Eurosonic-Festival Diese Pop-Newcomer sollten Sie 2020 nicht verpassen

Die europäische Musikszene begibt sich alljährlich zum "Neujahrsempfang" nach Holland in die Stadt Groningen. Beim Eurosonic Festival wagten sich auch diesmal mehrere Hundert, zumeist junge Talente auf die Bühnen der zahlreichen Clubs der Universitätsstadt im Nordosten des Landes. Fans, aber auch Journalisten, Clubbetreiber, Tour- und Festivalbooker sahen ihnen dabei zu – alle auf der Suche nach den spannenden Acts der Zukunft. MDR KULTUR-Musikredakteur Hendryk Proske hat mitgesucht.

Musikerin Kitt Philippa beim Konzert
Bedacht und ruhig, dennoch voller Stärke: die Songs der Musikerin Kitt Philippa Bildrechte: MDR/Hendryk Proske

Kitt Philippa (Nordirland)

"Alles was wir brauchen, ist Humanismus." Es kann so einfach sein, oder gerade nicht? Für die junge Nordirin Kitt Philippa ist eigentlich nichts wirklich einfach, aber bei der Frage nach dem Humanismus als kleinster gemeinster Nenner ist sie sicher. Es ist schon ein starkes Statement, ein Debütalbum mit diesem Satz im Song "Human" zu beginnen.

Darüber hinaus ist Kitt Philippa eine Suchende, eine Nachdenkende. Sie macht es sich nicht einfach – weder textlich, noch musikalisch. Sie liebt es, sich in Details zu vertiefen und Worte wie Noten lang zu ergründen, ehe sie sich sicher ist; eh sie selber weiß, was sie bedeuten. Musikalisch wandelt sie ebenso bedacht, ruhig, oft leise. Kitt Philippa scheint selbst auf der Bühne ihrem Gesang, ihren Pianoklängen noch einmal hinterherzuhören. Dennoch strahlen ihre Songs Stärke aus. Dieser Frau muss man zuhören.

Alex Gough (Irland)

Musiker Alex Gough auf der Bühne
Rappt am Schlagzeug: Alex Gough in seinem Element Bildrechte: MDR/Hendryk Proske

Wer im Netz Videos des 21-jährigen Alex Gough sieht, denkt sich vielleicht: cool, talentiert, aber eben auch nur ein weiterer rappender "Lad" von der Insel. Doch live zeigt er sein wahres Gesicht. Denn eigentlich ist Gough Drummer. Er trommelt seit seinem fünften Lebensjahr. Und er kann es!

Seine Inspiration kommt vom Jazz. Coltrane, Davis, die Platten standen im Elternhaus in Waterford, im Südosten Irlands. Und so sitzt er am Schlagzeug und trommelt sich durch wilde Beats, Breaks und Tempiwechsel – und rappt dazu. Unterstützt wird er von einer kleinen Band, die sich im Laufe des Sets mit Gough gemeinsam in einen dynamischen, energiegeladenen Rausch aus Jazz, Jazzrock, Funk, Trap, Hip Hop und Reggae spielt.

Lina_Raül Refree (Portugal/Spanien)

Um Regeln zu brechen, muss man sie kennen und achten. Erst wenn man die Leitplanken eines traditionsreichen Genres wie dem portugiesischen Fado kennt, kann man sich daran wagen, über sie hinwegzugehen. Dessen sind sich die Portugiesin Lina und der Spanier Raül wohl bewusst.

Die beiden Musiker der Combo Lina_Raul Refree auf der Bühne
Raül ist verantwortlich für die Musik, Lina für den Gesang. Bildrechte: MDR/Hendryk Proske

Lina ist als Fado-Interpretin in ihrem Heimatland bekannt. Raül hat sich in einigen Kollaborationen am spanischen Flamenco abgearbeitet. Was sie nun mit dem klassischen Fado machen, ist ein Wagnis, aber es gelingt. Behutsam verbindet Raül elektronische Klänge, Sounds, Flächen, Segmente auf präpariertem Klavier mit dem berührenden Gesang Linas. Die entstehende Stimmung, die Tiefe, die schwebende Räumlichkeit unterstützt die Seele des Fado in einem völlig neuen Ausmaß.

Arlo Parks (England)

Die Karriere dieser Londonerin geht wirklich schnell steil. Es ist noch kein ganzes Jahr her, da spielte sie ihr erstes eigenes Konzert beim "The Great Escape", einem ähnlich gestrickten Festival wie dem Eurosonic in Groningen. Dann schlug die BBC zu. Es folgte das Glastonbury-Festival. Nun ist Arlo Parks eines der großen Versprechen des jungen Jahres. Dabei bleibt sie beeindruckend gelassen, denn das rasende Tempo hat eine gesunde Basis.

