Demonstranten nehmen an einer Kundgebung teil, zu der die Bewegung Pro Chemnitz aufgerufen hat, und halten ein Transparent "Das Volk steht auf! Für die Zukunft unserer Kinder!".
Wer ist heute das Volk? Bildrechte: dpa

Diskurs "Wer wir sind": Jana Hensel und Wolfgang Engler erklären den Osten

Wer sind die Ostdeutschen und was ist los mit ihnen, fragen sich viele wieder – gerade nach den Ausschreitungen in Chemnitz. Passend zur neu entbrannten Debatte erscheint nun das Buch "Wer wir sind" von Jana Hensel und Wolfgang Engler. Darin stellen sie sich in einem Streitgespräch der Frage nach der ostdeutschen Erfahrung. Den Fokus legen sie dabei nicht auf die DDR-, sondern auf die Nachwendegeschichte. Auch biografisch argumentieren die Schriftstellerin und der Soziologe in ihrem Buch.

Demonstranten nehmen an einer Kundgebung teil, zu der die Bewegung Pro Chemnitz aufgerufen hat, und halten ein Transparent "Das Volk steht auf! Für die Zukunft unserer Kinder!".
Wer ist heute das Volk? Bildrechte: dpa

Wie tickt der Osten? Muss diese Frage jetzt, fast 30 Jahre nach dem Fall der Mauer, immer noch gestellt werden? Oder jetzt gerade wieder? NSU, Pegida oder die Wahlerfolge der AfD werfen viele Fragen auf. Auf die Ereignisse in Chemnitz reagiert auch das Ausland entsetzt. Die Stadt sei "ein anschauliches Beispiel für einen Osten, der sich zurückgelassen fühlt", schreibt die britische "Times". "Die Ostdeutschen hatten im Gegensatz zu den Westdeutschen keine freundliche Besatzungsmacht, die ihnen Demokratie und Pluralismus beibringen konnte", urteilt die dänische "Jyllands Posten".

Jana Hensel
Jana Hensel, Journalistin und Schriftstellerin Bildrechte: imago/STAR-MEDIA

Die Autorin Jana Hensel und der Soziologe Wolfgang Engler meinen, die Lage sei komplizierter. Und die Gründe für die Zustände, die wir gerade erlebten, seien nicht nur in der DDR-Vergangenheit, sondern auch in der Zeit nach Wende und Einheit zu suchen. Hensel und Engler nehmen deswegen in ihrem gemeinsamen Buch "Wer wir sind" die ostdeutsche Nachwendegeschichte in den Fokus. Darin sprechen sie auch über ihre persönlichen Erfahrungen. Eine ihrer Thesen lautet, das vorherrschende Grundgefühl, das viele Ostdeutsche bis heute hätten, lasse sich "vielleicht am besten mit Heimatlosigkeit beschreiben", "mit einem Unbehaustsein, das viele Facetten kennt, das sich nicht jeden Tag übergroß vor einem aufstellt, aber das immer spürbar ist, nie weggeht."

Das ist das Hauptanliegen des Buches: Eine ostdeutsche Nachwendegeschichte zu erzählen.

Jana Hensel über "Wer wir sind"

Zwei Generationen - zwei Stimmen aus dem Osten

Wer wir sind - Die Erfahrung, ostdeutsch zu sein
Jana Hensel und Wolfgang Engler schildern in "Wer wir sind" auch eigene biografische Prägungen. Bildrechte: Aufbau Verlag

Dabei gehören Hensel und Engler unterschiedlichen Generationen an. Hensel, geboren 1976 in Borna, war zur Wendezeit 13 Jahre alt und schilderte in ihrem Buch "Zonenkinder" ihre Erinnerungen an die DDR und den harten Bruch, den die Wende 1989 bedeutete. Ein Bestseller, der eine Debatte auslöste. Hensel sah sich mit dem Vorwurf konfrontiert, in dem sie sich über ihre Kindheit in der DDR beuge, laufe sie Gefahr, einen Unrechtsstaat zu verharmlosen. Sie war überrascht, meinte sie doch, auch beschrieben zu haben, wie "politisch durchwebt" der Alltag in der DDR gewesen sei.

