Debatte Historiker Ulbricht: "Dresden braucht kein Bombenkriegsmuseum"

Die Bombennacht vom 13. Februar 1945 war für Dresden eine Zäsur: Tausende Menschen starben, die Altstadt wurde weitgehend zerstört. Jedes Jahr wieder ringt man an der Elbe um die Frage, wie diesem traurigen Ereignis gedacht werden soll. Der Architekturkritiker Dankwart Guratzsch hat nun ein Bombenkriegsmuseum in der Stadt gefordert. Eine gute Idee? – Justus H. Ulbricht, Historiker und Geschäftsführer des Dresdner Geschichtsvereins sagt im Interview mit MDR KULTUR: nein.

Zerstörte Frauenkirche in Dresden
Bombenangriff auf Dresden 1945: die zerstörte Frauenkirche. Bildrechte: dpa

MDR KULTUR: Herr Ulbricht, was halten Sie von der Idee eines Bombenkriegsmuseums?

Justus H. Ulbricht: Überhaupt nichts. Ich glaube, dass wir das nicht musealisieren müssen. Wir müssen uns in den nächsten Jahren überlegen, wie wir die Erinnerung an den 13. Februar so weitertragen, dass nachwachsende Generationen damit was anfangen können. Wir brauchen eher diskursive Formate, Gespräche.

Außerdem: Der Tenor von Herrn Guratzschs Artikel (in den "Dresdner Neuesten Nachrichten", Anm. d. Red.) bestätigt wieder den alten Mythos von der Ausnahmesituation Dresdens 1945. Es war schlimm genug für Dresden, wahrhaftig, und jeder Tote damals war einer zuviel. Aber im Kontext des Bombenkriegs in Deutschland gibt es hunderte Städte, die gelitten haben – warum sollte es da ausgerechnet hier diesen Standort geben für ein Bombenkriegsmuseum? Ich halte diesen Vorschlag – aus Sicht des Historikers – für nicht angemessen und unsinnig.

Und dennoch reichen anscheinend die bereits bestehenden Erinnerungsorte – das Stadtmuseum, das Militärhistorische Museum – vielen Menschen nicht aus. Wieso ist die Stimmung in Dresden anders als beispielsweise in Köln oder Hamburg?

Justus H. Ulbricht
Justus H. Ulbricht bringt die "Dresdner Hefte" heraus. Bildrechte: Justus H. Ulbricht

Man muss sagen: Diese Wunde wird propagandistisch offen gehalten seit dem Dritten Reich. Schon die Nazis haben mit dieser Bombardierung Politik gemacht und die SED hat das auf ganz andere Art und in anderen Kontexten beerbt. Als sei dies die deutsche Stadt, die am schlimmsten getroffen worden sei. Dann gab es ja schon lange Zeit die Erzählung der unschuldigen Stadt, die getroffen worden sei, der Kulturstadt. Diese Punkte hat man alle schon bearbeitet über die Historikerkommission, über viele öffentliche Debatten in der Stadt – und das ist eigentlich erledigt. Dass eine Stadt in ihrem Stadtmuseum daran erinnert, ist vollkommen in Ordnung, auch das Militärhistorische Museum hat die Bombennacht auf kluge Art in einen Kontext gestellt. Aber wir brauchen eben kein drittes Museum.

Was sollte stattdessen passieren?

Es ist eine Diskussion darüber angesagt, wie man das Geschehene weitererzählt, damit es nicht vergessen wird. Denn das ist man den Angehörigen auch in der dritten Generation noch schuldig. Aber: Sie haben die Aufregung über die Busse erlebt auf dem Neumarkt. Es gibt immer noch viele Dresdner, die schon allein der Vergleich mit anderen Orten beleidigt. Und das ist nicht angemessen heutzutage.

Womit hängt diese Dresden-Spezifik denn zusammen? Mit der Zerstörung der barocken Altstadt?

Vielleicht. Es hängt aber auch mit der Selbstverliebtheit von Dresden zusammen. Dresden hält sich – und dafür gibt es manchmal auch schöne Gründe – für etwas ganz besonderes. Und diese Besonderheit wird von vielen älteren Dresdnern weiter verwaltet und vor sich hergetragen. Es fehlt der gelassene Abstand der Toten zu gedenken und zu sagen: "Unser Schicksal war eins von Hunderten damals, und es gibt heute wieder Städte, die zerstört sind."

Brauchen wir also vielleicht ein zentrales Museum für die Erinnerung an den Bombenkrieg?

Wofür? Wir brauchen eine Erinnerungskultur, die immer wieder versucht, die schrecklichen Erlebnisse des Krieges umzumünzen in einen Appell für den Frieden. Aber für so einen Appell brauche ich kein Museum. Da brauche ich eine lebendige bürgerliche Debatte. Da brauche ich Austausch mit anderen europäischen Städten, da muss ich der jungen Generation nahebringen, dass sich der Einsatz für Frieden lohnt.

Das Interview führte Vladimir Balzer für MDR KULTUR.

Zur Person Der Historiker Justus H. Ulbricht wurde 1954 in Coburg geboren. Von 1995 bis 2009 war er wissenschaftlicher Mitarbeiter unter anderem bei der Klassik Stiftung Weimar. Von 2011 bis 2013 war er Geschäftsführer der Forschungsstelle Moderne Regionalgeschichte an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg. Seit 2016 ist er Geschäftsführer des Dresdner Geschichtsvereins.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 13. Februar 2019 | 07:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 14. Februar 2019, 10:52 Uhr