Interview DOK Leipzig-Chefin Leena Pasanen: "Es gibt hier eine besondere Leidenschaft"

Sie brachte DOK Leipzig mitten in die Stadt, auch wenn nicht alle glaubten, dass Dokfilme in der Osthalle des Hauptbahnhofes ein Publikum finden. Sie brach ins DOK Neuland auf und sorgte mit ihrem Kurs – nicht nur mit der Einführung einer Frauenquote für Filmemacherinnen – für Diskussionen. Wir ziehen Bilanz mit Leena Pasanen, die sich mit der DOK-Ausgabe 2019 nach fünf Jahren als Festivaldirektorin verabschiedet.

Festivalintendantin Leena Pasanen steht vor einem Logo des Dok-Festivals 33 min
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MDR KULTUR - Das Radio So 27.10.2019 07:15Uhr 32:53 min

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MDR KULTUR: Als im Herbst 2015 Ihr erstes Festival in Leipzig startete, mit Andreas Voigts Wende-Film "Alles andere zeigt die Zeit", traf sich zeitgleich Legida zu einer Kundgebung. Legida und Pegida waren damals neue Phänomene. Fünf Jahre später eröffnen Sie das Festival mit einem Film über das Weltwirtschaftsforum (WEF), der die globalen Probleme in den Fokus rückt, vor allem den Klimawandel und die "Krise der Generationen". Im Rückblick: Waren das fünf schlechte Jahre für die Welt und also fünf gute Jahre für den Dokumentarfilm?

Leena Pasanen: Politisch gesehen hatten wir sehr dunkle Jahre. Gerade deswegen brauchen wir mutige Filmemacher, die uns die Realitäten vor Augen führen, die uns zwingen zu sehen, was los ist, und uns zu engagieren, um etwas zu verändern.

Was kann oder muss ein Dokumentarfilm heute leisten?

Es wird häufig gefragt, ob Dokumentarfilme die Welt verändern könnten. Ich denke, die Veränderung muss in jedem Menschen selbst beginnen. Aber ich habe auch selbst erlebt, dass Filme mir neue Perspektive erlauben. Und: Wenn mich etwas wirklich bewegt, dann ziehe ich später, Schritt für Schritt, vielleicht auch Schlussfolgerungen für mein Handeln.

Wenn ich an meine ersten Tage hier in Leipzig denke, an Legida auf dem Hauptbahnhof, gerade dann bin ich froh, dass wir damals und in den folgenden Jahren vor Ort waren, um dort Dokfilme zu zeigen und Debatten zu führen. Das beweist auch die Stärke des Festivals.

Wie kamen Sie überhaupt auf die Idee, den Eröffnungsfilm parallel auch in der Osthalle des Hauptbahnhofs zu zeigen?

Aufführung des Eröffnungsfilms "Alles andere zeigt die Zeit" in der Osthalle des Leipziger Hauptbahnhofes
DOK-Premiere im Hauptbahnhof Bildrechte: DOK Leipzig 2015

Mein Auftrag war es, das Festival sichtbarer zu machen, nicht nur international, sondern auch in der Stadt. Als ich gefragt wurde, wie das zu schaffen wäre, habe ich geantwortet, ich würde mit dem Festival an zentrale Orte in der Stadt gehen, raus aus den Kinosälen also. Nicht alle glaubten an die Idee. Im ersten Jahr zeigten wir nur den Eröffnungsfilm im Hauptbahnhof. Es war ein Erfolg. Die Leute wollten dort sofort mehr Filme sehen. Es war toll zu beobachten, wie die Idee angenommen wurde und wie verschieden das Publikum war, das kam.

Im vergangenen Jahr hatten wir Werner Herzog mit seinem Film über Michail Gorbatschow dort. Als ich den Regisseur diesen Sommer zufällig in Bologna traf, sprach er mich sofort an und meinte, er denke immer noch an diese außergewöhnliche Vorführung, die für ihn eine wunderbare Erfahrung gewesen sei. Wenn so ein großer Regisseur das sagt, dann können wir uns glücklich schätzen.

Als Sie 2015 nach Leipzig kamen, haben Sie mit DOK Neuland eine Reihe initiiert, die ausloten sollte, was dokumentarisches Erzählen im digitalen, virtuellen Raum bedeuten könnte. Wo stehen wir heute mit dieser virtuellen Erzählform? Ist das mehr als eine Spielerei?

