Traktor fährt über Feld in Rheinland-Pfalz und versprüht Pflanzenschutzmittel Glyphosat
Bildrechte: imago/blickwinkel

Dokumentation Glyphosat - Geschichten vom Unkrautvernichten

Glyphosat ist das meistverkaufte Unkrautvernichtungsmittel weltweit. Wegen möglicher Gefahren für Mensch und Umwelt setzen sich Gegner für ein Verbot des Pflanzengifts ein. Aber wie stehen Landwirte in Sachsen-Anhalt zur Debatte? Duška Roth hat konventionelle und Bio-Bauern in der Region besucht.

Traktor fährt über Feld in Rheinland-Pfalz und versprüht Pflanzenschutzmittel Glyphosat
Bildrechte: imago/blickwinkel

Alles Beikraut abtöten, bevor die Kulturpflanze ausgesät wird - so funktioniert Glyphosat. Ursprünglich als Rohrreiniger entwickelt, wurde es in den 1970er-Jahren von der US-Firma Monsanto erstmals als Unkrautvernichter auf den Markt gebracht. Doch seit einigen Jahren gerät das Totalherbizid immer mehr in die Kritik. Verbraucher sind verunsichert, in den EU-Ländern wächst der öffentliche Druck. Auch in Deutschland wird diskutiert, glyphosathaltige Herbizide zu verbieten oder stark einzuschränken. Aber was bedeutet das für die Zukunft der Landwirtschaft?

Unkrautvernichtung mit und ohne Chemie

Matthias Saudhof braucht kein Glyphosat. Er hat seinen Betrieb im Vorjahr komplett auf ökologische Landwirtschaft umgestellt. Statt Pflanzenschutzmittel setzt er nun auf mechanische Unkrautbekämpfung. Zum Beispiel mit einem Exaktstriegel, welcher durch die Weizenpflanzen gezogen wird, dabei das Unkraut herausreißt und den Weizen stehen lässt. Der Aufwand sei ein wenig höher als beim Einsatz von Unkrautvernichtungsmitteln, meint Matthias Saudhof, aber es funktioniere.

Trotzdem sieht selbst der Bio-Landwirt das Verbot von Glyphosat skeptisch. Es sei ein sehr gutes Mittel, das für wichtige Aufgaben gebraucht würde. Eine Abschaffung würde nur andere Mittel auf den Plan rufen. Der Kern des Problems liege im standardisierten Einsatz von Glyphosat. Laut Angaben des BUND wird es auf 40% der Ackerflächen in Deutschland verwendet. Der Einsatz des immer gleichen Mittels führe zu immer mehr Resistenzbildungen, zu Anreicherungen in Bodenschichten und im Grundwasser, so Saudhof.

Wo wir eben von wegmüssen ist, dass Glyphosat in der Bewirtschaftung der Flächen und in der Planung der Bewirtschaftung der Flächen fest mit integriert ist.

Matthias Saudhof, Bio-Bauer

Für den konventionellen Landwirt Jörg Kamprad aus dem Mansfelder Land überwiegen beim jetzigen Stand der Wissenschaft eindeutig die Vorteile des Unkrautvernichters. Wegen möglicher Gefahren, schränkt auch er den Einsatz ein, aber die mechanische Bodenbearbeitung ist für ihn keine echte Alternative.

Das bedeutet zweierlei Dinge: zum einen die Freisetzung von Kohlendioxid. Mechanische Bodenbearbeitung regt die organische Substanz im Boden durch die Lufteinbringung an. Zum anderen ist sie arbeitsintensiv. Der Pflug kostet viel Kraft, kostet viel Kraftstoff, kostet viel Zeit. Einmal aus zeitlichen Gründen und einmal auch aus ökonomischen Gründen sagen wir nein, wir sind hier eine pfluglose Region (…)

Jörg Kamprad, Landwirt

Glyphosat – Wirkung und Gefahren

Roundup
Monsanto brachte 1974 das erste glyphosathaltige Herbizid unter dem Namen "Roundup" auf den Markt Bildrechte: imago/Reporters

Der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln wie Glyphosat hat die pfluglose Landwirtschaft erst möglich gemacht. Das Breitbandherbizid wirkt gegen fast alle grünen Pflanzen. Das Mittel zieht über die Blätter in die Pflanze ein, blockiert dort ein bestimmtes Enzym und hemmt damit den Stoffwechsel. Die Pflanze stirbt ab. In Deutschland werden die Ackerflächen in der Regel vor der Aussaat und nach der Ernte mit Glyphosat behandelt.

