ARD-Themenwoche: #WieLeben? Wie der Leipziger Fotograf Fabian Heublein der Krise trotzt

Im Mittelpunkt seiner künstlerischen Werke stehen immer wieder die Menschen. Als freischaffender Künstler macht Fabian Heublein hauptsächlich fotografische Aufnahmen von Personen, Situationen und Gegenständen, die insbesondere soziale Zusammenhänge darstellen. Dabei begibt er sich bewusst und leidenschaftlich selbst in diese hinein. Aber wie geht das in Zeiten gesetzlich verordneter Kontaktbeschränkungen?

Fabian Heublein
Der Leipziger Fotograf Fabian Heublein Bildrechte: Fabian Heublein

Eine gewisse Portion Unsicherheit gehört für Fabian Heublein seit jeher zu seinem Beruf. Schon während des Kunststudiums hat er sich nebenbei als Fotograf für unterschiedliche Institutionen ein Taschengeld verdient. Durch die Teilnahme an diversen Wettbewerben und Stipendien ist sein Netzwerk nach dem Diplomabschluss im Jahre 2016 an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig stetig weiter gewachsen. Er habe das Verhältnis von angewandten und künstlerischen Arbeiten sukzessive Richtung Kunst verschieben können, erzählt er, und hatte zuletzt das Gefühl, seine Selbstständigkeit als freischaffender Künstler zu stabilisieren.

Indem er ein Projekt mit Fördermitteln realisiert, ermöglicht ihm etwa der Ertrag daraus wiederum, das nächste zu bestreiten. Ein anderes Mal beschert ihm eine noch kommende Ausstellung die Umsetzung einer Idee, die bis dato keine Chance hatte, veröffentlicht zu werden.

Der Versuch, berufliche Freiheit und Sicherheit zu vereinen

Frau schiebt Fahrrad zwischen Figuren, die mit Absperrband umwickelt sind, entlang.
Ein Bild aus der Reihe "Indistinct" von Fabian Heublein, aufgenommen in der ersten Phase der Corona-Pandemie im Frühjahr. Bildrechte: Fabian Heublein

Was für Sicherheitsorientierte nach einem reichlich prekären Lebensentwurf aussehen mag, empfindet Fabian Heublein als einen Luxus: "Ich habe das als funktionierend empfunden. Wenn das noch ein paar Jahre genauso weiter geht, hatte ich das Gefühl, kann man irgendwann mit einer gewissen Sicherheit davon leben."

Ein wesentlicher Vorteil sei seine Freude an der Kommunikation. Im ständigen Austausch mit potenziellen Auftraggebern und Auftraggeberinnen aus Museen oder Galerien hat der Künstler gelernt, im Entwickeln seiner Werke stets auch Kooperationen in Erwägung zu ziehen: "Alle Konzepte, die man sich ausgedacht hat oder die man für seine Arbeiten hat, alle Herangehensweisen sind häufig für unterschiedliche Kontexte neu gedacht beziehungsweise leicht angepasst." Diese Flexibilität kommt ihm angesichts wegen der Corona-Pandemie geschlossener Ausstellungsräume nun zugute.

Keine Kunst für Social Media

Mit dem ersten Lockdown im Frühjahr 2020 hat sich vieles in den virtuellen Raum verlagert, auch die Präsentation von Kunst. Viele Kunstschaffende sind mehr oder weniger unverzüglich und scheinbar notgedrungen auf digitale Präsentationsformen umgestiegen, zeigen ihre Kunst in Videokonferenzen, auf Internetseiten, in sozialen Netzwerken. Fabian Heublein möchte sich dahingehend noch etwas zurückhalten.

Personen auf abgesperrter Straße
Bei der Arbeit an der Serie "Indistinct" ist Fabian Heublein nicht so dicht an die Menschen herangegangen, wie er das sonst macht. Bildrechte: Fabian Heublein

Obschon er längst begriffen habe, wie wichtig das Medium Internet für ihn und seine Kunst sei, bedeute Erstellung und vor allem Betreuung eines Accounts auch einen nicht zu unterschätzenden zusätzlichen Arbeitsaufwand. "Ich könnte schließlich nicht einfach so eine lieblos gestaltete Online-Präsentation von mir machen", gibt er zu bedenken, "sondern auch das ist ja da, um meine Gedanken, meine Inhalte zu vermitteln."

Während einige seiner Kolleginnen und Kollegen auf diesem Wege schon erfolgreiche Ausstellungen realisiert hätten, passe das zu seiner künstlerischen Herangehensweise weniger. So seien zahlreiche Arbeiten von ihm nicht ohne weiteres in anderen Kontexten oder Räumen zeigbar, weil deren Inhalte mit ihrer Präsentation in unmittelbarer Verbindung stünden.

