George Orwell
George Orwell (1903-1950) Bildrechte: dpa

Feature George Orwells "1984" - Ein Buch und seine Folgen

Vor 70 Jahren erschien George Orwells düstere Vision vom totalitären Überwachungsstaat. Wer das Buch in der DDR las, musste mit Gefängnis rechnen. In Westdeutschland beriefen sich Gegner der Volkszählung auf den Roman. Heute geben wir freiwillig unsere Daten an Google, Facebook & Co. Ist Orwells Dystopie im Zeitalter der Digitalisierung überholt? Ein Feature von Lorenz Hoffmann.

George Orwell
George Orwell (1903-1950) Bildrechte: dpa

Dass ein Buch das Leben eines Menschen über Jahrzehnte beeinflussen kann, hätte Baldur Haase, Jahrgang 39, früher nicht für möglich gehalten. Als der Druckerlehrling mit 19 Jahren Winston Smith, Orwells Helden aus dem Roman "1984" kennenlernt, verändert diese Begegnung nicht nur sein Denken, sondern sein ganzes Leben.

Haase hatte das Buch von einem jungen Mann aus Westdeutschland bekommen, Rainer Markgraf, den er auf einem von der SED organisierten gesamtdeutschen Arbeiter-Jugendtreffen in Erfurt kennengelernt hatte. Markgraf schickte es in einem ganz normalen Westpaket mit Kakao, Schokolade und Süßigkeiten, eingepackt in Zeitungspapier.

Orwell beschreibt in seinem Roman von 1948/49 die Dystopie von der totalüberwachten Gesellschaft. Im Riesenreich Ozeanien hat die alleinherrschende Partei ein System errichtet, in dem es keine Freiheit mehr gibt. Die Gedankenpolizei sorgt für totale Kontrolle und permanenten Terror. Gefühle, vor allem Liebe, sind in Ozeanien verboten. Mit dem Slogan "Big brother is watching you" werden die Menschen fortlaufend an die Überwachung erinnert.

Und dann habe ich, nachdem ich mich damit beschäftigt hatte, Verschiedenes entdeckt, Parallelen gefunden zu dem fiktiven Staat Ozeanien, auch Beziehungen, Verbindungen zur DDR-Wirklichkeit.

Baldur Haase

Was Baldur Haase in dem Roman liest, kommt ihm teilweise bekannt vor, Aussagen wie "Was immer die Partei für die Wahrheit hält, ist Wahrheit." Hier sei es ähnlich, schreibt er an seinen Freund und nennt Beispiele aus dem Buch. Was er zu diesem Zeitpunkt nicht weiß: Die Staatssicherheit liest längst mit. Sein damaliger Schwager, ein Inoffizieller Mitarbeiter des MfS, hatte ihn bereits ein Jahr zuvor wegen undurchsichtiger Westkontakte denunziert.

Die Staatssicherheit in Gera ist zunächst unsicher, wie sie George Orwells Roman einordnen soll. Ein Gutachten beim der SED unterstehenden Deutschen Institut für Zeitgeschichte kommt im September 1958 zu dem Urteil:

Das Buch ist nicht nur staatsgefährdend, sondern stellt in der Hand eines Lesers feindliches, besonders gegen die UdSSR und alle sozialistischen Staaten gerichtetes Material dar. Die Verbreitung und jeder Vertrieb sollten unter allen Umständen beobachtet und mit allen staatlichen Mitteln verhindert werden.

Deutsches Institut für Zeitegschichte Gutachten im Auftrag des MfS

Am 13. Januar 1959 wird Haase auf seiner Arbeitsstelle verhaftet und in das Untersuchungsgefängnis der Staatssicherheit nach Gera gebracht. Er hat keine Ahnung, was ihm eigentlich zur Last gelegt wird. Noch bis zur Vernehmung am nächsten Tag ist er überzeugt, hier müsse ein Versehen vorliegen. 1959 wird er vom ersten Strafsenat des Gerichtes in Gera zu drei Jahren und drei Monaten Zuchthaus verurteilt. Wegen Besitzes und Verbreitung staatsgefährdender Literatur.

Warnung vor Totalitarismus

Als George Orwell 1948/49 seine Dystopie von der totalüberwachten Gesellschaft in Romanform goss, hatte er die beiden großen Totalitarismen des 20. Jahrhunderts am eigenen Leib erfahren.

Der Autor war in den 1930er-Jahren mit sozialkritischen Reportagen aus Englands Elendsvierteln bekannt geworden. Im spanischen Bürgerkrieg kämpfte er gegen Francos Faschisten. Als Mitglied einer trotzkistischen Splittergruppe, der POUM, geriet er hier zwischen die Fronten und sah sich plötzlich von stalintreuen Kommunisten bedroht. Gerade noch gelang ihm die Flucht aus Spanien. Nach Ausbruch des Zweiten Weltkrieges schrieb er mit seinen Texten nun gleichermaßen gegen Faschismus und Stalinismus an.

