Barock-Festival Fasch-Festtage Zerbst ehren einen unterschätzten Komponisten

Johann Friedrich Fasch (1688–1758) gilt als "ewiger Vierter" unter den mitteldeutschen Komponisten des Barock – nach Bach, Händel und Telemann. Dabei wird sein Einfluss auf die Musikgeschichte oft unterschätzt. Am Donnerstag beginnen in Zerbst, wo Fasch jahrzehntelang Hofkapellmeister war, die Fasch-Festtage. MDR KULTUR-Musikexperte Claus Fischer erklärt, warum sie unbedingt einen Abstecher wert sind.

Kirche St. Trinitatis
Kirche St. Trinitatis in Zerbst - einer der Spielorte der Fasch-Festtage 2019 Bildrechte: imago/Köhn

Das Bemühen um die Wiederentdeckung des Komponisten Johann Friedrich Fasch begann schon in den 80er-Jahren in der DDR. Es gab in Zerbst einen "Arbeitskreis Johann Friedrich Fasch" im Kulturbund der DDR. Der war wiederum eine positive Folge der Telemann-Renaissance, die schon etliche Jahre vorher in Magdeburg eingesetzt hatte. Also die "Heroengeschichtsschreibung" in der Musik, die um 1900 von Wissenschaftlern wie Hugo Riemann gepflegt wurde, nach dem Motto: "Es gab im Barock die beiden Heroen Bach und Händel und dann noch etliche Kleinmeister", die hatte man schon in der DDR versucht zu überwinden – weil für die Kulturverantwortlichen ein nationales Erbe wichtig war, mit dem man sich präsentieren konnte.

Bei Fasch fing das allerdings noch recht bescheiden an, einfach weil sehr viele seiner Werke damals noch in den Archiven schlummerten, also noch nicht wiederentdeckt waren. Das kam erst in den 90er-Jahren in Fahrt. Zwar war auch von Bach und Händel zu DDR-Zeiten noch nicht alles bekannt. Bei Bach hat man erst vor 14 Jahren noch ein vergessenes Stück entdeckt, in der Weimarer Anna-Amalia-Bibliothek, die Arie "Alles mit Gott". Und von Telemann hat man vor vier Jahren erst zwölf Sonaten für Viola da Gamba solo gefunden, die als verschollen gegolten hatten.

Aber es ist schon so, dass das Oeuvre von Fasch im Vergleich mit den anderen noch am wenigsten erforscht ist. Die Bachforschung hat ja schon im 19. Jahrhundert mit Felix Mendelssohn Bartholdy begonnen, die Händel- und Telemannforschung immerhin in den 1920er-Jahren. Der Zerbster Hofkapellmeister Johann Friedrich Fasch ist erst in den 70er-Jahren wieder ins Blickfeld gerückt. Inzwischen kennt man das Werk ziemlich komplett, aber es ist längst noch nicht alles wieder aufgeführt.

Fasch-Festtage führen immer wieder Unbekanntes auf

Das liegt an den öffentlichen Strukturen: Es gibt schlicht zu wenig bezahlte Musikwissenschaftler, die das alles durchsehen, aufarbeiten und herausgeben können. So kommen auch im Rahmen der Fasch-Festtage immer wieder Preziosen zum Vorschein - und das macht dieses Festival besonders spannend.

So sind im diesjährigen Eröffnungskonzert mit dem Ensemble Fürsten-Musik unter Leitung der genialen Geigerin Anne Schumann einige Werke zu hören, die noch nicht auf CD greifbar sind, nämlich Ouvertüre und Sinfonien von Johann Friedrich Fasch. Das Ensemble spielt aus Faschs originalen Handschriften, so kommt man ihm am Nächsten. Anne Schumann wird zudem im Rahmen des Konzerts mit dem Fasch-Preis der Stadt Zerbst geehrt.

Kultur

Die Barockgeigerin Anne Schumann (Frau mit kürzeren, weißen Haaren, Brille und Geige) vor einem Wandgemälde (Hofnarr mit Geige) 20 min
Bildrechte: Privat

Die mitteldeutsche Barockgeigerin Anne Schumann erhält den Fasch-Preis der Stadt Zerbst, der heute im Rahmen der Fasch-Festtage feierlich verliehen wird. Wir haben die Preisträgerin vorab getroffen.

MDR KLASSIK Do 11.04.2019 08:10Uhr 19:47 min

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Ohne Fasch keine Haydn-Sinfonien

Fasch war einer der Pioniere auf dem Gebiet der Sinfonien. Ohne diese frühen Werke der Gattung hätten sich die Sinfonien der Wiener Klassik von Haydn und Mozart nicht entwickeln können. Die Rolle Faschs in diesem Zusammenhang zu erforschen ist absolut lohnend. Faschs Ouvertüren, oder besser Ouvertüren-Suiten, sind besser erforscht. Da besticht vor allem, wie farbig der Komponist mit den Holzblasinstrumenten umgeht, da hat er Maßstäbe gesetzt.

Die Werke, die im Eröffnungskonzert zu hören sind, kommen übrigens aus dem sagenumwobenen "Schrank 2" aus Dresden, einem Mythos unter Musikwissenschaftlern. Dieser Schrank stand rund 100 Jahre lang unbeachtet in der Hofkirche. Darin war ein Großteil der Musikalien der Hofkapelle untergebracht. Da war eben auch viel Fasch dabei, der hat von Zerbst aus zahlreiche Werke nach Dresden geschickt. Und die sind, weil der Schrank über 100 Jahre nicht geöffnet war, dann im 19. Jahrhundert wiederentdeckt worden.

Höhepunkte der Fasch-Festtage 2019

Ein weiterer Höhepunkt im Programm der Fasch-Festtage 2019 ist etwa der Auftritt des Ensembles Il Gardellino am Freitagabend unter Leitung des israelischen Cembalisten Shalev Ad-El in der Trinitatiskirche Zerbst. Shalev Ad-El hat in den 2000er-Jahren mit MDR KULTUR zahlreiche Aufnahmen gemacht, darunter auch vergessene Werke von Fasch. In diesem Konzert wird Fasch in Beziehung gesetzt mit seinen Zeitgenossen und Nachgeborenen Kollegen Telemann, Hasse, Carl Heinrich Graun und Georg Anton Benda. Passend zum Thema der Fasch-Festtage: Die Zerbster Hofmusik im Kontext ihrer Zeit.

Am Sonnabend um 16 Uhr kommt die herausragende Gambistin Hille Perl in den Ratssaal der Stadt Zerbst, "Hille Perl And Friends" heißt das Konzert. Der Abschluss am Sonntag wird grenzüberschreitend: "Fasch Meets Jazz". Da sind der Universitätschor Halle beteiligt, der seit über 25 Jahren so etwas wie das Stammensemble des Festivals ist. Dazu kommen die Jazzsängerin Cristin Claas und das Ensemble L'Arc Six. Da mischt sich originaler geistlicher Fasch, also sakrale Chormusik, mit Improvisation. Das Ganze steht dann unter Leitung des halleschen Universitätsmusikdirektors Jens Lorenz.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 11. April 2019 | 08:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 11. April 2019, 12:49 Uhr

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