"Die Mission der Lifeline"
Bildrechte: ravir/Markus Weinberg

Filmstart Dokfilm: "Die Mission der Lifeline" und ihre Gegner

Fast anderthalb Jahre begleitete Filmemacher Markus Weinberg die Aktivisten vom Dresdner Verein "Lifeline", Von der Suche nach einem Boot, das für die Mission flottgemacht wird bis zu jenem Tag, als das Schiff im September 2017 das erste Mal von Malta ausläuft, um Geflüchtete vor dem Ertrinken zu retten. Draußen auf dem Meer wird das Filmteam Zeuge des Sterbens auf dem Mittelmeer und zeigt die, die rausfahren, um es zu verhindern, während in Dresden bei PEGIDA "Absaufen" gerufen wird.

von Ulf Kalkreuth, MDR KULTUR

"Die Mission der Lifeline"
Bildrechte: ravir/Markus Weinberg

Man könnte auf die Idee kommen, den Anblick romantisch zu nennen, als an diesem 18. September 2017 die "Mission Lifeline" zu ihrer ersten Rettungsfahrt vom Hafen Malta ausläuft und Kurs ins zentrale Mittelmeer nimmt. An Bord ein Dokumentarfilm-Team. Zwölf Tage werden die Filmemacher die Seenotretter begleiten. Ab jetzt können sie den Drehort nicht mehr verlassen. Sie sind jetzt nicht mehr nur Zuschauer, sondern Teil des Geschehens. Draußen auf dem offenen Meer wird die See rauer und hier wartet die Wirklichkeit auf die Schiffsbesatzung.

Ertrinkende auf dem offenen Meer

Regisseur Markus Weinberg erinnert sich an den Moment, als es ernst wird, an den Tag X, "als dann wirklich die ersten 'Targets', wie es im Film heißt, also die ersten Boote in Seenot, aufgetaucht sind". Erst sind es zwei Holzboote. Doch nach kurzer Zeit tauchen am Horizont weitere auf. Wieder 30 Geflüchtete in einem Holzboot. Noch reichen die Rettungswesten, die von der "Lifeline" über Bord geworden werden.

Wir sind hier, um euch zu helfen, okay? Hier sind Rettungswesten für euch.

Filmszene

Das sind sie, die Bilder, die um die Welt gehen. Die sich durch die Handynetze bis in afrikanische Dörfer und syrische Luftschutzkeller verbreiten. Die auf den Tablets von Politikern und in den Fernsehern von Europas Wohnzimmern landen. Bilder, die am einen Ende der Welt als letzte Rettung aus totalem Elend, Vertreibung, Folter und Krieg verstanden werden. Und die am anderen Ende der Welt – bei uns – die Gesellschaften zerreißen.

"Absaufen"-Rufe bei PEGIDA in Dresden

Regisseur Markus Weinberg im artour-Gespräch
Regisseur Markus Weinberg im artour-Gespräch Bildrechte: MDR FERNSEHEN

Der Film schneidet die Rettungsaktion auf hoher See gegen die montäglichen PEGIDA-Demos in Dresden. Das ist schrill. Und vielleicht etwas zu einfach. Aber der Hass, der den Seenotrettern daheim in Dresden entgegenschlägt, ließ dem Regisseur keine andere Wahl.

Markus Weinberg erklärt: "Wenn da in Dresden auf dem Marktplatz 'Absaufen, Absaufen' gerufen wird, wenn's um Seenotrettung geht und du bist auf dem Mittelmeer und siehst, wie die Leute vor dir ertrinken, dann kannst du das nicht glauben. Deswegen ist es auch wichtig, das in dem Film zu zeigen. Es wäre fast fahrlässig gewesen, das Thema auszusparen."

Privates Engagement in einer humanitären Krise

Nachdem 60 Schiffbrüchige gerettet sind, wird ein Schlauchboot gesichtet. An Bord diesmal 180 Schiffbrüchige. Jetzt gibt es weder genug Rettungswesten und erst recht nicht genug Platz auf der "Lifeline". Als das Beiboot der "Lifeline" die Flüchtlinge erreicht, stellt sich heraus, dass das Schlauchboot Luft verliert.

Die Leute hatten natürlich Todesangst, als das Schlauchboot geplatzt ist. Die haben sich gekloppt da drauf. Und wir haben halt dann echt überlegt, teilen wir die Schwimmwesten jetzt aus oder nicht. Aber wenn du nicht genügend Schwimmwesten hast, an wen gibst du die denn?

"Die Mission der Lifeline"
Panik bricht aus, als ein Schlauchboot plötzlich Luft verliert. Bildrechte: ravir/Markus Weinberg

Um diese Bilder ist ein Krieg im Gange – darum, wie man sie deuten soll. Wer sind die, die da im Schlauchboot sitzen? Haben sie das Menschenrecht auf Flucht oder haben sie es nicht? Und wer sind die, die sie retten: Handlanger der Schlepper oder Menschen, die ihrem Gewissen folgen? Das ist die eigentliche Stärke dieses Films – dass er uns diese Bilder zeigt, uns mit diesen Fragen konfrontiert. Für Weinberg ist die Sache klar:

Die privaten Seenotretter, die gehen in eine Lücke. Dort, wo staatliches Handeln versagt. Alle, die dort aktiv werden, sind sich ja bewusst, dass sie damit keine Probleme lösen. Die helfen in einer humanitären Krise – das ist richtig.

"Die Mission der Lifeline"
Bis Juni 2018 rettete die "Lifeline"-Mission 1.019 Menschen Bildrechte: ravir/Markus Weinberg

Während die Leute auf dem Beiboot der "Lifeline" versuchen, die Flüchtlinge zu beruhigen, bekommt die "Lifeline" selbst Besuch von der libyschen Küstenwache. Die Militärs wollen das Schiff entern und die Flüchtlinge haben. Das lassen die Seenotretter nicht zu. Es fallen zwei Schüsse. Vermutlich sind es Blendgranaten. Der Kameramann bringt sich in Sicherheit.

Tödliches Patt

"Die Mission der Lifeline"
Nach der Bergung Bildrechte: ravir/Markus Weinberg

Die EU steht mit dem Rücken zur Wand – sie will Demokratie und Menschenrechte verteidigen und soll zugleich den Flüchtlingsstrom begrenzen. Aber wie soll das gehen? Es gibt ein Recht auf Flucht und eine Pflicht zur Seenotrettung. Und so schaut die EU in aller Hilflosigkeit weg. Und die Seenotretter werden angefeindet, ihre Schiffe festgesetzt. Afrikas Flüchtlinge aber werden weiter vor Elend, Krieg und Klimawandel fliehen. Ein tödliches Patt. Und deswegen gibt es diese Bilder vom Tod auf dem Mittelmeer.

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | artour | 23. Mai 2019 | 22:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 24. Mai 2019, 14:10 Uhr

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