstadion (r.), die Leipzig Arena (hinten l.) und die ehemalige Deutsche Hochschule für Körperkultur und Sport (DHfK/hinten r.), 2005
Blick auf die Leipziger Sportstätten: Das Zentralstadion (r.), die Leipzig Arena (hinten l.) und die ehemalige Deutsche Hochschule für Körperkultur und Sport (DHfK/hinten r.), 2005 Bildrechte: dpa
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"Das würde heute niemand mehr versichern"

Die Kunstwerke hingen damals in den Gängen und Hallen der Hochschule, sogar in der Mensa – heute undenkbar, damals irgendwie selbstverständlich, wie sich Petra Tzschoppe erzählt: "Eigentlich hatten wir nie die Sorge, es könnte jemand drüber sprühen oder in einer anderen Weise die Kunstwerke beschädigen. Das hat sich deutlich geändert, das würde heute niemand mehr versichern."

Die DHfK in Leipzig
500 Werke im Depot verschwunden Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Nicht nur deshalb verschwand die einzigartige Kunstsammlung von der Bildfläche. Am 11. Dezember 1990 wurde die DHfK geschlossen, als "Hochburg der Anabolika" war sie inzwischen verpönt. 1.050 Mitarbeitende verloren ihren Job. Am 8. Dezember 1993 wurde nach langen Diskussionen eine sportwissenschaftliche Fakultät an der Universität Leipzig neugegründet, die die Infrastruktur der DHfK und auch einige frühere Angestellte übernahm. Und während das große, bronzene Karl-Marx-Relief der Uni seit 2008 auf dem Außengelände der einstigen DHfK, heute "Campus Jahnallee" zu sehen ist, lagert die DHfK-Kunst im Archiv der Universität Leipzig sicher und gut verschlossen.

"Kommen wir zum nächsten Helden..."

Mit Sammlungskonservatorin Christine Hübner von der Kustodie besucht Petra Tzschoppe die einstigen Heldinnen und Helden des Sports, die sie zum letzten Mal vor 30 Jahren gesehen hat: Katharina Witt und Täve Schur, porträtiert von Bert Heller, Maler und einst Rektor der Kunsthochschule Berlin-Weißensee.

Die DHfK in Leipzig
"Da ist Power drin!", findet Petra Tzschoppe beim Blick auf Sittes "Weitspringer". Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Auch ein Werk von Willi Sitte, Vorreiter des sozialistischen Realismus, ist dabei: "Da ist Power drin", sagt Petra Tzschoppe begeistert. Dabei weiß Hübner zu berichten, dass sich der Hallenser erst zierte. Er käme nicht an seine Werke, sein Depot werde umgebaut. Fürstliche 12.000 Ost-Mark zahlte die DHfK dann für den Ankauf. Heute überlegt Petra Tzschoppe, wie sich Budget und Interesse organisieren ließe, die besondere Sammlung aus dem Verborgenen zu holen.

Mehr über die DHfK-Kunstsammlung

*Ende der 1960er-Jahre erhielt die Hochschule erste Schenkungen.
*Für den Aufbau der Kunstsammlung der DHfK standen in den 1980er- Jahren jährlich 50.000 Mark aus Sportfonds "für Ankäufe bzw. Aufträge zur Erweiterung und Vervollkommnung der Galerie der DHfK" zur Verfügung, die beim Staatssekretariat für Körperkultur und Sport in Berlin beantragt wurden.
*Auf rund 500 Werke wuchs die DHfK-Kunstsammlung an. Noch im Februar 1990 kam mit dem "Weitspringer" von Willi Sitte ein Bild dazu. Die Werke der Sammlung wurden entweder beim Künstler, auf Aufstellungen oder auf dem Staatlichen Kunstmarkt angekauft oder bei Künstlern in Auftrag gegeben. Z.B. waren die drei überlebensgroßen Bronzeplastiken "Speerwerfer", "Künstlerische Gymnastik" und "Rumpfheben" von Rudolf Oelzner auf dem Campusvorplatz Auftragsarbeiten. Zu den namhaften Künstlern in der Sammlung zählen ...
*Malerei: Werner Tübke, Wolfgang Böttcher, Ulrich Hachulla, Carl Marx, Volker Stelzmann, Bern Hertel, Frank Ruddigkeit, Willi Sitte
*Plastik: Hans-Joachim Förster, Rudolf Oelzner, Wieland Förster, Marika Sängerlaub, Senta Baldamus
*Grafik: Siegfried Ratzlaff, Wolfgang Mattheuer, Rainer Schade
*Mit der Abwicklung der DHfK gelangten die Werke 1991 in den Bestand der Universitären Kunstsammlung und in die Verantwortung der Kustodie.
*Auf dem alten DHfK-Gelände befinden sich heute vor Ort noch knapp 30 plastische Arbeiten, Reliefs und freistehende Plastik sowie mehrere großformatige Gemälde bzw. Wandmalerei.
*Ausstellungen aus dem Fundus gab es 1994 in der Schau "Zeitläufe". Eine weitere Ausstellung mit Objekten aus der Sammlung fand 2002 zum Deutschen Kunstfest in Leipzig statt, ebenfalls im Gebäude der AOK. Zuletzt waren 2006 in der Kustodie im Kroch-Haus Werke der Sammlung in der Schau unter dem Titel "Rasenballett" zu sehen. *Konkrete Pläne für eine Sonderausstellung zur Sammlung der DHfK gibt es momentan nicht. "Prinzipiell wäre es wünschenswert, die Sammlung wissenschaftlich zu bearbeiten und angemessen zu präsentieren", erklärt auf Nachfrage Sammlungskonservatorin Christine Hübner. Eine Integration in die Dauerausstellung sei aus Platzgründen momentan nur schwer oder in sehr begrenztem Maß möglich.

Mehr Kultur in Leipzig und Sachsen

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | 20. Oktober 2020 | 21:00 Uhr