Angeleintes Kind
Hierzulande ein irritierendes Bild, in den USA dagegen häufiger zu sehen: Kinder an der Leine. Bildrechte: Colourbox.de

Erziehungskonzepte im Vergleich Wie Kinder in anderen Ländern erzogen werden

Von angeleinten Kindern in den USA bis zur absoluten Freiheit in Schweden – weltweit erziehen die Menschen ihre Kinder durchaus unterschiedlich. Doch was ist dran an den länderspezifischen Klischees und wie lässt sich Deutschland darin verorten?

Angeleintes Kind
Hierzulande ein irritierendes Bild, in den USA dagegen häufiger zu sehen: Kinder an der Leine. Bildrechte: Colourbox.de

USA: angeleint und eingezäunt

Eigentlich haben wir das Bild des unabhängigen, freien Amerikaners in unseren Köpfen – da erscheint es zunächst verwunderlich, dass Kindergärten eingezäunt sind wie eine Hochsicherheitsanstalt oder Kleinkinder mit einer Leine am Rucksack spazieren geführt werden, nie mehr als eine Armlänge von ihren fürsorglichen Eltern entfernt – so berichtet es Martina Buttler, Korrespondentin aus Washington.

Man sieht hier Kindergartenkinder mit einer Leine am Rucksack.

Martina Buttler, Korrespondentin aus Washington

Grund dafür ist laut Buttler die Angst davor, verklagt zu werden – sowohl als Kindergarten, der für die Obhut des Kindes verantwortlich ist als auch als Eltern, die haften, wenn ihr Kind etwas anstellt. Daneben bereiten aber auch einige Gesetze den Nährboden für die intensive Rundumbetreuung. So ist es beispielweise im Bundesstaat Maryland verboten, Kinder unter acht Jahren alleine zu Hause oder im Auto zu lassen. Dass aber außerdem einige Kindergärten mit Livecams ausgestattet werden, ist Buttler zufolge wohl eher den Bedürfnissen der Eltern geschuldet.

Das ist auch ein gewisser Kontrollwahn amerikanischer Eltern.

Martina Buttler, Korrespondentin aus Washington
Angeleintes Kind
Bildrechte: Colourbox.de
Angeleintes Kind
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Schweden: Konfliktvermeidung und die absolute Freiheit

 Ein achtjähriges Mädchen beim balancieren auf einem Holzpfosten am Strand der dänischen Insel Römö, 2015
Das Gleichgewicht zwischen Unabhängigkeit und Fürsorge finden – das ist eine der entscheidenden Erziehungsherausforderungen. Bildrechte: dpa

Mit der Elternzeit für Väter und dem Recht auf gewaltfreie Erziehung war Schweden in den 70er-Jahren eines der pädagogischen Vorreiterländer. Und bereits einige Jahre länger prägt die fröhliche und rebellische Astrid-Lindgren-Figur Pippi Langstrumpf das schwedische Kindheitsbild. Und tatsächlich sind auch heute noch Ideale wie Selbstständigkeit und Unabhängigkeit bei der Erziehung in Schweden maßgeblich, wie Korrespondent Carsten Schmiester erzählt. Kinder würden "laufen gelassen". Das könne einerseits durchaus positiv gewertet werden, Schmiester sieht allerdings auch negative Aspekte.

Die Schweden machen es sich ein bisschen leicht. Wenn man sich gar nicht um jemanden kümmert, ist das noch keine Erziehung und schon gar keine freiheitliche, sondern da könnte man sogar sagen, das hat Züge von Vernachlässigung.

Schweden-Korrespondent Carsten Schmiester

Die Eltern sähen sich oft als beste Freunde ihrer Kinder. Die schwedischen Kinder fühlten sich zwar frei, so Schmiester, aber in der Suche nach ihrem Weg auch allein gelassen.

Kinder haben auch ein Recht auf Grenzen, es hilft ihnen, ihre eigene Position zu bestimmen.

Schweden-Korrespondent Carsten Schmiester

Insgesamt sei die schwedische Gesellschaft zwar eine sehr elternfreundlich und kinderfreundliche – so gibt es eine breite Versorgung mit Tagesstätten und wer als Vater die Elternzeit voll ausschöpft, profiliere sich mit Soft Skills für Führungsjobs – durch die Vollzeitarbeit beider Eltern laste aber auch ein enormer Druck auf schwedischen Frauen, wie Schmiester erzählt, denn einen Großteil der Mutterpflichten haben die schwedischen Männer eher nicht übernommen. Auch in ihrem späteren Leben seien die Schweden große Konfliktvermeider, erklärt Schmiester.

Es wird nicht gestritten in Schweden, auch nicht über Erziehung. Die Schweden streiten nicht.

Schweden-Korrespondent Carsten Schmiester
 Ein achtjähriges Mädchen beim balancieren auf einem Holzpfosten am Strand der dänischen Insel Römö, 2015
Bildrechte: dpa

Schon lange prägt die fröhliche und rebellische Pippi Langstrumpf das schwedische Kindheitsbild. Auch heute ist Unabhängigkeit bei der Erziehung in Schweden maßgeblich, wie Korrespondent Carsten Schmiester erzählt.

MDR KULTUR - Das Radio Di 10.04.2018 18:05Uhr 09:47 min

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

 Ein achtjähriges Mädchen beim balancieren auf einem Holzpfosten am Strand der dänischen Insel Römö, 2015
Bildrechte: dpa

Schon lange prägt die fröhliche und rebellische Pippi Langstrumpf das schwedische Kindheitsbild. Auch heute ist Unabhängigkeit bei der Erziehung in Schweden maßgeblich, wie Korrespondent Carsten Schmiester erzählt.

