Geschichte Wie Westjournalisten undercover fürs DDR-Fernsehen arbeiteten

Sie nannten sich Nordreporter und hatten ihren Sitz in Stockholm. Die schwedische Firma war allerdings nur eine Tarnorganisation. Seit den 60er-Jahren arbeitete eine kleine Gruppe westeuropäischer Reporter und Kameraleute für das Fernsehen der DDR. Undercover filmten sie im kapitalistischen Ausland. Ein Feature von Naomi Conrad und Michael Hartlep.

John Green bei Dreharbeiten in Panama 1982
Der britische Kameramann John Green bei Dreharbeiten in Panama 1982 Bildrechte: MDR/Hartlep_John Green

Berlin 1964. Drei Jahre nach dem Bau der Mauer kommt ein junger, überzeugter Kommunist in die DDR. Der Engländer John Green, aufgewachsen in einem kommunistischen Elternhaus, will die Welt sehen und der Nachkriegsenge seiner Heimatstadt Coventry entfliehen. Er studiert an der Filmhochschule Potsdam, zusammen mit anderen jungen Menschen aus der ganzen Welt, die wie er an den realen Sozialismus glauben.

Die DDR hat damals die Hoffnung verkörpert, für mich und andere Gleichgesinnte, die Hoffnung auf Gerechtigkeit und Frieden.

John Green, Kameramann
John Green beim Dreh in Portugal 1974 45 min
Bildrechte: MDR/Hartlep_John Green

MDR KULTUR - Das Radio Mi 30.10.2019 22:00Uhr 45:29 min

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Audio

Die Nordreporter filmen, was andere nicht liefern können

Nach dem Studium stößt Green zu einer kleinen Gruppe westeuropäischer Reporter und Kameraleute, die fürs DDR-Fernsehen arbeiten. Als Tarnung nutzen sie die schwedische Produktionsfirma "Nordreporter" mit Sitz in Stockholm. Die meisten von ihnen sind Anhänger kommunistischer Ideen.

Die Nordreporter filmen das, was die offiziell akkreditierten DDR-Korrespondenten nicht liefern können: Berichte über Berufsverbote für Kommunisten, Drogensucht und Aufrüstung in der Bundesrepublik, aber auch Auslandsreportagen.

John Green reist mit seiner Kamera um die Welt, vor allem in jene Länder, in die DDR-Journalisten offiziell nicht einreisen dürfen. Mal gibt er sich als Tourist aus, mal als interessierter Zoologe. Er macht heimlich Aufnahmen in Südafrika während der Apartheid-Zeit, berichtet aus Angola über die SWAPO, die namibische Freiheitsbewegung, und ist Zeuge der portugiesischen Revolution von 1974, für ihn einer der aufregendsten Momente:

Wir wussten nicht, wohin wir die Kamera richten sollten. Das war so spannend, man hat gemerkt, wie toll es ist nach über 40 Jahren Faschismus, wenn die Menschen plötzlich diese Freiheit erleben.

John Green, Kameramann

Dokumentation Reportagen aus der kapitalistischen Welt

Seit Ende der 60er-Jahre arbeitete der Brite John Green fürs Fernsehen der DDR. Mit der Kamera reiste er um die ganze Welt.

John Green bei Dreharbeiten in Portugal 1974
Bei Dreharbeiten in Portugal: Im Frühjahr 1974 stürzten oppositionelle Mitglieder des Militärs das autoritäre Regime. Bereits zwei Tage nach dem Putsch war John Green vor Ort. Bildrechte: MDR/Hartlep_John Green
John Green bei Dreharbeiten in Portugal 1974
Bei Dreharbeiten in Portugal: Im Frühjahr 1974 stürzten oppositionelle Mitglieder des Militärs das autoritäre Regime. Bereits zwei Tage nach dem Putsch war John Green vor Ort. Bildrechte: MDR/Hartlep_John Green
Dr. Sabine Katins (links) bei Dreharbeiten in Portugal, 1974
Mit Dr. Sabine Katins 1974 in Portugal. Die junge DDR-Journalistin war Redaktionsleiterin der "Arbeitsgruppe Katins" beim DDR-Fernsehen. Unter ihrer Regie enstanden zahlreiche Reportagen über die "Schattenseiten des Kapitalismus". Bildrechte: MDR/Hartlep_John Green
John Green mit Aaaron Muschimba in Namibia 1976
John Green mit SWAPO-Aktivist Aaaron Mushimba in Namibia, 1976 Bildrechte: MDR/Hartlep_John Green
John Green mit einem Kommandanten der ZAPU in Simbabwe 1987
John Green mit einem Kommandanten der ZAPU in Simbabwe, 1987 Bildrechte: MDR/Hartlep_John Green
Standbild aus Dokumentation der Sendereihe "Alltag im Westen"
In den Reportagen der "Gruppe Dr. Katins" wurde über Arbeitslosigkeit, Drogensucht und Berufsverbote in der Bundesrepublik berichtet. Hier das Standbild eines Film der Sendereihe "Alltag im Westen". Bildrechte: MDR/Hartlep_John Green
Alle (5) Bilder anzeigen