DOK Leipzig 2015: DOK Neuland
Blick ins DOK-Neuland-Iglu, wo die Besucher 2015 erstmals interaktive Angebote ausprobieren konnten. Bildrechte: MDR/János Krüger

Wir sind mittendrin in einem großen Wandel und wir wissen immer noch nicht, wohin uns diese ganzen digitalen Möglichkeiten führen. Auch was das Geschichtenerzählen angeht. Ich wollte mit DOK Neuland eine Art Spielplatz schaffen, um auf der Höhe dieses Prozesses zu sein. Die Leute sollten bei freiem Eintritt vorbeischauen und selbst ausprobieren können, was Virtual Reality als neue Möglichkeit, Geschichten zu erzählen, bedeutet. Erstmals findet DOK Neuland nun im Bildermuseum statt. Direktor Alfred Weidinger hat uns eingeladen. Das ist ein großer Schritt für uns, es ist wie ein Joint Venture, denn auch in der Kunst gibt es natürlich ein Interesse an dieser Technology.

Nach Ihrem Start gab es auch Kritikpunkte: Die Finanzierung des Festivals ging ins Minus, lautet einer. Die Osteuropa- und DEFA-Tradition wäre über Bord geworfen worden – auch dadurch, dass Grit Lemke, die das Programm über 20 Jahre prägte, das Festival verließ. Schließlich wurde Ihnen vorgeworfen, nicht gut genug Deutsch zu sprechen. Wie sehen Sie das heute? War die Kritik berechtigt? War sie überzogen?

Der Anfang war wirklich hart, auch wegen der schwierigen finanziellen Situation. Dafür haben wir eine Lösung gefunden. Das war eine Menge Arbeit. Das Festival war über die Jahre immer größer geworden, ohne die Strukturen im Management und Controlling anzupassen. Die Stadt unterstützte uns sehr, wir fanden zusätzliche Sponsoren. Die Finanzierung war das große Thema in den ersten beiden Jahren, danach, als es gut lief, war das keine große Nachricht mehr.

Im Rückblick verstehe ich die Bedenken. Ich komme aus einer anderen Kultur, aus einem anderen Land, spreche eine andere Sprache. Aber ich hoffe, dass ich, aber auch das Team, das ja schließlich hinter DOK Leipzig steht, die Vorwürfe entkräftet haben.

DOK Leipzig ist ein internationales Festival mit immerhin 47.000, 48.000 Besuchern in den fünf letzten Jahren, der größte Teil des Publikums kommt aus der Stadt. Haben Sie deswegen die beiden Reihen – "Re-Visionen" und "Late Harvest" – ins Programm eingeführt, als weiteren Impuls, das Festival stärker in der Stadt zu verankern? 

Honeyland
Eins der Highlights in der Reihe "Late Harvest": "Honeyland". Bildrechte: DOK Leipzig 2019 / Ljubomir Stefanov

Ja, "Re-Visionen" feiert die Geschichte des Festivals, zeigt, was sich verändert hat, aber auch, dass sich manche Dinge nie ändern werden. Wir spielen da auch mit der Frage, was wir eigentlich aus der Geschichte lernen. "Late Harvest" wiederum entstand, weil ich einerseits finde, dass man bei so einem Festival Premieren zeigen muss; Filme, die noch keiner gesehen hat. Das ist wichtig in der Konkurrenz mit den anderen führenden Dokfestivals. Andererseits soll das Publikum hier bei DOK Leipzig auch die wichtigsten aktuellen Filme sehen können, egal, ob sie woanders schon gelaufen sind. Dieses Angebot macht "Late Harvest".

Dass Sie eine Quote für Filmemacherinnen eingeführt haben, war auch ein großes Thema. Parallel lief und läuft diese Diskussion ja auch im Politik- und Theaterbereich. Sie haben gehandelt und eine Frauenquote im Deutschen Wettbewerb sowie einen Regisseurinnenpreis für das beste Dokumentarfilmprojekt eingeführt. Sind die Filme seitdem schlechter geworden?

Definitiv nicht. Ich bleibe dabei zu sagen, Diversität bringt Qualität. Diversität nicht nur in Fragen des Geschlechts. Ich war eher überrascht, was für eine Debatte losging, als wir diese Quote ankündigten. Wir waren da schneller als andere Festivals. In Skandinavien hat sich die Frauen-Quote bewährt, um Veränderungen überhaupt einzuleiten. Sie ist nicht für die Ewigkeit. Für mich war sie also keine große Sache. Deswegen war ich sehr erstaunt, dass – ich würde sagen – vor allem Männer dagegen waren und meinten, jetzt gehe Geschlecht vor Qualität. Nach dem Motto, es gibt gute Filme und solche von Frauen.

