Die DDR-Schriftstellerin Christa Wolf, aufgenommen am 26. Januar 1978.
Die DDR-Schriftstellerin Christa Wolf, aufgenommen am 26. Januar 1978. Bildrechte: dpa

90. Geburtstag Staatsdichterin und Dissidentin: Christa Wolf

Sie stritt in der DDR und für sie, sie litt an ihrem Land, blieb doch und schrieb weiter. Ihre Bücher waren gefragt, ihre Stimme wurde gehört. Am 18. März wäre Christa Wolf 90 Jahre alt geworden.

von Sven Hecker, MDR KULTUR

Die DDR-Schriftstellerin Christa Wolf, aufgenommen am 26. Januar 1978.
Die DDR-Schriftstellerin Christa Wolf, aufgenommen am 26. Januar 1978. Bildrechte: dpa

"Christa T.", "Geteilter Himmel", "Kindheitsmuster", "Kein Ort. Nirgends", "Störfall", "Kassandra", "Was bleibt", "Medea" – Christa Wolfs Werktitel sind bekannt hierzulande. Noch immer.

Doch man kannte, das ist ja nicht immer so, auch die Autorin hinter den Büchern. Sie hat sich in der DDR jahrzehntelang eingemischt, engagiert, hat gestritten, war streitbar. Man kannte ihr Gesicht, ihre Stimme, erinnert sich an Lesungen oder die Auftritte um 1989/90 herum. Oder später, als sie sich gegen Vorwürfe verteidigen musste:

Obwohl die Autorin wahrscheinlich nach dem Scheitern ihres dritten Werkes kaum wieder produktiv sein wird, können wir das Manuskript nicht akzeptieren.

Zitat aus einem Verlags-Gutachten von 1967

So heißt es in einem Verlags-Gutachten von 1967 über Christa Wolf. Es geht um ihr Buch "Nachdenken über Christa T." – Christa T. ist eine sensible Individualistin, die sich nur schwer ins sozialistische DDR-Kollektiv einordnen kann und schon mit 35 Jahren an Krebs stirbt. Die Partei-Zensoren wittern die "Gefahr ideologischer Desorientierung".

Schreiben gegen die Zensur: "Der geteilte Himmel" und "Christa T."

Nach dem Mauerfall sagte Literaturwissenschaftler Hans Mayer, "Christa T." sei eines der klassischen Werke der DDR-Literatur.

Was hier in einer sehr kunstvollen Weise gestaltet worden ist, ist eine Art der Literatur der Unbestimmtheit, die von Autoren und Kritikern der Bundesrepublik im Allgemeinen nicht verstanden wird.

Hans Mayer, Literaturwissenschaftler

Mayer hat 1991 einigen Anlass zu dieser Bemerkung. Christa Wolf war Anfang der 50er-Jahre in Leipzig seine Germanistik-Studentin. Nach dem Ende der DDR sieht sie sich Angriffen ausgesetzt – sie, die "Staatsdichterin" – so die Kritiker, die sich auf die Seite der Opfer mogeln wolle.

Was ist Wahrheit, was ist die Wahrheit der Kunst, was kann man dem Leser zumuten (...) an Problemen und Konflikten?

Christa Wolf Auf der Bitterfelder Konferenz, 1964

Das fragt Christa Wolf 1964 bei der II. Bitterfelder Konferenz schreibende Arbeiter, mitschreibende Funktionäre und sich selbst. Verlags-Lektorin und Redakteurin war sie zuvor. Nun ist sie freiberufliche Schriftstellerin, kurzzeitig auch Kandidatin des SED-Zentralkomitees. Eben hat ihr zweites Buch, "Der geteilte Himmel", sie bekannt gemacht. Auch im Westen, denn es handelt von der Liebe in den Zeiten der Mauer.

Abtauchen in historische Stoffe: Kein Ort. Nirgends?

Doch die kurze Tauwetter-Phase in der DDR ist bald vorbei. Wolfs "Nachdenken über Christa T." erscheint erst 1969, in kleiner Auflage, nach zermürbendem Ringen mit den Behörden.

Christa T. stirbt an der Leukämie, aber sie leidet an der DDR.

Marcel Reich-Ranicki über die Hauptfigur in Christa Wolfs Roman

So schreibt Marcel Reich-Ranicki in der "Zeit" über die Protagonistin des Buches. Auch Christa Wolf leidet an der DDR. Wählt fortan oft vordergründig historische Stoffe – griechische Mythologie, die deutsche Romantik – um ihre Gedanken unters interpretationskundige DDR-Lese-Volk zu bringen. Sie kreisen um gesellschaftliche Enge, Männerdominanz, die Bedrohungen durch die Industriegesellschaft.

Wolf schreibt und bleibt in der DDR. Obwohl sie mit ihren Büchern, den Helden darin, in Widerspruch zur offiziellen SED-Doktrin gerät. Erst recht mit ihrem Protest gegen die Biermann-Ausbürgerung 1976. Doch in den Westen zu gehen, wie der Chemiker Herrfurth im "Geteilten Himmel", das ist keine Alternative für Wolf. Obwohl ihre Bücher dort als renitent gefeiert werden, solange die Mauer steht. 

Was hätte ich woanders erwartet? Ich hatte keine Alternative. Genau das meint der Buchtitel 'Kein Ort. Nirgends'.

Christa Wolf

Schreiben, um kenntlich zu bleiben – bis zum Schluss

Im Juni 1989 verlässt Christa Wolf die SED. Ein Zeichen der prominenten Schriftstellerin. Im Herbst 1989 wird sie sich einmischen, hoffend, dass das Land nun ganz das ihre wird.

Jede revolutionäre Bewegung befreit auch die Sprache. Was bisher so schwer auszusprechen war, geht uns auf einmal frei über die Lippen. Wir staunen, was wir offenbar schon lange gedacht haben und was wir uns jetzt laut zu rufen: 'Demokratie jetzt oder nie!'

Als nach dem Mauerfall Wolfs Stasikontakte von 1959 bis 1962 publik werden, verschärft sich die Debatte um ihre Rolle in der DDR. Die Autorin hält dagegen, veröffentlicht ihre Akte. Darin enthalten sind drei Berichte von IM "Margarete". Daneben stehen mehr als 42 Bände der Opferakte "Doppelzüngler". Sie belegen die lückenlose Überwachung des Ehepaars Christa und Gerhard Wolf über 20 Jahre, bis zum Ende der DDR.

Sie müsse schreiben, um kenntlich zu bleiben, sagt Christa Wolf einmal. Das tut sie, fast bis zum Schluss. 2011 stirbt sie nach langer Krankheit. Im Jahr zuvor ist ihr letzter Roman erschienen.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 18. März 2019 | 06:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 18. März 2019, 12:15 Uhr

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