Brontë Parsonage Museum in Haworth
Eine Statue im Garten des heutigen "Brontë Parsonage Museum" im Norden Englands, dem Lebensmittelpunkt von Emily Brontë (mittlere Figur). Bildrechte: MDR/Katrin Engelhardt

200. Geburtstag Emily Brontë: Mit "Sturmhöhe" in die Literaturgeschichte

Sie wurde nur 30 Jahre alt und verfasste nur einen Roman: "Sturmhöhen" (im Original "Wuthering Heights"). Doch der machte ihren Namen weltweit bekannt – bis heute. Vor 200 Jahren wurde Emily Brontë geboren.

Brontë Parsonage Museum in Haworth
Eine Statue im Garten des heutigen "Brontë Parsonage Museum" im Norden Englands, dem Lebensmittelpunkt von Emily Brontë (mittlere Figur). Bildrechte: MDR/Katrin Engelhardt

Herbst 1845. Charlotte Brontë, zwei Jahre älter als Emily, liest sich in den Gedichten der Schwester fest. Sie ist nicht einfach nur überrascht: Sie überkommt die "tiefe Überzeugung, dass es sich hier nicht um normale lyrische Ergüsse handelte und schon gar nicht um die Poesie, wie sie üblicherweise von Frauen verfasst wird", schreibt Charlotte Brontë, und weiter: "Mir kamen ihre Verse sehr verdichtet, klar und bündig vor, kraftvoll und echt. In meinen Ohren hatten sie auch einen ganz besonderen Klang, wild, melancholisch und erhebend."

Bei aller Begeisterung – Charlottes Lesestunde hat einen Haken: Indem sie die Gedichte durchstöbert, bricht sie ein Tabu. Sie hat Emily nicht gefragt.

"Meine Schwester war kein Mensch, der seine Gefühle offen zeigte. Nicht einmal ihre Verwandten und Bekannten durften ungestraft und ohne ihre Einwilligung zu ihrem geheimen Inneren vordringen. Es dauerte Stunden, bis ich mich nach der Entdeckung dieser Gedichte wieder mit ihr ausgesöhnt hatte, und Tage, bis ich sie davon überzeugt hatte, dass dieselben eine Veröffentlichung verdienten."
Charlotte Brontë

Und zu dieser Veröffentlichung kommt es bald.

Der Vater ist zugleich ihr Lehrer

Geboren wird Emily in der nordenglischen Grafschaft Yorkshire als Tochter eines Pfarrers, in Thornton. Bald darauf zieht die achtköpfige Familie in den nahegelegenen Ort Haworth – bis zu ihrem Tod  Emilys Lebensmittelpunkt. Was einer ihrer künftigen Lehrer, Constantin Hegers in Brüssel, bedauert. Er lernt sie 1842 kennen. Seiner Ansicht nach hätte Emily etwa einen "großen Seefahrer" abgeben sollen:

Ihr scharfer Verstand hätte durch logische Analyse der bekannten Sphären neue entdeckt, und ihr starker, zwingender Wille hätte vor keiner Opposition oder Schwierigkeit zurückgeschreckt, hätte niemals nachgegeben.

Constantin Hegers, Emily Brontës Lehrer

Nachdem Emily ihre Mutter früh verliert, kümmert sich der Vater mit viel Elan und einfallsreich um die Bildung seiner Kinder. Schulen sieht Emily kaum. Lesestücke aus zeitgenössischen Schriften, Rollenspiele, Debatten – all dies steht auf dem Lehrplan des Pfarrers Patrick Brontë. "Schreiben", betont Biographin Sally Schreiber, ist "Tagesroutine". Die Kinder entwickeln Phantasiereiche, die nach Glasstown, Angria oder Gondal entführen und die sie auch als Erwachsene betreten. Sie entfalten so ihre schriftstellerischen Talente als Erzähler, als Dichter.