MDR KULTUR - Das Radio Di 10.04.2018 18:05Uhr 09:47 min

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China: Versagensängste und Leistungsdruck

Mit der Einschulung verschwinden die Kinder in China von der Straße, sagen manche, denn von diesem Moment an sei alles aufs Lernen ausgerichtet, berichtet Korrespondent Axel Dorloff. Besonders vor dem sogenannten Gao Kao, dem chinesischen Abitur und landesweiten Aufnahmetest für Universitäten sei der Druck am höchsten, wie chinesische Schüler erzählen.

Es ist unmöglich, dass man keinen Druck verspürt, wenn der Gao Kao näher rückt. Die Schüler in Peking sind alle sehr tüchtig, aber der Druck in der Schule ist unglaublich hoch. Wenn du herausragen willst, musst du sehr hart arbeiten und viele private Kurse auch nach der Schule belegen.

Chinesischer Schüler

Doch die Probleme beginnen noch eher, wie ein Schulpsychologe erzählt. Waren es vor ein paar Jahren noch vor allem die Abschlussklassen, die sich an ihn wandten, kommen inzwischen auch Zweitklässler wegen des Leistungsdrucks zu ihm.

Als wichtigen Grund für den Leistungsdruck sieht Dorloff die ehrgeizigen Eltern, die oft selbst nur begrenzte Bildungsmöglichkeiten hatten. Dazu kommen strenge Lehrer und autoritäre Strukturen in den Schulen und die langjährige Ein-Kind-Politik. Alle Wünsche und Hoffnungen der Eltern konzentrieren sich so auf ein Kind. Und auch nach der Schule geht es mit dem Druck weiter. So spüren die Eltern den Druck der wachsenden Wirtschaft, den sie auch auf ihre Kinder übertragen.

chinesische Kinder lassen Drachen steigen
Bildrechte: IMAGO

Die chinesische Kindheit scheint vor allem von der Schule und dem dortigen Leistungsdruck geprägt. Wie nehmen das die Kinder in China wahr und worin liegen die Ursachen dafür? Axel Dorloff mit einem Bericht.

MDR KULTUR - Das Radio Di 10.04.2018 18:05Uhr 03:26 min

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chinesische Kinder lassen Drachen steigen
Bildrechte: IMAGO

Die chinesische Kindheit scheint vor allem von der Schule und dem dortigen Leistungsdruck geprägt. Wie nehmen das die Kinder in China wahr und worin liegen die Ursachen dafür? Axel Dorloff mit einem Bericht.

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Deutschland: Langsamer Wandel weg von der Autokratie

Die Autorin Nora Imlau sieht die Deutschen in ihrer Erziehung immer noch stark von der Geschichte und ihrer nationalsozialistischen Vergangenheit geprägt.

Allein die Angst vor dem Verwöhnen - dass man einem kleinen Kind schadet, indem man seine Bedürfnisse liebevoll beantwortet - das ist eine kulturelle Prägung, das wird wahrscheinlich noch ein oder zwei Generationen brauchen, bis wir die komplett losgeworden sind.

Nora Imlau

Der Erziehungsberater Jan-Uwe Rogge bewertet die Erziehung in Deutschland dagegen nicht mehr so autokratisch, wie noch vor 40 Jahren. Vielmehr stehe inzwischen das Eingehen auf die Bedürfnisse des Kindes im Mittelpunkt.

Zurzeit beobachte ich, dass sich doch viele Eltern bemühen, Grenzen zu setzen und zugleich eigene Bedürfnisse auch zu artikulieren und die Bedürfnisse des Kindes ernst zu nehmen.

Erziehungsberater Jan-Uwe Rogge

Im Weg stehe aber oft noch der Anspruch der Eltern, perfekt zu sein und in der Erziehung alles richtig zu machen, dadurch ginge eine ganze Menge an Lebendigkeit verloren, so Rogge.

Es fehlt das Bauchgefühl. Es fehlt die Intuition, das ganz Eigene, das Persönliche.

Erziehungsberater Jan-Uwe Rogge

Gelassen zuzulassen – das mache eine authentische Erziehung aus. Man dürfe Erziehung nicht verwechseln mit ziehen, warnt Rogge. Den Kindern zuzuschauen, wie sie wachsen, das sei ein zentraler Aspekt der Erziehung. Viele Eltern seien da auch bereits weit gekommen. Den einen deutschen Erziehungsstil gebe es aber nicht, meint der Erziehungsberater.

Zwei lachende Kinder rennen über eine Wiese
Bildrechte: Colourbox.de

Gibt es einen deutschen Erziehungsstil? Jan-Uwe Rogge berät seit über 30 Jahren Eltern. Im Gespräch mit MDR KULTUR spricht er über Beständigkeit und Veränderung im Umgang mit dem Nachwuchs.

MDR KULTUR - Das Radio Di 10.04.2018 18:05Uhr 06:15 min

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Zwei lachende Kinder rennen über eine Wiese
Bildrechte: Colourbox.de

Gibt es einen deutschen Erziehungsstil? Jan-Uwe Rogge berät seit über 30 Jahren Eltern. Im Gespräch mit MDR KULTUR spricht er über Beständigkeit und Veränderung im Umgang mit dem Nachwuchs.

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Ein lachendes Mädchen macht ein Selfie.
So verschieden wie die Kinder sind, so unterschiedlich gehen auch die Eltern an die Erziehung ran. Bildrechte: imago/Westend61

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | MDR KULTUR Spezial | 10. April 2018 | 18:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 14. April 2018, 13:25 Uhr

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