Sie konstatiert, was für viele Ostdeutsche bis heute überdauert, sei wohl die Erinnerung, dass sie anders als heute einen Platz in der Gesellschaft hatten. In "Wer wir sind" erkundet Hensel im Gespräch mit Engler, warum viele Ostdeutsche diesen Platz bis heute vermissen oder bedroht sehen. Tatsächlich offenbare der Blick auf Karrierechancen, Einkommen oder Vermögen immer noch eine große Kluft zwischen Ost und West, sagt Engler: Ein "Verlierertum", das sich bis in die zweite oder dritte Generation zu vererben scheine. Aus dieser Kluft speise sich ein innerdeutscher Konflikt, der in Zeiten der Globalisierung von neuen Abstiegsängsten befeuert werde. Ausgetragen werde er derzeit auf dem Rücken der Schwächsten, der Flüchtlinge.

Der Osten setzt die Themen und den Ton.

Wolfgang Engler über die aktuellen Debatten
Wolfgang Engler, Soziologe, Philosoph und Buchautor, posiert für ein Foto im leeren Becken des Stadtbad Oberberger Strasse in Berlin.
Wolfgang Engler, Soziologe, Philosoph und Autor Bildrechte: imago/Rolf Zöllner

Engler, geboren 1952 in Dresden, sorgte 2002 mit seinem großangelegten Essay "Die Ostdeutschen als Avantgarde" für Aufsehen. Er publizierte zahlreiche Studien über Lebensformen in Ost und West oder den Wandel der Arbeitswelten. Von 2005 bis 2017 war er außerdem Rektor der Berliner Hochschule für Schauspielkunst "Ernst Busch".

Als Soziologe verweist er auf Daten, die belegen, dass sich die Pegida-Bewegung nicht aus den sogenannten Abgehängten rekrutiere, sondern mit Blick auf Bildung oder Einkommen aus der ostdeutschen Mitte. Einer Mitte allerdings, die durch die große Abwanderung junger und gut Ausgebildeter in der Nachwendezeit nie wirklich stark werden konnte. Dass sich die Mittelschicht, die eigentlich "das Grundpfand der Demokratie" darstelle, bedroht sieht, das erlebe heute der Westen, so Engler weiter. Phänomene wie Medienskepsis oder verlorene Parteienbindung gingen damit einher. Insofern scheint der Osten, der solche "Zerbröselungsprozesse" kennt, tatsächlich Avantgarde.

Pegida kommt aus einer Mitte der Gesellschaft, die sich ihrer selbst unsicher geworden ist. Ziehen Sie mal in einer Stadt wie Leipzig oder Dresden um, da sind Sie ganz schnell raus aus der Mitte oder geben 40 Prozent ihres Einkommens für die Miete aus.

Wolfgang Engler, Soziologe und Autor

Hensel sieht in Pegida eine "Emanzipationsbewegung", "rein strukturell betrachtet", betont sie, und nicht ohne darauf hinzuweisen, dass die Spitzen der AfD aus dem Westen sind. Zumindest eines hätte die Entwicklung der vergangenen drei Jahre gebracht: Es werde wieder auf den Osten geschaut, und der Diskurs sei teilweise differenzierter geworden. In Sachsen werde nun beispielsweise auch über die Versäumnisse nach der Wende geredet, über die seit 1990 währende CDU-Regierung und das "Kleinbeten" rechtsradikaler Strukturen. Eine Beruhigung der Lage ist für Hensel bis zu den Landtagswahlen 2019 nicht in Sicht.

Die Situation in Sachsen wird unruhig bleiben.

Jana Hensel, Publizistin

Angaben zum Buch Wolfgang Engler, Jana Hensel:
"Wer wir sind. Die Erfahrung, ostdeutsch zu sein"
Gebunden, 288 Seiten
Aufbau Verlag, 2018
ISBN: 978-3-351-03734-5
Verfügbar ab: 14.09.2018

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Diskurs | 08. September 2018 | 19:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 08. September 2018, 04:00 Uhr

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