Gesellschaft Tradition und Integration: Barbiere in Halle

Auf der Leipziger Straße in Halle liegt ein Barbierladen neben dem anderen. Viele Besitzer sind mit der Flüchtlingswelle nach Deutschland gekommen. Jetzt pflegen sie ein Stück arabische Kultur auf Halles größter Einkaufsstraße. Doch sind sie damit in Deutschland angekommen? Featureautorin Judith Burger hat sich auf dem "Boulevard der Barbiere" umgeschaut.

Barbierladen auf der Leipziger Straße in Halle
Leipziger Straße in Halle Bildrechte: MDR/Stefan Kanis

Die Leipziger Straße, genannt "Boulevard", ist Halles älteste und beliebteste Einkaufsstraße. Sie führt vom Marktplatz im Zentrum der Stadt zum Hauptbahnhof. Im unteren Abschnitt findet man Geschäfte gängiger Marken, viele Menschen bummeln hier täglich entlang. Der obere Teil bietet ein anderes Bild. In kleinen Läden werden Billigwaren verkauft, dazwischen Leerstand. Es soll hier Probleme mit Drogenhandel geben.

Seit einiger Zeit eröffnen auf der Leipziger Straße immer wieder neue Barbiershops. Die Kunden schätzen das gute Handwerk und die niedrigen Preise. In dem großen Herrensalon bei Saladin floriert das Geschäft schon seit Jahren. Die Schneideplätze sind meist alle belegt und immer summt irgendwo ein Rasierapparat. An den Seiten drei Millimeter, oben etwas kürzen – das ist hier ein Standartwunsch der jungen Hallenser. Kunstvoll ausrasierte Stellen, wie man sie auf den Bildern im Schaufenster sieht, sind weniger gefragt. Mütter warten, während ihre Söhne eine Frisur bekommen.

In den kleineren Shops der Straße sieht man nur Männer, meist arabische, die sich ihr Haar stutzen lassen. Frauen kommen hier gar nicht rein. Der Barbier ist eine reine Männerdomäne.

Schönheitspflege als Teil der Kultur

Sauber und ordentlich zu sein, das sei für Menschen im Orient extrem wichtig, weiß die Ägyptologin Susann Kleinfeld. Im Islam ist Körperpflege Bestandteil der Religion. Männer achten auf guten Duft, gute Schuhe und eine ordentliche Frisur. Dass sie sich, anders als deutsche Männer, nicht selber rasieren, hat nach Meinung von Susann Kleinfeld viel mit alten Kulturen und Tradition zu tun. Wenn man etwas von einer anderen Person machen lassen kann, dann tut man das auch. Das zeigt sich sogar in der Sprache.

Im Altägyptischen ist das Wort für Selbstmachen und Veranlassen das gleiche. Und es scheint tatsächlich kulturell verankert zu sein im gesamten Orient. Also 'ich hab das gemacht' ist genauso viel wie 'etwas veranlassen'.

Susann Kleinfeld, Ägyptologin

Barbiere in Deutschland

Auch in Nimars Barbiershop sitzen nur Männer. Der Kurde ist vor zweieinhalb Jahren aus Syrien nach Deutschland gekommen. Deutsch zu sprechen, fällt ihm immer noch schwer, trotzdem hat er es geschafft, einen eigenen Laden aufzumachen. In Damaskus hat er als Friseur und Grundschullehrer gearbeitet. Hozan, ein paar Hausnummern weiter, hat seinen Laden vor ungefähr drei Jahren eröffnet, auch er ist vor dem Krieg aus Syrien geflüchtet.

Barbiere kümmern sich vornehmlich um das Gesicht der männlichen Kunden: Rasieren oder den Bart pflegen, Haarentfernung mit Faden oder Wachs. Die traditionelle Techniken haben sie aus ihren Heimatländern mitgebracht. Doch seit es das große Flüchtlingsheim im ehemaligen Maritimhotel nicht mehr gibt, haben einige Barbiere in Halle zu wenig Kundschaft. Deshalb weiten sie ihre Dienstleistungen aus und konzentrieren sich nicht mehr nur auf den Bart. Doch das ist in Deutschland gar nicht erlaubt.

