Gebäude der ''New York Times'', davor Taxis und andere Autos auf der Straße.
New York Times Tower in Midtown Manhattan Bildrechte: imago/Rüdiger Wölk

Hassliebe Donald Trump und die New York Times

Die wohl einflussreichste Zeitung der Welt und der US-Präsident sind Lieblingsfeinde. Über kein Blatt beschwert sich Donald Trump so häufig, wie über die New York Times. Und beschert ihr damit steigende Auflagenzahlen. Seriöser Journalismus hat Konjunktur in den USA.

Gebäude der ''New York Times'', davor Taxis und andere Autos auf der Straße.
New York Times Tower in Midtown Manhattan Bildrechte: imago/Rüdiger Wölk

Auf 103 Lügen hat es der 45. Präsident der USA laut New York Times während der ersten zehn Monate im Amt gebracht. Sie reichen von Angebereien – wie die Größe der Zuschauermenge bei seiner Amtseinführung – über Halbwahrheiten bis zu gefährlichen Vertuschungen, etwa in der Russlandaffäre. Die in winziger Schrift veröffentlichte Liste "Trumps Lies" macht deutlich: die Verbreitung von Unwahrheiten ist ein gezieltes Mittel seiner Politik.

"Das Blatt wird untergehen"

Die New York Times, oft belächelt als "graue Lady", ist beliebt wie nie zuvor. Mit ebenso klarer wie harter Kritik begleitet sie den US-Präsidenten. Bald jede Woche erscheinen neue Enthüllungen über ihn und sein politisches Umfeld. Trump twittert unaufhörlich dagegen. "The failing", die "scheiternde" New York Times nennt er die große liberale Zeitung in seinen Tweets. Die Berichterstattung über ihn sei so falsch und bösartig, dass sich die Times nach der Wahl bei ihren Lesern entschuldigt hätte. Auch diese Behauptung ist falsch.

Schon im Wahlkampf wetterte Donald Trump unaufhörlich gegen die New York Times. Bei einer Veranstaltung im US-Bundesstaat Connecticut im August 2016 drohte er mit dem Entzug der Pressezulassung und prophezeite ihren Untergang.

The newspaper is going to hell. They’ve got a couple of reporters in that newspaper who are so bad. I mean lack of talent. But it’s going to hell.

Diese Zeitung wird zur Hölle fahren. Die haben ein paar Reporter da, die so schlecht sind und so untalentiert. Das Blatt wird untergehen.

Donald J. Trump Fairfield, Connecticut, 13. August 2016

Das Gegenteil ist der Fall. Paradoxerweise hat Trump der New York Times einen wirtschaftlichen Aufschwung beschert. Die Aktie der Zeitung ist seit Trumps Wahlsieg um 30 Prozent gestiegen, die Zahl der Online-Abonnenten um mehr als 60 Prozent. Sie liegt jetzt bei 2,5 Millionen.

US-Zeitung mit Tradition

Mit mehr als 1.300 Journalisten führt die New York Times heute die größte Zeitungsredaktion der USA. Noch immer gehört die Aktienmehrheit des Medienunternehmens den Nachfahren von Adolph Ochs, der die Zeitung 1896 kaufte. Der Sohn deutsch-jüdischer Einwanderer machte aus der 1851 gegründeten Regionalzeitung ein anerkanntes überregionales Blatt. Sein Credo "without fear or favor" ("ohne Furcht oder Gefälligkeiten") zu berichten, bestimmt noch heute das Selbstverständnis der New York Times. A. G. Sulzberger, seit Januar 2018 neuer Herausgeber, führt die Zeitung nun bereits in der fünften Generation.

122 Pulitzerpreise für herausragenden Journalismus hat die New York Times erhalten. Zum Beispiel 1971, als sie die geheimen Pentagon-Papiere veröffentlichte, welche die Verstrickung der US-Regierung in den Vietnamkrieg offenbarten.

"Er liebt die Medien"

Nicht immer hat Trump die Medien beschimpft. Früher buhlte er unermüdlich um die Zuneigung der New York Times. "Eine heftige Hassliebe" nennt das Michael Shear, politischer Berichterstatter im Washingtoner Büro. Die Zeitung repräsentierte das Establishment, und der Immobilienhändler Trump wollte unbedingt dazugehören.

