Szene aus dem Film Der Herr der Ringe - die Gefährten
Eine Szene aus dem Film "Der Herr der Ringe - die Gefährten". Bildrechte: IMAGO

Literatur Hobbits, Drachen und Vampire: Warum Fantasy so erfolgreich ist

"Nichts ist so phantastisch wie die Realität", sagt Sherlock Holmes an einer Stelle zu seinem Freund Doktor Watson. Aber so fantastisch unsere Welt und ihre Realität auch ist – wir brauchen anscheinend diese wunderbaren kleinen Parallelwelten, die die Literatur bietet. Gerade die Fantasy-Literatur boomt und führt Leser an Plätze wie Hogwarts, das Auenland oder in fiese Szenarien wie die "Hungerspiele". Fantasy macht gut zehn Prozent des Buchmarktes aus, was eine Menge ist. Und spätestens seit Michael Ende und Cornelia Funke hat sie ganz klar die Kinderzimmer übernommen. MDR KULTUR-Literaturredakteurin Katrin Schumacher ist in ihrem zweiten Leben promovierte Literaturwissenschaftlerin und hat sich vor allem mit der phantastischen Literatur auseinandergesetzt. Im Gespräch erklärt sie, woher das Genre stammt und was es mit dem Leser macht.

Szene aus dem Film Der Herr der Ringe - die Gefährten
Eine Szene aus dem Film "Der Herr der Ringe - die Gefährten". Bildrechte: IMAGO

MDR KULTUR: Ist Literatur nicht immer phantastisch, ist sie nicht immer ausgedacht, dem Kopf entsprungen, "Phantasie"? Und trotzdem gibt es diesen dezidierten Begriff: Fantasy. Was bedeutet der eigentlich?

Katrin Schumacher: Gute Frage, weil dieser Begriff erstmal so eindeutig ist, aber beim genaueren Draufschauen eben wahnsinnig vage und vielschichtig. Bleiben wir vielleicht erstmal bei der Phantastik. Es sind seit Jahrzehnten Literaturwissenschaftler damit beschäftigt, die phantastische Literatur zu definieren, und es gibt bis heute keine eindeutige Antwort – ist das jetzt eine literarische Gattung? Oder vielleicht eine ästhetische Kategorie, also: eine Schreibweise? Ist das ein Gattungsgemenge, das sich durch etwas Übergeordnetes auszeichnet?

Der Schriftsteller Ernst Theodor Amadeus (E.T.A.) Hoffmann
E.T.A. Hoffmann war einer der ersten deutschen Autoren klassischer Phantastik Bildrechte: dpa

Da werden regelrechte Gesinnungskämpfe ausgefochten in der Wissenschaft, was denn nun die Phantastik sei – aber man kann sich hier vielleicht der Einfachheit halber auf eine Maximal-Definition einigen, dass die phantastische Literatur eine ist, die alle nicht-mimetischen Literaturgattungen umfasst – also die Literatur, die Realitätsgrenzen überschreitet. Dann ist man vielleicht auch gleich an einem Entstehungspunkt gelandet, denn die phantastische Literatur als erkennbares – ich nennen es jetzt einfach Genre – konnte sich dann herausbilden, als sich auf der anderen Seite der realistische Roman konstituiert hat – also im 18. Jahrhundert, als auch eine systematische Naturwissenschaft mit ihren unbeugsamen Naturgesetzen entstanden ist.

Da konnte die Literatur beginnen, den Skandal der Überschreitung einzusetzen – also lebende Tote, Vampire, erscheinen lassen, da gab es Teufelspakte und Sandmänner, weiße Frauen und unheimliche Mönche – also das ganze Personenrepertoire der klassischen Phantastik kommt da auf den Plan.

Da muss ich sofort an Mary Shelley und Frankenstein denken oder E.T.A. Hoffmanns "Der Sandmann" – das sind so die Autoren, um die es da geht?

