Der deutsche Schauspieler Horst Tappert als Kommissar Stephan Derrick in einer Filmszene mit seiner Pistole im Anschlag.
Als Oberinspektor "Derrick" wurde Horst Tappert zur TV-Legende Bildrechte: dpa

Zeitgeschichte Die Serie "Derrick" und die BRD: Die heile Welt des Verbrechens

24 Jahre lang ging der Ermittler Derrick in der gleichnamigen Fernsehserie auf Verbrecherjagd. Die Krimi-Reihe ist die bis heute meistexportierte deutsche Serie, sie wurde in über hundert Länder verkauft und machte Schauspieler Horst Tappert zum Star. Heute wirkt die Serie verstaubt, verrät aber einiges über die Zeit ihrer Entstehung und ihre Macher. Feature-Autor Rafael Jové wirft einen Blick auf die heiteren und düsteren Seiten der "Derrick"-Welt.

Der deutsche Schauspieler Horst Tappert als Kommissar Stephan Derrick in einer Filmszene mit seiner Pistole im Anschlag.
Als Oberinspektor "Derrick" wurde Horst Tappert zur TV-Legende Bildrechte: dpa

Freitagabend war Krimizeit, damals in den 70er- und 80er-Jahren in der alten Bundesrepublik. Serien wie der "Der Alte", "Aktenzeichen XY" und "Derrick" flimmerten über die heimischen Bildschirme und sorgten für wohliges Schaudern.

Für Feature-Autor Rafael Jové war das nichts. Wenn "Derrick" anfing, verließ er das elterliche Wohnzimmer. Als Kind hatte er Angst vor Blut und Leichen, als Jugendlicher eine Abneigung gegen den "ganzen biederen, deutschen Fernsehschrott". Aus später Neugier hat er sich die Serie dann doch angeschaut. Nach 20 bis 30 Jahren hat sie sich in ein faszinierendes Zeitdokument verwandelt.

Derrick hat Patina angenommen. Die Autotelefone, die bunkerartigen Villen, Harrys knöchellanger Steppmantel – man freut sich plötzlich, das alles wiederzusehen. Man trifft auf das ästhetische Inventar einer nicht mehr existenten Bundesrepublik, konserviert in Fernsehbildern.

Rafael Jové "Die heile Welt des Verbrechens"

Oberinspektor Stephan Derrick – gespielt von Horst Tappert – tauchte zum ersten Mal 1974 auf dem Bildschirm auf. Groß, aufrecht, nicht sonderlich schön. Die ausgeprägten Tränensäcke, der helle Trenchcoat und die Pilotenbrille wurden zu seinen Markenzeichen. Ein höflicher Beamter im Maßanzug, der ruhig, aber beharrlich seine Fragen stellt. Rafael Jové sieht maskenhaft agierende Schauspieler in Szenenbildern wie aus dem Möbelhaus.

Das alles wirkt heute so artifiziell-überdreht, dass es schwer ist zu entscheiden, ob es sich um ganz große Kunst handelt oder doch nur um unfreiwillige Komik.

Rafael Jové "Die heile Welt des Verbrechens"

Die Ermittlertätigkeit bestimmt Derricks ganze Existenz. Er ist immer im Dienst, ein Privatleben hat er nicht. Sein einziger Freund ist sein Assistent und Sidekick Harry Klein, gespielt von Fritz Wepper. Ab und zu gehen die Männer nach der Arbeit auf einen Cognac in Derricks Wohnung und reden dann doch über nichts anderes, als den ungelösten Fall.

Den Verbrecher zu finden, ist Derricks Aufgabe. Dabei geht es nur vordergründig um das Durchsetzen von Recht und Gesetz. In der "Derrick"-Welt geht es um mehr: den Sieg des Guten über das Böse, die Wiederherstellung des Gleichgewichts in der Welt. Der Filmwissenschaftler Simon Frisch beschreibt den Kriminalbeamten sogar als eine Art "Ritterfigur, einen Ritter mit Rolex". 

Tragödien im gehobenen Milieu

Armin Müller-Stahl als Alexander Kolberg, Ursula Lingen als Dora Kolberg und Horst Tappert als Oberinspektor Derrick
Szene aus Derrick-Folge 122 mit Armin Müller-Stahl, Ursula Lingen und Horst Tappert, 1984 Bildrechte: IMAGO

Ausgedacht hat sich das alles der Drehbuchautor Herbert Reinecker (1914-2007). Mit seinen Ansichten und Erfahrungen prägt er über Jahrzehnte die "Derrick"-Welt. Vor allem den späten Folgen ist anzumerken, dass der zurückgezogen in seinem Haus am Starnberger See lebende Autor die beschriebenen Lebenswelten nur aus Zeitung und Fernsehen kennt. Inszenierte Fernsehbilder von Nachtclubs und Drogenmilieu formen die Vorstellungen des Publikums. Die realen Krisen – RAF, Friedensbewegung, Mauerfall – kommen kaum vor.

