Bernd Eisenfeld bei einer Veranstaltung der Stiftung Aufarbeitung der SED-Diktatur und der Robert-Havemann-Gesellschaft: "In Prag Ist Pariser Kommune" - Protestaktionen in der DDR gegen die Niederschlagung des Prager Frühlings"; 09.07.2008 in der Landesvertretung von Sachsen-Anhalt
Bernd Eisenfeld bei einer Veranstaltung der Stiftung Aufarbeitung der SED-Diktatur und der Robert-Havemann-Gesellschaft: "In Prag Ist Pariser Kommune", 2008 Bildrechte: Robert-Havemann-Gesellschaft/Frank Ebert

Porträt Prager Frühling in Halle/Saale: Der einsame Widerstand des Bernd Eisenfeld

Das jähe Ende des Prager Frühlings vor 50 Jahren zerstörte auch in der DDR viele Hoffnungen. Während die Masse der Bevölkerung schwieg, kam es zu spontanen Protestaktionen vor allem junger Leute. Der Hallenser Bernd Eisenfeld verteilte Flugblätter mit einem Lenin-Zitat. Und bekam die Härte des Staates zu spüren, der allen Widerstand im Keim ersticken wollte.

Bernd Eisenfeld bei einer Veranstaltung der Stiftung Aufarbeitung der SED-Diktatur und der Robert-Havemann-Gesellschaft: "In Prag Ist Pariser Kommune" - Protestaktionen in der DDR gegen die Niederschlagung des Prager Frühlings"; 09.07.2008 in der Landesvertretung von Sachsen-Anhalt
Bernd Eisenfeld bei einer Veranstaltung der Stiftung Aufarbeitung der SED-Diktatur und der Robert-Havemann-Gesellschaft: "In Prag Ist Pariser Kommune", 2008 Bildrechte: Robert-Havemann-Gesellschaft/Frank Ebert

Der 21. August 1968 war ein heißer Hochsommertag. In der DDR-Bezirksstadt Halle/Saale fand das alljährliche Pressefest statt. Karl-Heinz Carpentier, damals freier Regisseur für den DDR-Fernsehfunk, sollte einen Dokumentarfilm über die Stadt drehen mit dem Titel "An diesem Tag". Er machte Aufnahmen an der Freilichtbühne auf der Peißnitzinsel, die Stimmung war ausgelassen. An die dramatischen Ereignisse im Nachbarland, in das in der Nacht Truppen des Warschauer Pakts einmarschiert waren, dachten hier scheinbar die wenigsten.

Protest mit Lenin-Zitat

Für den Hallenser Bernd Eisenfeld, damals 27 Jahre, war die Niederschlagung des "Prager Frühlings" ein Schock. Unmittelbar nach der Invasion schickte er ein Telegramm an die Botschaft der ČSSR:

Ich bange mit Ihnen und Ihren gutgesinnten Landsleuten. Halten Sie Stand, behalten Sie Hoffnung.

Bernd Eisenfeld Telegramm an die Botschaft der ČSSR, 23. August 1968

Der studierte Finanzökonom hatte die Entwicklungen in der Tschechoslowakei von Anfang an mit großem Interesse verfolgt. Er informierte sich über den deutschsprachigen Sender Radio Prag und war im Mai 1968 mit zwei Geschwistern für drei Tage in die Stadt an der Moldau gefahren. Die offenen Atmosphäre beeindruckte ihn und gab ihm Hoffnung für Veränderungen im eigenen Land.

Dieser Reformprozeß war nun mit Gewalt unterdrückt wurden. Doch für Bernd Eisenfeld schien die Sache noch nicht endgültig verloren. Als Zeichen seines Protests und um die schweigende Bevölkerung aufzurütteln, verteilte der junge Mann im Zentrum von Halle selbstgedruckte Flugblätter mit einem Lenin-Zitat.

Wenn irgendeiner Nation mit Gewalt, (…) das Recht vorenthalten wird, (…) in freier Abstimmung über die Formen ihrer staatlichen Existenz ohne den mindesten Zwang selbst zu entscheiden, so ist eine solche Angliederung eine Annexion, d.h. eine Eroberung und Vergewaltigung.