Frankenstein
Auch die Filmwelt hat sich früh dem Fantasy-Genre zugewendet. Schon in der Stummfilmzeit kam 1910 James Searle Dawleys "Frankenstein" auf die Leinwand. 1930 brachte James Whale die Geschichte als Tonfilm ins Kino, in der Hauptrolle Boris Karloff (auf dem Filmplakat) als Monster, die Kultfigur des frühen Horrorfilms. Bildrechte: IMAGO

Ja, diese Romane kann man vielleicht sogar Gründungstexte nennen, es beginnt in etwa Mitte des 18. Jahrhunderts in England, da bildet sich der gotische Schauerroman raus, Horace Walpole, Mary Shelley, Ann Radcliffe, und in der deutschen Romantik sind es tatsächlich E.T.A. Hoffmann, oder Friedrich de la Motte Fouqué, selbst Goethe versucht sich an einer Vampirgestalt in seiner Ballade "Die Braut von Korinth".

In Frankreich kommen dann etwas später Guy de Maupassant oder Théophile Gautier dazu. Es gibt so einen schönen Ausspruch des Dessauer Philosophen Moses Mendelssohn Ende des 18. Jahrhunderts, der die Aufklärung betrachtet und das, was auf der anderen Seite passiert, der hat gesagt: "Wo mehr Licht, da ist auch mehr Schatten."

So kann man es ganz gut fassen, finde ich: In dem Moment, wo das Rationale eine enorme Aufwertung erfährt, bricht sich das Irrationale Bahn, in der Literatur, in dem Medium, in dem ganz einfach die Toten wiederkehren können, die Monster zusammengebastelt werden können, oder in dem man einfach mal zum Mittelpunkt der Erde reisen kann.

Dann stelle ich mir die Phantastik als so eine Art Psycho-Hygiene vor? Der Behälter für unsere Irrationalitäten?

Auf jeden Fall ist sie eine Kompensationsstrategie. Wohin sonst mit all dem Wahnsinn der Welt? Das ist jetzt eine steile These, aber ich denke, man kann es ganz gut daran ablesen, wann die Phantastik ihre Höhepunkte erlebt in ihrer Produktion und auch in der Lesergunst: Sie entsteht massiv im Schatten der Aufklärung. Sie hat eine Blütezeit im viktorianischen England und zur Jahrhundertwende, im deutschsprachigen Raum mit Autoren wie Gustav Meyrinck, Alfred Kubin, sogar Franz Kafka, wenn man will.

T-Rex aus "King Kong und die weiße Frau" von 1933
Im Jahr 1933 feierte King Kong sein Leinwanddebüt – und ist bis heute eine Fantasy-Ikone. Bildrechte: Studiocanal

Sie verschwindet in dem Moment, in dem der Erste Weltkrieg ausbricht, in dem also die Welt selbst so unfassbar geworden ist, dass es keine literarischen Irritationen braucht – sie ist nochmal sehr stark in der Zwischenkriegszeit und kommt dann erst wieder mit Abstand nach dem Zweiten Weltkrieg in Mode. Also verkürzt gesagt: Die Phantastik ist immer dann da, wenn die Ratio stark die Lebensrealität bestimmt. Und hier wird es natürlich spannend, wenn man sich den Boom der Fantasy-Literatur heutzutage ansieht.

Weil diese Art von Literatur und Literaturkonsum uns auch erzählt, dass wir in einer rational durchgetakteten Welt leben?

Szene aus dem Film Der Herr der Ringe - die Gefährten
Bildrechte: IMAGO

Woher stammt die phantastische Literatur und wieso lieben wir sie? Was macht sie mit uns beim Lesen? Im Gespräch dazu MDR Literaturredakteurin Katrin Schumacher

MDR KULTUR - Das Radio Mi 05.09.2018 18:05Uhr 07:07 min

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Genau. Das ist die eine Lesart: Die Fantasy als Flucht, als die dunkle Seite, die wir uns eröffnen, als der Schatten, den wir uns ins Licht stellen – aber: Es ist noch ein bisschen komplizierter, oder sagen wir mal: facettenreicher, wenn wir uns die konkreten Texte ansehen und wie sie ästhetisch daherkommen, wie sie geschrieben sind.