Da der von Glyphosat blockierte Stoffwechsel nur bei Pflanzen und Mikroorganismen existiert, ist das Mittel theoretisch für Mensch und Tier ungiftig. Für Professor Maria Finckh, Pflanzenschutz-Expertin von der Universität Kassel ist das Pflanzengift allerdings kein harmloser Stoff.

… auch wenn es nicht akut toxisch ist, gibt es neben der akuten Toxizität erstens die Frage, wirkt es sich genotoxisch aus, das heißt wirkt es auf die DNA und kann damit möglicherweise Krebs auslösen. Das wird sehr stark debattiert und es gibt sehr viele Hinweise, dass dem so ist …

Prof. Dr. Maria Finckh, Pflanzenschutzexpertin

Außerdem wirke Glyphosat wie ein Pseudohormon im Körper und wird mit neurodegenerativen Krankheiten wie Alzheimer, Parkinson und ALS in Verbindung gebracht, erläutert die Wissenschaftlerin.

Bienen
Glyphosat scheint auch Bienen zu schaden. Bildrechte: Colourbox.de

Ob solche Zusammenhänge zutreffend sind, darüber streiten Befürworter und Gegner. Die zur Weltgesundheitsorganisation (WHO) gehörende Internationale Agentur für Krebsforschung, (IARC) hat Glyphosat 2015 als "wahrscheinlich krebserregend" eingestuft. Andere Institutionen, wie die europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) und das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) kommen zu der Einschätzung, dass der Stoff "wahrscheinlich nicht krebserregend" sei. Die Debatte ist längst zum Politikum geworden. Dabei geht es um weit mehr, als um ein umstrittenes Pestizid. In der Kritik steht eine moderne, hochentwickelte Landwirtschaft, die zwar hohe Erträge erzielt, aber die Umwelt belaste und die biologische Vielfalt gefährde.

Glyphosat trage mit dazu bei, meinen die Kritiker. Mit der Unkrautbekämpfung würde einer Vielzahl von Tieren die Lebensgrundlage entzogen. Auch reagierten einige Mikroorganismen sehr empfindlich auf Glyphosat. Neuere Studien zeigten, dass sich das Pflanzengift auf die Mikroflora von Bienen auswirke und damit ihr Immunsystem geschwächt würde.

Jörg Kamprad hält eine Umstellung seines Betriebes auf Bioproduktion derzeit für wirtschaftlich zu riskant. Den meisten Gewinn erziele er aus dem Hopfen- und Obstanbau. Aber gerade diese Kulturen hätten es im Biosektor besonders schwer. Auch logistisch wäre die Umstellung auf Bio sehr kompliziert und kostenintensiv, angefangen von der Lagerhaltung bis hin zum Vertrieb.

Matthias Saudhof hat seine Entscheidung, auf ökologische Landwirtschaft umzustellen, keinen Tag bereut. Beim Dreschen des Getreides hat er bemerkt, dass viel mehr Bodentiere und Käfer auf den Feldern zu finden sind.

Über die Autorin

Duška Roth ist 1980 in Zagreb, Kroatien geboren und wuchs in Marburg auf. Sie studierte Ethnologie, Medienwissenschaften und Kunstgeschichte in Marburg und Tübingen. Sie arbeitete als Ethnologin in Serbien, Kroatien und Aserbaidschan. Seit 2016 arbeitet sie als freie Feature-Autorin.

Angaben zur Sendung MDR KULTUR - Feature
"Glyphosat - Geschichten vom Unkrautvernichten"
Von Duška Roth

Sprecher: Lisa Hrdina, Martin Reik
Redaktion: Tobias Barth
Regie: Andreas Meinetsberger
Produktion: MDR 2019 (Ursendung)

Sendung: 16.03.2019 | 09:05-09:35 Uhr

Die Sendung steht nach der Ausstrahlung hier ein Jahr lang zum Hören bereit.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Feature: "Glyphosat - Geschichten vom Unkrautvernichten" | 16. März 2019 | 09:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 16. März 2019, 04:00 Uhr

Meistgelesen bei MDR KULTUR

Abonnieren