Tag des deutschen Apfels Warum nicht alle alten Apfelsorten erhalten werden müssen

Von der verbotenen Frucht im Paradies über die Sage um Wilhelm Tell bis zum weltbekannten Firmenlogo – der Apfel spielt in unserer Kultur eine wichtige Rolle. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts haben Pomologen das Kernobst systematisch erfasst. Heute verteidigen die Apfelfreunde die Vielfalt der alten Apfelsorten. Alexa Hennings hat sich auf Streuobstwiesen, in Baumschulen und auf Apfelmärkten umgehört.

Eine Tonne Äpfel muss jeder Erntehelfer am Tag pflücken
Der Apfel hat bei uns eine lange Tradition. Ursprünglich kam er aus Asien. Bildrechte: MDR/Julia Cruschwitz

Seit mehr als zehntausend Jahren sammelten Menschen Wildäpfel in Europa und Westasien. Das belegen jüngste Funde konservierter Samen aus archäologischen Stätten. 

Der Wissenschaftler Robert Spengler vom Jenaer Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte hat die Geschichte des Apfels zurückverfolgt. Laut genetischer Studien soll der heutige Apfel aus mindesten vier Apfelsorten entstanden sein. Über die Handelsrouten entlang der alten Seidenstraße wurden diese verbreitet und vermischt. 

200 Jahre vor Christus waren in Rom schon sieben Apfelsorten bekannt, zweihundert Jahre später führte Plinius in seiner "Historia naturalis" 26 Apfelsorten auf. Mit den Römern gelangten die Apfelbäume ins nördliche Europa. Vor allem in Klostergärten und bei Hofe wurden sie gepflegt und gezüchtet. Ein Apfel galt als Medizin vom Baum - und ist es heute noch.

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Hand pflückt roten Apfel vom Baum 29 min
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MDR KULTUR - Das Radio Sa 11.01.2020 09:05Uhr 29:12 min

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Von der Vielfalt zum Einheitsapfel

Wissenschaftlich zuleibe rückte die Menschheit dem Apfel erst im 19. Jahrhundert: Apfel-Kenner ernannten sich zu Pomologen. Ihr Name leitet sich vom lateinischen Wort "pomum" ab, was Baumfrucht bedeutet. 1859 gründeten sie den ersten Deutschen Pomologen-Verein. Sie gingen ans Katalogisieren und schufen 15 Apfelklassen mit bisweilen bizarren Namen: Gulderlinge und Schlotteräpfel, Wachsreinetten und Plattäpfel. Doch die Crux war, dass sich die Natur nicht an die Klassenordnung halten wollte und am Ende 4.000 Apfelsorten zweifelhafter Zugehörigkeit herauskamen. 1919 löste sich der Verein auf.

Der 2. Weltkrieg, die Marktwirtschaft im Westen und die Planwirtschaft im Osten sorgten dafür, dass von der Sortenvielfalt nur noch wenige geschmacklose Äpfel übrig geblieben sind. Seit 1991 kümmert sich der Deutsche Pomologen-Verein wieder um den Erhalt der alten Sorten. Deutschlands Oberpomologe Wilfried Müller war bis zu seinem Tod der Geschäftsführer des Vereins. Er starb 2006.

Alte, neue und ganz besondere Apfelsorten

Äpfel Apfelsorten
Auf Obstschauen helfen Pomologen bei der Sortenbestimmung. Bildrechte: MDR/Diana Köhler

Müller war Physiker und in ganz Deutschland für seine Fachkenntnisse zum Thema Apfelzucht und Apfelbestimmung bekannt. Bei der Sortenbestimmung genügte ihm meist ein Blick, um einen Apfel klar zuordnen zu können. Nur selten musste er eine Frucht aufschneiden. In seiner eigenen Kernsammlung hatte Müller über 600 Apfel- und Birnensorten akribisch archiviert. Er galt in Deutschland als der Spezialist, an den sich Hobbygärtner und Apfelliebhaber immer wieder wendeten, um den Apfelbaum im eigenen Garten bestimmen zu lassen.

Im Gegensatz zu manchen Pomologen war Winfried Müller nicht der Meinung, dass man alte Apfelsorten um jeden Preis erhalten sollte, vorallem dann nicht, wenn dies den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln erfordert. Kleingärtnern empfahl der Pomologe auch widerstandsfähige neue Züchtungen.