Die klassische Phantastik operiert immer mit dem Skandal – das heißt, es passiert an irgendeiner Stelle etwas, das nicht sein kann und darf, also: ein Mensch wird unsterblich, ein Vampir taucht auf, die Zeit geht rückwärts. Das irritiert, das verstört. Lesen Sie mal Geschichten von Saša Stanišić zum Beispiel, in denen so ein mysteriöser Fallensteller auftaucht oder Wiedergänger aus der Dorfgeschichte, oder selbst bei Lutz Seilers "Kruso", da fängt ein toter Fuchs an zu sprechen, oder bei Georg Klein, wenn plötzlich am Rande einer Kleinstadt ein Höhlensystem sich auftut – das sind zum Beispiel phantastische Irritationen, die den Texten einen Abgrund geben.

Uruk 'Hai aus "Der Herr der Ringe"
Ein Uruk-hai in einer Verfilmung von J.R.R. Tolkiens "Der Herr der Ringe" Bildrechte: IMAGO

In der klassischen Fantasy gibt es diese Verstörung nicht, weil von Anfang an eine Parallelwelt geschaffen ist, in der eigene Gesetze gelten. Wie in einem Märchen – bestes Beispiel: "Der Herr der Ringe". Da gibt es Hobbits und Orks, natürlich gibt es da Drachen, die sind in dieser Welt gewissermaßen erlaubt. Nicht erlaubt wäre, wenn da plötzlich ein Banker aus Frankfurt auftaucht. Das wäre im Sinne der Herr-der-Ringe-Welt schon wieder phantastisch. Aber das passiert nicht.

Und da steckt dann ein weiterer Teil der phantastischen Wirkweise: Wir lassen uns beim Fantasy-Lesen zwar auf eine an unserer Welt gemessene irrationale Welt ein – die allerdings hat in sich wiederum ganz strenge Gesetze für das, was geht und was nicht. Und diese Gesetze sind im Zweifel um einiges rationaler und verständlicher als das, was uns im Alltag hier und heute 2018 umgibt. Hier fängt dann der eigentliche Eskapismus an vor einer zu komplexen Wirklichkeit. Und ich vermute ganz stark, dass das einen großen Teil der Faszination ausmacht, die Fantasy-Literatur in uns weckt.

Die Phantastik als Irritation, die Fantasy wiederum als Flucht vor der zu komplexen Wirklichkeit – kann man es so auf den Punkt bringen?

Szene aus der Serie 'Game of Thrones'
Bildrechte: IMAGO

Amandara M. Schulzke ist Autorin und Kritikerin. Sie erklärt, warum Fantasyliteratur von der Literaturkritik in Deutschland häufig noch immer mit spitzen Fingern angefasst wird. Und warum das ein Fehler ist.

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Kann man - wobei das Wesen der Literatur ja auch darin besteht, sich wenig vorschreiben zu lassen beziehungsweise auch nur bedingt in Schubladen stecken zu lassen – es gibt natürlich tausende Mischformen. Aber Linien und Wirkweisen lassen sich schon feststellen, wie vielleicht deutlich geworden ist.

Das scheint mir übrigens auch ein Grund dafür, dass gerade Jugendliche gerne Fantasy lesen und auch selbst gerne Fantasy-Romane schreiben, wenn sie denn anfangen zu schreiben – da kann man sich erstmal überschaubare Welten bauen, in denen einfache Gesetze herrschen – während man die eigene Lebensrealität vielleicht noch nicht so ganz fassen kann. Und da wäre man wieder bei Sherlock Holmes: nichts ist so phantastisch wie die Realität.

Das Gespräch führte MDR KULTUR-Moderatorin Ellen Schweda.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 05. September 2018 | 18:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 05. September 2018, 18:52 Uhr

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