Eine ansteckende Idee Warum die 1:1-Konzerte weltweit Schule machen

Eine Musikerin, eine Zuhörerin, ein bestimmter Abstand, zehn gemeinsame Minuten Konzert. Das ist das Setting für die 1:1-Konzerte. 2019, also prä-Corona war im thüringischen Volkenroda Premiere, mittlerweile macht das Konzept weltweit Schule, auch in Deutschland wurde bereits tausende Male so gespielt. Und das an ungewöhnlichen Orten von der Galerie über die Fabrikhalle zum Ziegenstall. Die Idee dazu hatte Flötistin Stephanie Winker, die damit auf mehr aus war als auf Infektionsschutz.

Eine Musikerin mit einer Geige sitzt einer anderen Person gegenüber 5 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

artour Do 19.11.2020 22:10Uhr 04:59 min

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Der Bildschirm – ob beim Smartphone, Fernseher oder Laptop – im Alltag schauen wir ständig darauf. Jetzt im Lockdown light wird der Screen erneut zum Schaufenster, um Kultur zu erleben in unzähligen Live-Streams beispielsweise. Live, aber doch hinter Glas. Ein komplettes Gegenprogramm bieten die 1:1-Konzerte – mit Abstand und an ungewöhnlichen Orten. Im kleinsten überhaupt möglichen musikalischen Format: Ein Musiker, ein Zuhörer. Das ist das so einfache wie authentische Konzept. Die Idee dazu entwickelte Stephanie Winker, Professorin für Flöte in Frankfurt, mit ihrem kleinen Team 2019, also schon als an Corona noch nicht zu denken war. Im thüringischen Volkenroda war die Premiere für das höchst konzentrierte Konzerterlebnis.

Bei den 1:1-Konzerten entsteht ein Austausch zwischen zwischen zwei Personen, die sich meist noch nie gesehen haben. Je mehr sie preisgeben, desto stärker wird diese Verbindung und desto intensiver kann nachher das musikalische Erlebnis sein.

Stephanie Winkler

Aus Thüringen in die Welt

Eine Frau von vorn
Flötistin Stephanie Winker Bildrechte: Martin Mannweiler

Zu erleben ist so Musik, die vom geteilten Augenblick inspiriert sein kann. Gespielt wird sie von renommierten Orchestermitgliedern und freien Musikerinnen.

Im Frühjahr nahm Stephanie Winker die Idee wieder auf:

Als die Auftrittsmöglichkeiten zusammengeschmolzen sind, war klar, dass wir es noch mal machen wollen. Und zwar nicht nur in unserer kleinen Enklave im thüringischen Nirgendwo, sondern wir wollten damit raus in die Welt.

Stephanie Winkler
Musiker in einer Scheune
Auch an ungewöhnlichen Orten Bildrechte: Martin Mannweiler

Und die Welt wollte. In Deutschland und weltweit gab es bisher über 4.500 Konzerte – 1 zu 1 von Berlin über Rom bis Tokio. Dafür erhielten die Künstlerinnen und Künstler kein Honorar trotz hochkarätiger Darbietungen. Freiwillige Spenden sind willkommen. So kamen inzwischen mehr als 100.000 Euro zusammen. Allen Auftritten gemein ist die ausgeklügelte Konzertpraxis – mittlerweile ein geschütztes Konzept.

Wir finden dieses Format so kostbar; ein Raum der Sicherheit und der Schönheit und des gegenseitigen Gebens, dass der so erhalten bleibt, wie wir ihn uns ausgedacht haben. Das ist uns wichtig.

Stephanie Winkler

Nähe spüren zu Fremden, nur durch einen Blick. Angelehnt ist das Konzert-Konzept an Marina Abramovićs Performance "The Artist is Present", für die sie 2010 drei Monate lang jeden Tag acht Stunden im New Yorker Museum of Modern Art (MoMA) saß. Die Idee der Performancekünstlerin war nur ein Baustein. Hinzu kommt bei den 1:1-Konzerten laut Stephanie Winker die Bühne, die das Erlebnis nicht nur physisch, sondern auch emotional umrahmt: "Es macht auch was mit dem Hörer, wenn er sich nicht einfach auf seinen Stuhl setzt, sondern wenn er tatsächlich eine Bühne betritt."

Sehnsucht nach wirklicher Begegnung

Eine Bühne, die begrenzt ist. Ein Raum, der geschaffen wird durch Licht, durch Pflanzen Hier steht der Mensch im Mittelpunkt. In einem Raum, der den Corona-Regeln angepasst ist. Für den diese aber nur sekundär sind. Aus Sicht von Stephanie Winker erlauben die digitalen Möglichkeiten letztlich doch keinen wirklichen Austausch. Es bleibe eine Einbahnstraße. Denn solch digital gestützer Austausch könne nicht wirklich berühren, findet sie:

Wir sind wie ausgehungert danach, einander wirklich sehen zu dürfen und gesehen zu werden und von Herz zu Herz kommunizieren zu können.

Stephanie Winkler

Das Feedback, das Besucherinnen und Besucher geben, zeigt Stephanie Winker zufolge, dass Musik tief berühren kann, in einer Zeit, in der Berührungen schmerzlich vermisst werden.

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Kunstschaffende aus Mitteldeutschland in Zeiten der Pandemie

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | artour | 20. November 2020 | 22:05 Uhr

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