Offen gesagt, mussten wir die Quote in den letzten beiden Jahren gar nicht anwenden. Aber ich denke, dass sie sozusagen als Mandat in den Köpfen des Auswahlkomitees wirkt. Was vielleicht noch viel stärker wirkt, ist, dass beim ersten Screening der Filme dem Komitee gar nicht bekannt ist, ob sie von einer Frau oder einem Mann, ob sie von einem großen Namen oder einem Newcomer eingereicht worden sind. Da waren manche im Nachhinein durchaus überrascht.

Also, wir achten darauf, dass es beim Festival im Ganzen eine Balance gibt. Und nach zwei Jahren Quote kann man noch keine Bilanz ziehen. Was ich aber sagen kann, ist, dass sich die Beteiligung von Filmemacherinnen deutlich erhöht hat. Lag sie vorher bei 30 Prozent, sind wir jetzt bei ca. 45 Prozent.

Wo sehen Sie das Festival heute im internationalen Vergleich? Ist es gut aufgestellt für die Zukunft?

Goldene Taube
Die Goldene Taube: In diesem Jahr lobt das Festival die bisherige Rekordpreissumme von 82.000 Euro aus. Bildrechte: dpa

DOK Leipzig hat ein starkes Profil. Das Festival steht dafür, Filme von hoher künstlerischer Qualität zu zeigen. Die Auswahl richtet sich nicht nur nach dem Thema eines Films, sondern auch nach der filmischen Qualität. Insofern gibt es einen bestimmten Ton und Stil, der das Festival auszeichnet, der es bekannt und anerkannt machte. Auch im Vergleich zu Amsterdam, dem größten europäischen Dokfestival, das ein weitaus diverseres Programm fährt. Das zeigt sich in der umfangreichen Berichterstattung, aber auch beim Blick auf die Zahl der Premieren, die in Leipzig stattfinden.

Die Herausforderung besteht darin, dass Leipzig keine Hauptstadt wie Amsterdam oder Kopenhagen ist mit einem entsprechend großem Budget. Trotzdem würde ich sagen, dass DOK Leipzig gut ausgestattet und abgesichert ist im Moment.

Noch ein Wort zum Animationsfilm, der ja das zweite Standbein in Leipzig ist. Oder ist es mehr ein Standbeinchen und gehört eigentlich abgeschnitten?

Um ehrlich zu sein, es ist ein Kampf, ein Profil für den Animationsfilm bei DOK Leipzig zu entwickeln, auch in Konkurrenz zu anderen Festivals wie in Stuttgart. Deswegen hatte ich mich entschieden, die Animation organisch ins Programm einfließen zu lassen, anstatt sie in andere Wettbewerbe oder Programme auszulagern.

Es ist großartig zu sehen, wie sich die Animation als wunderbares erzählerisches Mittel inzwischen in Dokfilmen einen Platz eroberte. Ich rede deswegen auch nicht mehr von "Animadoc", das klingt zu sehr nach "weder Fisch noch Fleisch". Was die reine, hochkünstlerische Animation angeht, da schauen wir nach Filmen, die ähnliche Themen wie die Dokumentarfilme behandeln, aber durch das Medium Animation eine besondere Sicht darauf entfalten. Ich denke, auch die Animation ist ein Element, das dem Festival eine ganz eigene Note gibt. Ich würde sie nicht aufgeben.

Sie gehen nach Italien, um das Biografilm Festival in Bologna zu leiten. Welche Erfahrung, welche Formate nehmen Sie aus Leipzig mit?

Das Festival in die Stadt zu tragen, ist in Bologna nicht mehr nötig. Das war das Erste, was ich festgestellt habe. Das Festival findet im Juni statt, insofern gibt es viele Aktivitäten draußen. So erklären sich die rund 120.000 Besucher, auch wenn dort "nur" 100 Filme und vor allem lange Formate gezeigt werden. Unter den Besuchern dürften auch viele Studenten wie in Leipzig sein; in Bologna, übrigens eine Partnerstadt Leipzigs, steht die älteste Universität der Welt. Insofern ist die Stadt voller junger Leute und die Energie dürfte der in Leipzig ähneln.

Was ich gern nach Bologna mitnehmen würde, wäre das große Engagement des Teams, die Fähigkeit zu organisieren, das hohe Arbeitsethos, das ich bewundert habe. Es gibt hier schon eine besondere Leidenschaft.

Das Interview führte Stefan Petraschewsky, MDR KULTUR-Film- und Theaterredakteur.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 27. Oktober 2019 | 07:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 27. Oktober 2019, 04:00 Uhr

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