Arlo Parks singt auf der Bühne.
In ihren Songs spiegeln sich Traurigkeit und Hoffnung wider: Arlo Parks Bildrechte: MDR/Hendryk Proske

Arlo hat schon weit vor der ersten großen Aufmerksamkeit Songs auf eigene Faust im Netz veröffentlicht und unzählige Gedichte geschrieben. Ihre Texte aus der Sicht ihrer "Super Sad Generation" (dt.: super traurige Generation) mixt sie mit einem lässig-souligen Pop-R’n’B, dem man tatsächlich eine gewisse "Sadness" – also Traurigkeit – anhört, dem aber genügend Hoffnung innewohnt.

Celeste (England)

Der Name dieser britischen Soul-Hoffnung wird bereits seit Monaten mehr als nur geraunt. Schon beim Hamburger Reeperbahn-Festival im vergangenen September waren sich die Trendexperten sicher: Die britische Mittzwanzigerin mit US-amerikanischen Wurzeln steht vor einer großen Karriere. Soul, Blues, klassischer R’n ’B – Celeste weiß mit einer beeindruckenden stimmlichen Sicherheit und Ausstrahlung zu überzeugen.

Für das Eurosonic Festival war der Hype, nachdem Celeste erst letzte Woche von der britischen BBC zur Nummer Eins des "Sound Of 2020" erkoren wurde, schon zu groß. Bei dem Andrang hätte sie dreimal hintereinander spielen können, was einige Verärgerte hinterließ. Ohnehin wird es spannend zu beobachten sein, wie sie zusammen mit ihrem Label die Balance zwischen zweifellos großem Talent und auf den Massenmarkt gedrechselte Produktion halten kann.

Gabríel Ólafs (Island)

Storyteller oder Emotionsseller? Gabríel Ólafs aus Reykjavik möchte definitiv beides sein. Seine Instrumentalstücke aus Klavier und Streichern schaffen das auch. Mal ist es ein Bild eines Radfahrers, dem er einfach ein Thema widmet, mal die "Staircase Serenade", mit der er deutlich hörbar die gefühlte Erleichterung der Rettung seines Instruments aus einem überfluteten Keller nachempfindet. Oder er schreibt seine "Signature"-Melodie aus seiner ersten Veröffentlichung "Absent Minded" immer weiter, so wie auch sein Leben immer weiter geht und damit auch die eigene Erzählung.

Ólafs ist klassisch ausgebildeter Pianist, hat aber nach eigenem Bekunden für den Job eines klassischen Konzertpianisten als Kind zu wenig geübt. Viel lieber wollte er die Klassiker auf "seine Art" spielen, selber komponieren und mit Stimmungen jonglieren. Gelingt ihm definitiv!

Sorcha Richardson (Irland)

Die Sängerin Sorcha Richardson steht mit Gitarre am Mikro.
Sorcha Richardson überzeugt mit starker Präsenz und klar klingendem Indie-Pop. Bildrechte: MDR/Hendryk Proske

"Je emotionaler ich etwas empfinde, umso einfacher fällt es mir, darüber einen Song zu schreiben." So erklärt die in einem Vorort von Dublin aufgewachsene und in New York studierte Sorcha Richardson recht einfach ihr Rezept. Sie wählt den klassischen Singer-Songwriter-Weg: beobachten, erleben, verarbeiten, schreiben, singen – fertig.

Richardson schreibt über Beziehungen (echte, gescheiterte, nie begonnene) ebenso wie über Sorgen ihrer Freunde oder das große Ganze des Lebens. Das mag banal klingen, ist es aber keineswegs. Und dazu ist ihre Präsenz und der klar klingende Indie-Pop, in den sie ihre Texte packt, einfach zu einnehmend und sympathisch, um darüber hinwegzuhören.

Nathan Ball (England)

Auf die Frage, ob er lieber mit einem Board an den Strand gehen oder als Musiker auf einem Festival spielen würde, kommt Nathan Ball echt ins Grübeln. Verschmitzt grinsend entscheidet sich der Sunnyboy dann aber doch für die Bühne. Wohl wissend, dass es für seinen zweiten Lebenszweck, dem Surfen, ohnehin grad viel zu kalt ist.

Die Liebe zum Meer und den Wellen ist für einen jungen Mann, der aus einem unspektakulären Kaff in der Mitte Englands kommt, womöglich ungewöhnlich. Oder gerade nicht: Aus der Sehnsucht nach dem Meer, geboren aus zahllosen Urlaubstrips mit den Eltern, hat er eine scheinbar nicht versiegende Inspiration gezogen. Und so klingen seine Folksongs wunderschön leicht, erhaben, schwebend, fließend und angenehm entspannt.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 18. Januar 2020 | 16:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 21. Januar 2020, 04:00 Uhr

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