Unbürokratische Zusammenarbeit mit der "Gruppe Dr. Katins"

Geschnitten wird das Material der Nordreporter in Berlin Adlershof. Dort hat das DDR-Fernsehen seinen Sitz. Sie beliefern vor allem eine Redaktion: die "Gruppe Dr. Katins". Geleitet von der jungen Journalistin Sabine Katins entstehen hier ab Mitte der 60er-Jahre Reportagen, die den DDR-Bürgern die Schattenseiten des Kapitalismus vor Augen führen sollen. 1977 geht mit "Alltag im Westen" eine eigene Sendereihe an den Start. Die Nordreporter arbeiten ohne Bürokratie und Genehmigungen, die Fernsehleitung mischt sich kaum ein. In einem Interview aus dem Jahr 2010 erinnert sich Dr. Katins:

Wir wussten voneinander, dass wir uns verstehen. Deshalb konnte vieles auf Zuruf gemacht werden, ohne den ganzen Papierweg, der eigentlich üblich war.

Dr. Sabine Katins, Redaktionsleiterin

Dass die Gruppe sich so viele Freiheiten herausnehmen kann, liegt auch an dem Mann, der im Zentrum der Ost-West-Zusammenarbeit steht: Kameramann Franz Dötterl, ein kleiner beleibter Bayer, ein überzeugter Kommunist. Seine Verbindungen reichen bis in die höchsten Ebenen des DDR-Politbüros.

Die Sendreihe "Alltag im Westen" ist beim Publikum beliebt, auch weil sie weniger propagandistisch und belehrend ist als "Der schwarze Kanal". Redaktionsleiterin Katin will, dass sie Zuschauer selber denken und eigene Schlüsse ziehen. Für ihre anspruchsvollen Dokumentationen wird die Gruppe mit Preisen geehrt.

Doch 1978 kommt es zum Eklat. Auslöser ist der Film "Wenn es vor dem Frühstück klingelt" über Repressionen in der Bundesrepublik zur Zeit der Roten Armee Fraktion. Da die Fernsehleitung befürchtet, dass beim Zuschauer Assoziationen zu ähnlichen Vorgängen in der DDR entstehen könnten, wird der Film abgesetzt.

Propaganda statt Journalismus

Wütend schreibt Dötterl einen Brief an SED-Generalsekretär Erich Honecker und kritisiert darin die Fernsehleitung um Heinz Adameck. Katins und weitere Mitarbeiter der Gruppe unterschreiben. Es entbrennt ein Machtkampf, der die höchsten Kreise des Staates involviert und schließlich vor Gericht ausgetragen wird. Adameck behält die Oberhand. Redaktionsleiterin Katins und Kameramann Dötterl geraten ins Visier der Staatssicherheit und beenden schließlich ihre Arbeit fürs DDR-Fernsehen. Die Sendung wird zwar weitergeführt, doch die Zeit der großen Erfolge ist vorbei.

Kameramann John Green
Kameramann John Green Bildrechte: MDR/Hartlep_John Green

John Green und die Kameraleute arbeiten nun für eine neue Firma namens Baltic Films. Aus Adlershof bekommen sie genaue Vorgaben. Journalismus wird jetzt endgültig zur Propaganda. Wie so viele verliert auch Green den Glauben an die DDR, das Land, dass ihm als jungem Mann so viel Hoffnung gab. Heute schmunzelt er über den jungen Revoluzzer von damals, seine Arbeit für das DDR-Fernsehen bereut er nicht:

Ich habe die Schwächen, die negative Seiten des Kapitalismus klar gesehen und ich war glücklich, darüber zu berichten. […] Ich hätte mir natürlich gewünscht, dass viele Sachen anders gewesen wären, dass wir mehr Freiheiten gehabt hätten.

John Green, Kameramann

Angaben zur Sendung MDR KULTUR - Feature
"Ein DDR-Fernsehteam unter falscher Flagge"
Feature von Naomi Conrad und Michael Hartlep

Sprecher: Winfried Glatzeder, Joachim Schönfeld
Regie: Andreas Meinetsberger
Redaktion: Kathrin Aehnlich
Produktion: MDR 2019 - Ursendung

Sendung: 30.10.2019 | 22:00-23:00 Uhr

Die Sendung steht nach der Ausstrahlung hier ein Jahr lang zum Hören und Herunterladen bereit.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Feature: "Ein DDR-Fernsehteam unter falscher Flagge" | 30. Oktober 2019 | 22:00 Uhr

Abonnieren