Neue Mysterie-Serie "Dispatches from Elsewhere": Eine Schnitzeljagd mit Jason Segel

Vielen kennen ihn aus der erfolgreichen Sitcom "How I Met Your Mother". Über zehn Staffeln spielte Jason Segel den Marshall. Dann war Schluss. Segel hatte Zeit und wurde kreativ, um nicht depressiv zu werden. Das großartige Ergebnis ist jetzt als Serie bei Amazon zu sehen: "Dispatches from Elsewhere". Der Chef eines dubiosen Instituts lockt vier Menschen mit der Versprechung, es gäbe eine erfülltere Wirklichkeit zu entdecken, eine bewusstseinserweiternde Schnitzeljagd beginnt!

Dispatches from Elsewhere
Octavio Coleman Esquire (Richard E. Grant) leitet das "Jejune-Institut“. Bildrechte: 2020 AMC Networks Inc

"Can I have your attention... Welcome to the Jejune Institute" – da sitzt der Schauspieler Richard E. Grant als Octavio vor einer orangefarbenen Wand, guckt skeptisch und beginnt, nach einem kurzen, durchstechenden Blick, sein Publikum zu begrüßen. Der Auftakt der Anthologie-Serie "Dispatches from Elsewhere" ist verstörend – genau wie die ganze Serie.

Schauspieler und Produzent Jason Segel
Jason Segel, gefeiert auf der Berlinale 2020 Bildrechte: dpa

Verstörend im positiven Sinne. Drehbuchautor, Regisseur, Produzent und Hauptdarsteller Jason Segel hat sich für die zehnteilige Mini-Serie von echten Ereignissen inspirieren lassen, ist über den Dokumentarfilm "The Institute" gestolpert und hat losgelegt, wie er im Gespräch mit MDR KULTUR verrät:

"Um 2012 herum muss das gewesen sein, da hat sich eine geheime Organisation gegründet, die das Gegenteil vom Fight Club war. Ein Club für Leute, die unglücklich mit ihrem Leben waren, die sich nachts heimlich getroffen haben – aber anstatt sich zu verprügeln, haben sie versucht, die magischen Mysterien des Lebens zu durchschauen. Kunst und Gemeinschaft als Trotz. Diese Idee fand ich wunderschön."

Schnitzeljagd durch alternative Wirklichkeiten

Dispatches from Elsewhere
Jason Segel als Peter, der glaubt, Teil eines großen Spiels zu sein. Bildrechte: 2020 AMC Networks Inc

In "The Institute" geht es um ein Alternativ Reality Game, dass vor knapp zehn Jahren die Stadt San Francisco beschäftigt hat. Angelehnt daran schickt Segel in "Dispatches from Elsewhere" seine Protagonisten auf eine bewusstseinserweiternde Schnitzeljagd. Segel selbst spielt Peter, einen introvertierten Datenanalysten mit langweiligem Leben und unaufgeregtem Job. Ein Anruf der Elsewhere Society verändert alles. Peter glaubt schnell, Teil einer großen Mission zu sein. Mit drei anderen – Janice, Fredwynn und Simone – soll er ein verschwundenes Mädchen finden. Ob das alles ein Spiel oder Realität ist, verschwimmt. Segel will den Zuschauer bewusst herausfordern, Sehgewohnheiten und Schubladendenken beiseite zu lassen:

"Eine Sache, die die Serie in Frage stellt, ist, warum wir immer wieder Kategorien brauchen, um Leute zu definieren. Kategorien, die uns eigentlich auseinandertreiben und uns gegenüber stellen statt zu vereinen. Ich habe vier Figuren erschaffen, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Ich will, dass beim Zuschauer das Gefühl entsteht, dass er jeder dieser Figuren ist. Am Anfang identifiziert man sich mit einer mehr. Aber nach den zehn Folgen soll man feststellen, dass alle die gleiche Person sind."

Das klingt verschroben – und  das ist es auch. "Dispatches from Elsewhere" ist eine abgefahrene Mischung aus Charlie Kaufmann, Michel Gondry und  David Lynch. Jede Folge wird aus einer anderen Perspektive erzählt, die vier Protagonisten müssen sich während ihrer Suche selbst klar machen, was vielleicht erfunden wurde und was nicht. Ihr Zweifeln, ihr Nachdenken und Analysieren überträgt sich auf den Zuschauer. Lange musste man nicht mehr so viel rätseln, was man glauben soll und was nicht.

Auf nahezu jeder Ebene große Kunst und der Zeit voraus

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Eve Lindley spielt die Transfrau Simone Bildrechte: 2020 AMC Networks Inc

Segel setzt dabei  nicht nur auf einzelne Momente, "Dispatches from Elsewhere" ist auf nahezu jeder Ebene große Kunst – und ohne viel Aufhebens darum zu machen – seiner Zeit voraus. Die Figur Simone ist eine Transfrau, gespielt von Eve Lindley, ebenfalls einer Transfrau. Für Segel die einzig logische Schlussfolgerung, wie er erklärt: "Ich habe sie als romantische Hauptfigur angelegt. Ich wollte eine Transfrau casten, ohne dass ihre geschlechtliche Identität das Story-Telling beeinflusst. Mir ist klar, dass ich damit der öffentlichen Diskussion einen Schritt voraus bin. Dann kam Eve Lindley zum Casting und ich hatte einen ähnlichen Moment wie bei Russell Brand und 'Nie wieder Sex mit der Ex'." Eve Lindley, das will Jason Segel mit dem Russell Brand-Vergleich deutlich machen, scheint dazu geboren, diese Rolle zu spielen. Und er hat recht.

Eine Serie als Metapher

Dispatches from Elsewhere
Das Serien-Quartett: Einer für alle, alle für einen. Bildrechte: 2020 AMC Networks Inc

Geschrieben hat er "Dispatches from Elsewhere" kurz nach dem Serien-Ende von "How I Met Your Mother". Das Schreiben, so sagt er, habe ihn vor einer tiefen Depression bewahrt: "Ich hatte auf einmal Zeit und keine Ahnung, was ich mit mir anfangen soll. Es war das erste Mal seit zehn Jahren, dass ich Zeit für Kreativität hatte. Ich habe den Film 'The End of the Tour' gedreht und den Schriftsteller David Foster Wallace gespielt. Ich habe also ohnehin viel gelesen und mir Gedanken über existentielle Krisen gemacht. Dann habe ich angefangen, das Drehbuch für die Serie zu schreiben. Die Serie war für mich genauso eine Reise wie das Schreiben. Die Serie ist eigentlich eine Metapher für meinen emotionalen Zustand, die Serie zu schreiben.

Eine Serie als Metapher. "Dispatches from Elsewhere" ist phantastisch. Verspielt und verträumt. Keine Serie zum Nebenbei-Gucken. Entweder man taucht voll und ganz in sie hinein. Oder man verpasst Großes.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 15. Mai 2020 | 13:40 Uhr