Reineckers Tragödien spielen häufig in den besten Gesellschaftskreisen. Herrschaftliche Villen mit riesigen Auffahrten und automatischen Garagentoren, cremefarbene Polstermöbel und unauffällige Dienstboten gehören zum Inventar. Wenn Reineckers Drehbücher doch mal in die Viertel der Elenden hinabführen, glaubt man sich in eine Operette oder Charles Dickens-Verfilmung versetzt, meint Rafael Jové. In den weitläufigen Villen dagegen, würden die Stoffe ganz bei sich ankommen:

Teuer verkleidete Darsteller mit versteinerten Gesichtern gleiten dort wie auf Filzbahnen durch die Räume [...]. Erloschene Augen, stumme, hasserfüllte Blicke. Menschen, die Dinge sagen, so wie sie Menschen niemals sagen würden und daran scheitern. Das ist die Essenz aller ‚Derrickhaftigkeit‘. Ein Unbehagen, das gleichermaßen abstößt und fasziniert.

Rafael Jové "Die heile Welt des Verbrechens"

Filmwissenschaftler Simon Frisch erkennt darin die Faszination sogenannter "B-Pictures", schlechter Filme, in denen auf eine Art und Weise gesprochen wird, die der Wirklichkeit nicht entspricht. Es entstehe, ähnlich wie bei hoher Kunst, ein Effekt der Verfremdung. Für Simon Frisch möglicherweise ein Grund für den internationalen Erfolg der Serie.

Der "gute Deutsche" und die NS-Vergangenheit

China, Russland, Australien - Derrick wurde in über hundert Länder verkauft und ist damit bis heute die meistexportierte deutsche Fernsehserie. Der Kriminal-Oberinspektor wurde zum weltweiten Botschafter des "guten Deutschen" erhoben.

Horst Tappert wurde mit Derrick zum Weltstar. Der Schauspieler war Träger des Bundesverdienstkreuzes und Ehrenkommissar der bayrischen Polizei. 2013, fünf Jahre nach seinem Tod, wurde entdeckt, dass der Darsteller des tadellosen Beamten Mitglied bei der Waffen-SS war. Zu Lebzeiten hatte er angegeben, Kompaniesanitäter in einer Wehrmachtseinheit gewesen zu sein. Das ZDF zeigte sich "überrascht und befremdet". Die TV-Reihe wurde seitdem nicht mehr wiederholt.

Auch "Derrick"-Erfinder Herbert Reinecker war in der Waffen-SS. Im Gegensatz zu Tappert hat er aus seiner Vergangenheit nie einen Hehl gemacht. In seinen Erinnerungen schreibt er über die Verführungen, denen seine Generation erlegen sei. Eine persönliche Mitverantwortung hat er nie eingestanden.

Mit einem Lebenswerk von über 500 Drehbüchern war Reinecker einer der produktivsten und einflussreichsten deutschen Fernsehautoren der Nachkriegszeit. Und es stellt sich die Frage, welche Spuren seine Weltsicht in seinem Werk hinterlassen hat. Rafael Jové glaubt nicht, dass man versucht habe, versteckte NS-Ideologie unter die Bevölkerung zu bringen, eher im Gegenteil. Aber er findet Spuren in der Sprache Reineckers, in der immer wieder Begriffe im NS-Jargon aufblitzen.

1989 nahm der Oberinspektor Stephan Derrick seinen Abschied. Nach 24 Jahren und 281 Folgen wurde die Serie vom ZDF eingestellt. Es war das Ende einer Krimi-Ära.

Über den Autor Rafael Jové wurde 1977 in Hamburg geboren . Nach einer Ausbildung zum Tontechniker studierte er Experimentelles Radio in Weimar. Er arbeitet als DJ und produziert Radiohörspiele und Features.

Angaben zur Sendung MDR KULTUR - Feature
Die heile Welt des Verbrechens - Stephan Derrick und die BRD
Von Rafael Jové

Sprecher: Simon Frisch, Anja Herzog und der Autor
Regie: Rafael Jové
Redaktion Mareike Maage
Produktion: RBB 2018 (Ursendung)

Sendung: 12.09.2018 | 22:00-23:00 Uhr

Das Feature steht nach der Ausstrahlung hier ein Jahr lang zum Hören bereit.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Feature: "Die heile Welt des Verbrechens - Stephan Derrick und die BRD" | 12. September 2018 | 23:59 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 12. September 2018, 04:00 Uhr