Dokumentation Was wurde aus den Kindern der DDR-Verwahrpsychiatrie?

In der DDR lebten psychisch kranke und geistig behinderte Menschen auf sogenannten Verwahrstationen. Auch in der Klinik für Neurologie und Psychiatrie Altscherbitz bei Leipzig gab es eine solche Station - "Station 19", eine der sogenannten chronischen Kinderstationen mit Käfigbetten und Psychopharmaka. Diese Kinderstationen wurden 1992 geschlossen. Aber wer waren diese Kinder und wie geht es ihnen heute?

Altscherbitz Schkeuditz, Landes Heilanstalt
Die 1876 gegründete Heil- und Pflegestalt Altscherbitz. Zu DDR-Zeiten gab es hier eine Kinderneuropsychiatrische Klinik. Bildrechte: imago/Arkivi

Im Mai 1990 begann Marie von Kuck, damals 18 Jahre alt, ihre Arbeit als Beschäftigungstherapeutin in der Klinik für Neurologie und Psychiatrie Altscherbitz. Ihre neue Chefin zeigte ihr am ersten Tag das Krankenhaus, auch Station 19, eine der sogenannten "chronischen Kinderstationen".

Eines der Kinder, winzig, dürr, vielleicht ein oder zwei Jahre alt. Sein Handgelenk ist an einer der Bettstangen angebunden. Als ich mich über sein Bettgitter beuge, reagiert es nicht. Seine Augen schauen ins Leere, als sei es längst aus der Welt getreten.

Marie von Kuck, ehemalige Beschäftigungstherapeutin und Feature-Autorin

Die Bilder von damals verfolgen sie noch Jahre später. Die Kinderstationen in Altscherbitz wurden 1992 geschlossen.

Kindertrakt des Psychiatrischen Landeskrankenhauses Hochweitzschen bei Leipzig 59 min
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MDR KULTUR - Das Radio Mi 26.02.2020 22:00Uhr 59:01 min

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Der Vermerk "nicht förderfähig" besiegelt sein Schicksal

Im Juni 2019 trifft Marie von Kuck die Mutter von Alexander. Sechs Wochen nach der Geburt kam ihr Sohn ins Krankenhaus, nach einem halben Jahr wurden bei ihm spastische Lähmungen diagnostiziert. Bei der Physiotherapie sagte man ihr, dass Alexander niemals sitzen oder laufen würde. Aus einem Sonderkindergarten wurde er mit dem Vermerk "nicht förderfähig" wieder entlassen. Das besiegelte das Schicksal des Vierjährigen.

Acht Jahre lang blieb Alexander in Altscherbitz, nur an den Wochenenden durfte seine Mutter ihn nach Hause holen. Die Übergabe erfolgte immer an der Tür. Nur einmal, als die Oberschwester nicht da war, durfte sie sich in der Einrichtung umschauen. Es sei der schlimmste Anblick gewesen, der ihr jemals begegnet sei, sagte sie.

Ein Gitterkäfig als Kindheitsort?

Elisabeth Knietzsch ist die einzige der Altscherbitzer Krankenschwestern, die den Mut hat, sich öffentlich zu äußern. Eine Station mit ähnlichen Verhältnissen wie die Station 19 lernte sie als Schwesternschülerin bei einem mehrwöchigen Praktikum kennen. Etwa 15 Kinder kamen auf eine Schwester, erzählt sie. Mehr als eine Grundversorgung, Essen reichen, Windeln wechseln, war nicht möglich. Privatsphäre gab es auch fürs Intimste nicht. Toiletten waren ohne Türen und Schamwände.

Station 19 befand sich in einer kleinen Gründerzeitvilla. Etwa 20 Patienten, vermutet Elisabeth Knitsch waren dort untergebracht. In jedem Raum standen zehn hohe Käfigbetten dicht nebeneinander. Ein Gitterkäfig als Kindheitsort. Nina, die ihren richtigen Namen nicht nennen will, hat hier Anfang der 80er-Jahre ein mehrwöchiges Praktikum gemacht hat. "Als ich das erste Mal in den Raum kam, ich war 17, 18, das war wie im Gruselfilm!", erzählt sie.