Überdies bekämen seinen Beobachtungen zufolge die digital wahrgenommenen Werke schwerlich die Aufmerksamkeit, die ihnen gebühre. "Da wird das angesehen und gelikt, aber eine richtige Auseinandersetzung in so einer schnelllebigen Bilderwelt findet selten statt."

Von allen Seiten betrachtet

Ein Mann sitzt am Fenster und spielt Saxophon.
Im Mittelpunkt seines künstlerischen Schaffens steht der Mensch. Bildrechte: Fabian Heublein

Unterdessen sieht Fabian Heublein die Möglichkeit, das Internet als Plattform zu nutzen, um Kunst zu präsentieren. Selbst wo das für seine eigenen Arbeiten nicht funktioniert, kann er sich als Fotograf einbringen: "Ich bin total glücklich, dass ich einen sehr einfachen und guten Weg gefunden habe, 360-Grad-Fotoaufnahmen zu machen." So hat er die Werke anderer Kunstschaffender dokumentieren und online präsentieren können. Das sei im Internet gern wahrgenommen worden, "weil die Leute da das Gefühl haben, noch ein bisschen mehr agieren und reinschauen zu können."

Doch auch im Analogen finden Kunstschaffende Formen der Präsentation, die sich mit den Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie durchaus vertragen. So nutzen sie beispielsweise vermehrt den öffentlichen Raum, um Kunst zu zeigen. Dafür eignen sich auch Arbeiten von Fabian Heublein. Eine Fotoserie, die Mitarbeitende im "Werk 2", einem soziokulturellen Zentrum in Leipzig, porträtiert, war etwa an der Fassade des Gebäudes zu sehen.

Eingeschränkte Besucherzahlen können auch ein Vorteil sein

Auch die gesetzlich verordnete Begrenzung von Besucherzahlen im Analogen empfindet der Künstler mitnichten als Nachteil. Für kleinere Räume könne es sogar ein Vorteil sein, weil diejenigen, die kommen, sich intensiv auseinandersetzen könnten. "Und es kommen auch vermehrt nur die, die wirklich wollen und nicht die Unterhaltungssüchtigen sozusagen", fügt er an. So würden sich nicht nur die Präsentationsmodi verändern. Mindestens genauso spannend ist für ihn, zu beobachten, wie die Betrachtenden mit der Situation umgehen.

Trotz aller Unwägbarkeiten besteht für Fabian Heublein keinerlei Notwendigkeit, seinen gesamten Beruf neu zu denken. "Zu meinem Beruf gehören ja mehrere Aspekte. Und nur einer davon ist die Präsentation. Der erste Aspekt ist natürlich: Was interessiert mich? Womit beschäftige ich mich? Und das werden die gleichen Dinge bleiben." Für ihn sind es die Menschen und ihre ganz persönlichen Geschichten.

So bleibt ihm keine Wahl. Die Antwort auf die Frage, inwiefern ihn die Pandemie in seiner Arbeit beeinträchtigt, liegt auf der Hand: "Wenn du dich mit Menschen beschäftigst, wird Corona auf jeden Fall auch Gegenstand deiner Arbeit sein, weil es die Menschen so direkt beeinflusst. Punkt."

Eine Bilderserie zur Pandemie

Fest entschlossen, der Pandemie nicht aus dem Weg zu gehen, sondern ihr die Stirn zu bieten, hat der Künstler ein Stipendium des Freistaats Sachsen genutzt, um unter dem Titel "Indistinct" ("Unbestimmt") eine Bilderserie zum Thema zu gestalten. "Während der Entstehungszeit, also während des ersten Lockdowns, habe ich selber Hemmungen gehabt, näher ran zu gehen und so viele Leute kennenzulernen. Sonst ist das ein essenzieller Teil von mir. Ich begebe mich bewusst in neue Situationen, lerne bewusst Leute kennen. Das ist das, womit ich arbeite; das ist, wie ich meine Ideen entwickle. Ich muss die Leute kennenlernen, um zu wissen, was mich interessiert."

Den persönlichen Interessen nachzugehen, ist dem freischaffenden Künstler offensichtlich nach wie vor möglich, wie eine seiner jüngsten Arbeiten zeigt: Das Porträt eines Parkwächters, den Fabian Heublein unter freiem Himmel und mit dem gebotenen Abstand getroffen hat.

Nichtsdestotrotz sei der wirtschaftliche Faktor seiner Arbeit nie gänzlich zu vernachlässigen. "Wenn ich nicht zwei, drei Mieten auf meinem Konto habe und weiß, die kann ich zahlen, dann habe ich auch keinen klaren Kopf, um vernünftig mich mit Kunst zu beschäftigen und auf neue Ideen zu kommen." Dies gegeben, blickt Fabian Heublein voller Zuversicht in die Zukunft. Die Ideen für Werke, Umsetzung und Präsentation werden ihm jedenfalls so schnell nicht ausgehen.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 20. November 2020 | 07:10 Uhr

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