Hätten unsere Urgroßväter oder Ururgroßväter so gedacht, wie manche heute denken, die allem Neuem entgegenstehen, dann würden wir ja heute noch vom Holzappel leben! Und insofern sehe ich auch als Aufgabe unseres Vereins, nicht nur alte Obstsorten zu erhalten, sondern auch neue, wenn sie gut sind, mit zu verbreiten.

Winfried Müller, Pomologe

Keine Apfelpakete, sondern sorgfältig eingewickelte Zweige, sogenannte Reiser, werden Peter Klock von Obstbaumfreunden aus ganz Deutschland zugeschickt. In Witzeeze, einem Dorf im Alten Land bei Hamburg, betreibt Klock eine Art Rettungsstation für alte und besondere Obstbäume, die er wieder zum Leben erwecken will.

Auf der Suche nach alten Sorten, stieß Peter Klock eines Tages auf einen Apfel mit einer besonderen Vergangenheit, den Korbiniansapfel. Gezüchtet wurde er vom Pfarrer Korbinian Aigner im KZ Dachau. Von den Nationalsozialisten 1939 verhaftet, pflanzte Aigner zwischen zwei Baracken Apfelbäume. Während seiner Internierung gelang es ihm, vier neue Apfelsorten zu züchten, KZ-1 bis KZ-4, die heimlich aus dem Lager geschmuggelt wurden. Die Sorte KZ-3, die der Pfarrer nach dem Krieg weiter züchtete, wurde später ihm zu Ehren in Korbiniansapfel umbenannt. Korbian Aigner starb 1966. Jahrzehnte später fand Peter Klock in der Nähe von München einen solch’ alten Apfelbaum und kultiviert den Korbinansapfel heute in seiner Baumschule.

Der Bio-Obstbauer Eckerhardt Braun aus dem Alten Land bei Hamburg will vor allem regionale Sorten bewahren. Der Verfasser von "Brandts Apfellust", dem ultimativen Werk für Apfelfreunde, beobachtet mit Skepsis, wie einheimische Äpfel von geschmacklosen Supermarktsorten verdrängt werden.

Ausgefallene Geschmäcker haben überhaupt keine Chance mehr. Es muss alles gleich schmecken. Das ist natürlich todlangweilig. […] Wir müssen die alten Geschmäcker retten, dass sie nicht mit den letzten Hochstammbäumen umfallen!

Eckerhardt Braun, Bio-Obstbauer

Über die Autorin Alexa Hennings, geboren 1961 in Dresden, aufgewachsen am Dresdner Elbhang, studierte Journalistik in Leipzig und an der Henri-Nannen-Schule in Hamburg. Sie arbeitete als Redakteurin und Journalistin. Seit 1992 ist sie als freie Autorin für verschiedene Hörfunkwellen der ARD tätig. Für ihre Arbeiten wurde Alexa Hennings mehrfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Medienpreis Mecklenburg-Vorpommern und dem Deutschen Preis für Denkmalschutz.

Für MDR KULTUR entstanden unter anderem "Die Jagd nach Yellow Cake" (2012), "Lützows wilde, Körners verwegene Jagd" (2013), "Helmut und Victor - Zwei Weltkriegsveteranen heute" (2015) und "Der Koloss von Prora - Aus Braun wird Weiß" (2019).

Angaben zur Sendung MDR KULTUR - Feature
Zum Tag des deutschen Apfels am 11. Januar:
"Die Pomologen - Geschichten von Äpfeln und Menschen"
Von Alexa Hennings

Regie: Sabine Ranzinger
Produktion: MDR 2002

Sprecher:
Franziska Troeger, Conny Wolter, Holdine Wolter, Sara Ranzinger, Günter Grabbert

Sendung: 11.01.2020 | 09:05-09:35 Uhr

Die Sendung steht nach der Ausstrahlung hier ein Jahr lang zum Hören und Herunterladen bereit.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Feature: "Die Pomologen - Geschichten von Äpfeln und Menschen" | 11. Januar 2020 | 09:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 11. Januar 2020, 04:00 Uhr

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