"Die Kotelette bildet die Grenze zwischen Barbier und Friseur", erklärt Dirk Neumann, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Halle. Doch viele der neuen Barbiere bearbeiten mit ihren Schneidemaschinen auch das Kopfhaar. Dafür muss man in Deutschland eine dreijährige Friseurausbildung vorweisen. Einen Salon darf in der Regel nur ein Friseur mit einem Meisterbrief eröffnen. Doch ein reines Barbiergeschäft, wie im arabischen Raum, ist hier in Halle wirtschaftlich nicht tragbar.

So kommen bei den Shop-Betreibern immer wieder neue Zukunftsängste hoch. Hier anzukommen, ist nicht leicht. Viele haben immer noch Freunde und Familie im Kriegsgebiet. In Deutschland kämpfen sie mit bürokratischen Hürden, die kaum jemand versteht. Und jeden Montag wird vor ihren Läden unter der Bezeichnung "Halle Protestkultur" Stimmung gegen Flüchtlinge gemacht.

Eine eigene Existenz

Trotzdem liegen in diesen kleinen Shops viele Hoffnungen. Im Fall von Borans Haarstudio steckt sogar eine Emanzipationsgeschichte im Friseurgeschäft. Borans ist ein frauengeführtes Unternehmen. Nermin und ihre Schwester haben sich damit einen Traum erfüllt. Als Kinder kamen sie mit ihrer Familie aus der Türkei und standen lange unter der Fuchtel des Vaters. Sie durften keine Röcke tragen, mussten früh zu Hause sein. Doch irgendwann haben sich die Frauen in der Familie durchgesetzt.

Wenn man eine Mama hat, dann ist die wie so ein Schutzschild, die hinter einem steht. Mein Vater hätte das nie erlaubt mit dem Friseurladen. Meine Mutter hat gesagt: Macht! Ich steh hinter euch, ich liebe euch, ich helfe euch. Ich passe auf eure Kinder auf.

Nermin, "Borans Haarstudio"

Nermin kennt viele Frauen in Halle, die gern Friseurin werden würden. Doch nach der Schule ist es vorbei. Sie sollen heiraten und dürfen oft keine Ausbildung machen. Unter arabischen Männern sei es wie ein Wettbewerb, wer strenger ist. Doch Nermin hat es geschafft und kann so ein Vorbild für andere sein.

Auch die Handwerkskammer zeigt Verständnis für die Situation der Flüchtlinge, die sich mit einem Barbiershop eine eigene Existenz aufbauen wollen. Man bemüht sich um die Legalisierung von Betrieben, die auch Friseurleistungen anbieten. Einige haben eine Meisterausbildung begonnen. Zur Freude der Hallenser, die dort schon Stammkunden sind.

Über die Autorin

Judith Burger wurde in Halberstadt geboren und studierte Kultur- und Theaterwissenschaften in Leipzig. Sie ist freie Mitarbeiterin bei MDR KULTUR. Beim MDR entstanden die Radio-Feature "Industrieruinen: Faszination und Wehmut" (2014)", "Adolf-Südknecht-Straße - Leipzigs Geschichte im Wandel einer Straße" (2015), "Schicksal Ü40?" (2016) und "Das Flüchtlingsheim bei mir um die Ecke" (2017). 2014 lief im Bayrischen Rundfunk ihr Kinderhörspiel "Weltverbesserer".

Für das Feature "Industrieruinen: Faszination und Wehmut" wurde Judith Burger 2015 mit dem Journalistenpreis des Deutschen Preises für Denkmalschutz ausgezeichnet. 2018 erschien ihr erstes Kinderbuch im Gerstenberg Verlag: "Gertrude Grenzenlos" schaffte es auf die Liste "Die besten 7 Bücher für junge Leser", die Bestenliste von Deutschlandfunk. Der Kinderroman ist aktuell für den Zürcher Kinderbuchpreis nominiert.

Angaben zur Sendung MDR KULTUR - Feature
"Boulevard der Barbiere"
Von Judith Burger

Sprecherin: Anna Keil
Regie: Stefan Kanis
Produktion: MDR 2018 (Ursendung)

Sendung: 08.09.2018 | 09:05-09:35 Uhr

Das Feature steht nach der Ausstrahlung hier ein Jahr lang zum Hören und Herunterladen bereit.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Feature: "Boulevard der Barbiere" | 08. September 2018 | 09:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 08. September 2018, 04:00 Uhr