Das bestätigt auch New York Times-Korrespondentin Magie Haberman: "Er liebt die Medien, er ernährt sich geradezu von ihnen", sagt die 44-Jährige, die als Trumps Lieblingsfeindin gilt. Er hat sie als "drittklassige Reporterin" beschimpft und ihr doch immer wieder lange Interviews gewährt. Haberman hat über Trump schon Mitte der 90er-Jahre bei der Boulevardzeitung New York Post geschrieben und weiß, dass er es versteht, die Presse für seine Zwecke zu nutzen.

Angriff auf die Pressefreiheit

US-Präsident Donald Trump
US-Präsident Donald Trump hat mehrfach Kameras bei Pressekonferenzen im Weißen Haus verboten Bildrechte: IMAGO

Heute bekämpft Trump dieselben Medien, um deren Aufmerksamkeit er einst buhlte, allen voran die Washington Post, CNN und die New York Times. Schon früh in seiner Amtszeit hat er Journalisten zu Feinden des Volkes erklärt. Er greift sie an, weil sie nachweisen können, dass er bisher einen Großteil seiner Wahlversprechen nicht gehalten hat: "Obamacare" abschaffen, eine Mauer an der Grenze zu Mexiko bauen, den Atomvertrag mit Iran kündigen. Nichts davon hat er bisher durchgesetzt.

Mehrfach wurden bei offiziellen Pressekonferenzen im Weißen Haus Kameras verboten. Trumps Attacken auf kritisch über ihn berichtende Medien werden immer schärfer. Im Oktober 2017 äußerte er am Rande eines Treffens mit dem kanadischen Premierminister Justin Trudeau:

It’s frankly disgusting the way the press is able to write whatever they want to write.

Es ist offen gesagt abstoßend, dass die Presse schreiben kann, was immer sie schreiben will.

Donald J. Trump 11. Oktober 2017

Bei solchen Aussagen schaut Michael Shear, seit 24 Jahren politischer Journalist, mit Sorge in die Zukunft. Er habe sich auch mit der Obama-Administration angelegt, erklärt er, aber da ging es immer um Fakten. Niemals haben sie die Idee von einer freien Presse angegriffen. Der twitternde Präsident ist zu einer ernsten Gefahr für die Pressefreiheit geworden.

Angaben zur Sendung MDR KULTUR - Feature
"Donald Trump und die New York Times"
Feature von Simone Hamm

Produktion: SWR 2017

Sendung: 13.01.2018 | 09:05-09:35 Uhr

Das Feature steht nach der Ausstrahlung hier sieben Tage zum Hören und zum Download bereit.

Feature-Autorin Simone Hamm Simone Hamm, geboren in Bonn, studierte Literaturwissenschaften, Philosophie und Chinesisch in Bonn und Peking, arbeitete als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Bayreuth an der Philosophischen Fakultät. Dann entschied sie sich, einen anderen Weg einzuschlagen, volontierte bei der Deutschen Welle und arbeitet als Feature-Autorin für die ARD, zuletzt: "Bin ich der, der ich sein will - der Schriftsteller Jonathan Safran Foer" (DLF November 2017). Nach Stationen in Köln und Brüssel lebt sie seit 2013 in New York. 2015 ist sie für das Feature "Vor dem Gesetz - Justizskandale in New York" mit dem RIAS Preis ausgezeichnet worden.

Mehr zum Hören

Joan Baez
Bildrechte: Westdeutscher Rundfunk

Dem "Rolling Stone" hat sie gesagt, sie sei sogar dankbar für Donald Trump: Joan Baez. Jens Rosteck hat eine Biografie über die Folk-Sängerin und Bürgerrechtlerin geschrieben und mit uns über sie gesprochen.

MDR KULTUR - Das Radio Do 07.12.2017 16:40Uhr 11:29 min

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Audio

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Feature | 13. Januar 2018 | 09:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 13. Januar 2018, 03:00 Uhr