Opernkritik Puccinis Wildwest-Oper überzeugt in Leipzig

Mit seiner Goldgräberoper "La fanciulla del West" tauchte Giacomo Puccini in ein klar umrissenes Milieu ein, für das er ein spezifisches musikalisches Kolorit kreierte - ein Auftragswerk für die Metropolitan Opera New York - eine "Westernoper" im Breitwandformt. Cusch Jung und Ulf Schirmer haben sie in Leipzig auf die Bühne gebracht. Für dieses Stück lohnt sich auch eine weite Anreise!

von Uwe Friedrich, MDR KULTUR-Opernkritiker

Sehr lange halten Regisseur Cusch Jung und seine Ausstatterin Karin Fritz ihren Vorsatz nicht durch, Giacomo Puccinis Wildwest-Oper "Das Mädchen aus dem Goldenen Westen" bloß nicht in Amerika spielen zu lassen. Nachdem der erste Akt aus unerfindlichen Gründen in der Waschkaue einer Ruhrgebietszeche mit improvisierter Bar spielte, findet sich die Titelheldin im zweiten Akt in einem Blockhaus der Goldrauschzeit wieder, während draußen ein pittoresker Schneesturm wütet (dass der Galgen des letzten Akts in einem Industriegebiet baumelt, ist letztlich bedeutungslos).

Die Zechendekoration des ersten Akts bleibt aber glücklicherweise der einzige Fehlgriff dieses ansonsten rundum überzeugenden Abends. Cusch Jung erzählt die Geschichte von der zupackenden Minnie, dem Mädchen aus dem Goldenen Westen, schnörkellos und direkt. Den Sheriff, der sie verehrt, will sie nicht, stattdessen verliebt sie sich in einen Fremden, der sich als gesuchter Räuber entpuppt und den sie vor dem Lynchmob retten muss.

La fanciulla del West an der Oper Leipzig
Premiere von "La fanciulla del West" war am 29. September. Bildrechte: Tom Schulze

Von Kitsch keine Spur

Was schnell zur kolportagehaften Schnulze werden kann, läuft hier elegant und ohne Peinlichkeit ab, was bei diesem Werk schon eine große Errungenschaft ist. Zum Ereignis wird der Abend aber nicht zuletzt, weil Dirigent Ulf Schirmer Puccinis wohl beste Partitur mit größtem Formbewusstsein und bewundernswerter Stilsicherheit dirigiert. Schon in den ersten Akkorden macht er mit dem Gewandhausorchester klar, dass diese Aufführung ein Breitwandspektakel in Klangfarben-Technicolor ist.

La fanciulla del West an der Oper Leipzig
Die Oper ist bis in die kleinen Rollen sehr gut besetzt. Bildrechte: Tom Schulze

Ob großer emotionaler Ausbruch oder bedrohliches Kontrabassbrummeln in der Pokerszene, sentimentales Heimatlied oder Chortableau, nie sinkt diese Komposition in den Kitsch ab, immer wird die Geschichte durch die Musik erzählt. Mit der kurzfristig eingestiegenen Meagan Miller hat er eine ideale Minnie, die sowohl die fürsorglichen Töne beherrscht als auch den herrischen Befehlston, wenn sie den Lynchmob aufhält. Bariton Simon Neal ist als Sheriff ebenso souverän hin- und hergerissen zwischen Liebe und Rachegelüsten, während Tenor Gaston Rivero den edlen Räuber Dick Johnson mit Schmelz und Strahlkraft singt.

Die kleineren Rollen sind ebenfalls sehr gut besetzt und widerlegen das Vorurteil, "La fanciulla del West" habe keine Arien und kaum schöne Melodien. Ulf Schirmer wollte diese Oper unbedingt an seinem Haus spielen und auch Skeptiker müssen ihm nach der Leipziger Aufführung Recht geben: Es handelt sich zweifellos um Puccinis musikalisch bestes Werk, für das sich auch weite Reisen lohnen.

Angaben zum Stück La fanciulla del West - das Mädchen aus dem Goldenen Westen
von Giacomo Puccini | Oper in drei Aufzügen
Text von Guelfo Civinini und Carlo Zangarini, nach dem Schauspiel "The Girl of the Golden West" (1905) von David Belasco
Musikalische Leitung: Ulf Schirmer
Inszenierung: Cusch Jung
Nächste Aufführungstermine: 3., 6. und 28. Oktober 2018

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 30. September 2018 | 13:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 01. Oktober 2018, 11:57 Uhr

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