"Oh, schrecklich ist das Hemmnis – heftig die Agonie,
Wenn das Ohr zu hören beginnt, und das Auge beginnt zu sehen;
Wenn der Puls zu schlagen beginnt und das Gehirn wieder denkt,
Die Seele spürt den Körper, und der Körper spürt die Kette!"
Emily Brontë

Wo Emily Brontë aufgewachsen ist

Ein Blick in das "Brontë Parsonage Museum" im englischen Haworth

Brontë Parsonage Museum in Haworth
Das heutige Brontë-Museum in Haworth, West-Yorkshire im Norden Englands wurde im 18. Jahrhundert erbaut. Hier wuchsen Emily und ihre Geschwister auf. Bildrechte: MDR/Katrin Engelhardt
Brontë Parsonage Museum in Haworth
Das heutige Brontë-Museum in Haworth, West-Yorkshire im Norden Englands wurde im 18. Jahrhundert erbaut. Hier wuchsen Emily und ihre Geschwister auf. Bildrechte: MDR/Katrin Engelhardt
Brontë Parsonage Museum in Haworth
Vater Patrick Brontë hatte 1820 eine Pfarrstelle in Haworth übernommen. Das Haus bewohnten er und seine Familie von 1820 bis zu ihrem Lebensende. Patrick überlebte seine Frau Maria (die bereits 1821 starb) und alle seine sechs Kinder. Bildrechte: MDR/Katrin Engelhardt
Brontë Parsonage Museum in Haworth
Der Friedhof von Haworth liegt direkt hinter dem ehemaligen Pfarrhaus. Wenn die Brontës aus dem Fenster schauten, blickten sie auf die Grabsteine. Ein düsterer Anblick, der ihr Schreiben beeinflusste (auch Emilys Schwestern Charlotte und Anne wurden Schriftstellerin). Bildrechte: MDR/Katrin Engelhardt
Brontë Parsonage Museum in Haworth
Im Esszimmer versammelten sich die Geschwister, wenn der Vater schlafen gegangen war. Sie wanderten um den Tisch herum und lasen sich ihre selbstgeschriebenen Geschichten und Gedichte vor.  Bildrechte: MDR/Katrin Engelhardt
Brontë Parsonage Museum in Haworth
In der Küche kochten und buken die Brontë-Schwestern. Die Familie war nicht sehr wohlhabend, es gab nur eine Hausangestellte. Deswegen mussten die Mädchen von Kindesbeinen an im Haushalt helfen. Bildrechte: MDR/Katrin Engelhardt
Brontë Parsonage Museum in Haworth
Ein Gedichtmanuskript von Emily. Bereits als 6-Jährige soll sie Predigten ihres Vaters korrigiert haben. 1846 publizierte sie mit ihren Schwestern einen Gedichtband – doch nur zwei Exemplare wurden verkauft. Ihr Roman "Sturmhöhe" ("Wuthering Heights") gehört heute zur Weltliteratur. Bildrechte: MDR/Katrin Engelhardt
Brontë Parsonage Museum in Haworth
Die Brontë-Schwestern als Skulptur im Museumsgarten: links Charlotte, dann Emily und Anne. Bildrechte: MDR/Katrin Engelhardt
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1846 bringt Emily Gedichte heraus – gemeinsam mit ihren Schwestern Charlotte und Anne. Die "Poems" bleiben eine Randnotiz, was sich bei Emilys kurz darauf erscheinendem Roman "Wuthering Heights" ("Sturmhöhe") ganz anders verhält. Viel Zeit bleibt ihr danach nicht mehr. Sie erkrankt schwer, wahrscheinlich an Schwindsucht, will aber weiterhin ihrem Tagwerk nachgehen, keinen Arzt sehen und von der Familie nicht wie eine Kranke behandelt werden. Sie beschließt ihr Leben am 19. Dezember 1848.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 30. Juli 2018 | 06:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 30. Juli 2018, 16:05 Uhr