Lenin Dekret über den Frieden
"Denkt bitte nach!" Am 20. Und 21. September 1968 verteilt Bernd Eisenfeld in Halle etwa 150 selbst gefertigte Flugblätter, mit denen er gegen den Einmarsch der Truppen des Warschauer Paktes in die CSSR protestiert. Während dieser Aktion wird er verhaftet.
Flugblatt von Bernd Eisenfeld Bildrechte: Robert-Havemann-Gesellschaft

Bernd Eisenfeld glaubte, dass seine Aktion nicht zu strafrechtlicher Verfolgung führen könne. Doch er irrte sich gewaltig. Bei einer zweiten Verteilungsaktion am 21. September 1968 wurde er verhaftet und später ins Untersuchgefängnis des MfS überführt. In einer ersten nächtlichen Vernehmung wurde er mit schwerwiegenden Vorwürfen konfrontiert.

Da ging es mir schon ein bisschen kalt über’n Rücken runter. Also der hat mich angeschrien, brutal: 'Mehrfacher Verbrecher!' und was weiß ich, und es sei ja nicht nur Staatsverbrechen gewesen, sondern mehrfaches Staatsverbrechen, ob ich mir darüber im Klaren gewesen sei, so schrie er mich an.

Bernd Eisenfeld Feature "Ein Mann allein"

Im Visier der Staatssicherheit

Das Ministerium für Staatssicherheit hatte Bernd Eisenfeld schon lange im Blick. 1966 hatte er den Dienst in der Nationalen Volksarmee verweigert und war Bausoldat geworden. Nach seiner Dienstzeit wurde er von der Staatsbank der DDR aus politischen Gründen entlassen und mit einem Berufsverbot für den gesamten Staatsapparat belegt. Er organisierte fortan Bausoldatentreffen unter dem Dach der Kirche und fand im Januar 1968 eine neue Arbeitsstelle.

Bernd Eisenfeld vor der Inhaftierung, 1968
Bernd Eisenfeld vor der Inhaftierung, 1968 Bildrechte: Robert-Havemann-Gesellschaft

Im März 1968 nahm Bernd Eisenfeld an einer Veranstaltung teil, bei der er sich offen für mehr Demokratie und Informationsfreiheit ausprach und auf die Entwicklung in der Tschechoslowakei verwies. Unmittelbar danach wurde beim Ministerium für Staatssicherheit ein operativer Vorgang gegen ihn eingeleitet. Seine öffentlichen Äußerungen - darunter auch zahlreiche Leserbriefe an die DDR-Presse, in denen er den Prager Kurs verteidigte - wurden nun gegen ihn verwendet.

Prozess gegen den Staatsfeind

Erst drei Monate nach seiner Verhaftung wurde Bernd Eisenfeld der erste Kontakt zu einem Anwalt gewährt. Im Februar 1969, nach knapp fünf Monaten Untersuchungshaft, fand unter Ausschluss der Öffentlichkeit der Prozess statt. Nur während der Urteilsverkündung durften seine Lebensgefährtin und sein Bruder kurz anwesend sein. Bernd Eisenfeld wurde wegen mehrfach begangener staatsfeindlicher Hetze zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren und sechs Monaten verurteilt.

Eisenfeld musste die volle Haftzeit absitzen, erst im "Roten Ochsen" in Halle, später in Cottbus und zuletzt im in Bautzen. 1975 wurde seiner Familie die Ausreise in die Bundesrepublik gewährt. Ab 1992 arbeitete er bei der Stasi-Unterlagenbehörde in Berlin. Bernd Eisenfeld starb am 12. Juni 2010.

Angaben zur Sendung MDR KULTUR - Feature
"Ein Mann allein"
Der August 1968 in Halle/Saale
Von Tobias Barth

Sprecher: Viola Sauer, Olaf Baden, Max Urlacher
Regie: Rainer Schwarz
Produktion: MDR 1998

Sendung: 18.08.2018 | 09:05-09:35 Uhr

Das Feature steht nach der Ausstrahlung hier ein Jahr lang zum Hören und Herunterladen bereit.

Prager Frühling

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Feature: "Ein Mann allein - Der August 1968 in Halle/Saale" | 18. August 2018 | 09:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 28. Juli 2018, 04:00 Uhr