Zeitzeugen berichten übereinstimmend, dass die Oberschwester der Station 19 medizinisch versiert war und streng auf Ordnung achtete. Kein Kind war schmutzig oder wund. Aber eine Förderung in Form von Sprach- oder Bewegungstherapie, gab es nicht.

Wenn ein Patient sehr unruhig war und aus der der alltäglichen Routine ausbrach, wurde er dem Arzt vorgestellt, erzählt Elisabeth Knietzsch. Aus den Patientenakten ist zu entnehmen, dass die meisten Kinder auf Station 19 Psychopharmaka bekamen. So auch Falko, der als Sechsjähriger aus einem Kleinstkinderheim nach Altscherbitz kam. Seinen Eltern, die Alkoholiker waren, war er mit sechs Monaten entzogen worden. In Altscherbitz erhielt er zwei Mal täglich Tisercin, dazu nach Bedarf alle drei oder vier Tage zwei Faustan. Wenn die Medikamente nicht halfen, gab es noch andere Methoden. Zeitzeugen berichten, dass Patienten in Zwangsjacken geschnürt oder in einen dunklen Raum, die sogenannte Iso gesperrt wurden.

Was wäre mit einer Förderung möglich gewesen?

Alexander ist heute 36 Jahre alt. Er kann nicht nur laufen, er kann mit etwas Hilfe auch Treppen steigen und selber Essen. Er tanzt und mag am liebsten Hardrock. In der Wohngruppe, in der er jetzt lebt, teilt er sein Zimmer mit seinem besten Freund. Was ist passiert?

Im Sommer 1992 erschienen zwei junge Lehrer, Jens Eberl und Anke Muske, auf Station 19, um Schüler für ihre erste Klasse an der Förderschule "Schloss Schönefeld" zu suchen, einem ehrgeizigen Projekt, dass Eltern betroffener Kinder ins Leben gerufen hatten. Das Label "förderunfähig" gab es im wiedervereinigten Deutschland nicht mehr. Jens Eberl erinnert sich: "Wir haben kurz nach der Wende, wirklich in den verschiedensten Einrichtungen geguckt: Wo gibt es noch Kinder und Jugendliche, die wir aus diesen Bedingungen herauslösen können, damit sie diesen typischen Abläufen wie: Schule, Wohnen nachgehen können."

Auf Station 19 wurden die beiden Lehrer scheinbar schon erwartet. Ein Junge kam freudig strahlend auf sie zugekrabbelt. Anke Muskes erster Gedanke: "Warum ist der eigentlich hier."

Das war der nun 10 jährige Alexander. Er zog in eine Wohngruppe, die zum Schloss gehört und wurde Schulkind. Ein Foto zeigt Alexander im ersten Schuljahr, wie er sich das erste Mal vor einer Tür zum Kniestand aufrichtet und nach der Türklinke streckt. Für ihn eine riesige Leistung. Die Lehrer staunten immer wieder über Fortschritte der Kinder. Bei aller Freude blieb für Jens Eberle immer ein Nebengeschmack: "Was wäre möglich gewesen, wenn dieses Kind von Anfang an gut gefördert worden wäre?"

Über die Autorin Marie von Kuck wurde 1971 in Leipzig geboren und war in der DDR-Oppositionsbewegung aktiv. Sie ist ausgebildete Puppenspielerin und Theatertherapeutin. Seit dem Jahr 2000 arbeitet sie auch als Autorin. Für den Rundfunk schreibt sie Hörspiele, Features und Reportagen. Sie lebt in Berlin.

Angaben zur Sendung MDR KULTUR - Feature
Die Kinder von Station 19
Auf der Suche nach den Opfern einer Verwahrpsychiatrie
Von Marie von Kuck

Sprecher: Julia Lenska, Gregor Höppner, Sascha Tschorn und die Autorin
Regie: Beatrix Ackers
Redaktion: Wolfgang Schiller
Produktion: Dlf/MDR/WDR 2020


Sendung: 23.02.2020 | 22:00-23:00 Uhr

Die Sendung steht nach der Ausstrahlung hier ein Jahr lang zum Hören und Herunterladen bereit.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Feature: "Die Kinder von Station 19" | 26. Februar 2020 | 22:00 Uhr

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