Für Datenschutzaktivistin Rena Tangens vom Verein digitalcourage zählt Orwells "1984"– neben Kafkas "Prozess" und Huxleys "Schöner neuer Welt" – zur Basislektüre für mündige Demokraten.

Die Idee eines totalitären Staates ist ja nicht weg, die gibt es in viel mehr Staaten, als wir wahr haben wollen, wo totalitäre Herrscher an der Macht sind und die üben das genau in dieser Art und Weise aus und deswegen finde ich, das ist nicht veraltet.

Rena Tangens, Datenschutzaktivistin

Bibel gegen die Volkszählung

Ein Jahr vor dem von George Orwell avisierten "1984" erlebte der Roman in der Bundesrepublik Deutschland einen ungeheuren Popularitätszuwachs. Er wurde zur Bibel einer Massenprotestbewegung gegen die große Volkszählung. Der Rechtsanwalt und Politiker Hans-Christian Ströbele, damals Mitbegründer der Alternativen Liste in Westberlin und einer der lautstärksten Gegner, erinnert sich:

Es ging um vergleichsweise wenige Daten, im Vergleich zu  heute […] Aber wir waren auf der richtigen Spur. Diese Daten kann man missbrauchen, […] für Versicherungsunternehmen, für finanzielle, für Werbezwecke und für alle mögliche Zwecke. Aber Sie können auch vom Staat missbraucht werden, indem darauf ein Überwachungssystem aufgebaut wird.

Hans-Christian Ströbele

Big Brother im Digitalzeitalter

George Orwells schreibt in seinem Roman von sogenannten "Televisoren", nicht abschaltbaren Geräten, die alle Wohnungen kontrollieren und ständig abhören. Heute heißen sie Siri, Alexa oder Google Assistent und wir nehmen sie sogar freiwillig in unsere Schlafzimmer.

Rena Tangens ist besorgt über die Sammelwut der Internetkonzerne. Dass ein gigantischer Konzern wie Google so viel über jeden einzelnen Menschen weiß, das habe es noch nie gegeben. Und doch glaubt sie, dass man etwas dagegen tun kann.

Der Verein digitalcourage in Bielefeld engagiert sich seit 1987 für Grundrechte, Datenschutz und demokratische Werte im digitalen Zeitalter. Seit dem Jahr 2000 verleihen die Bielefelder Aktivisten die Big Brother Awards. Zweck ist, die Öffentlichkeit für die Gefahr einer rasant zunehmenden Verdatung der Gesellschaft zu sensibilisieren. In der Kategorie Verbraucherschutz ging der Award 2018 an den Sprachassistenten Alexa.

Gehirnwäsche und Gedankenkontrolle wurden in Orwells Roman von einem diktatorischen Regime durchgesetzt. Das würde heute viel geschickter gemacht, meint Hans-Christian Ströbele, weil die Menschen gezwungen seien mitzumachen, wenn sie am modernen Leben teilnehmen wollen. Die elektronische Überwachung hat Orwells Vision längst übertroffen.

Aber der menschliche Geist und der menschliche Drang zu Freiheit und Unabhängigkeit ist hoffentlich so groß, dass er immer wieder doch Möglichkeiten findet, sich dagegen zu wehren!

Hans-Christian Ströbele

Über den Feature-Autor Lorenz Hoffmann Lorenz Hoffmann, geb. 1974, ist in Salzwedel in der Altmark aufgewachsen, hat in Magdeburg Abitur gemacht, zwei Jahre in einem Kindergarten in Minsk (Belarus) gearbeitet und danach Germanistik und Ostslavistik in Leipzig studiert. Er ist Vater zweier Töchter. Seit Abschluss des Studiums arbeitet er als freier Autor für Rundfunksender und Hörbuchverlage. Beim MDR enstanden u.a. die "acoustic novel" "Thälmannstraße 89" (2014) und das Hörspiel "Lutherland" (2017), sowie die Feature "Giftgas in der Ostsee" (2015) und "Der verbotene Regenbogen" (2017).

Angaben zur Sendung MDR KULTUR - Feature
Vor 70 Jahren: George Orwells "1984" wird veröffentlicht
"George Orwells "1984" - Ein Buch und seine Folgen"
Feature von Lorenz Hoffmann

Sprecher: Axel Wandtke, Walter Renneisen, Shenja Lacher, Corinna Waldbauer
Regie: Wolfgang Rindfleisch
Produktion: MDR 2019 - Ursendung

Sendung: 08.06.2019 | 09:05-09:35 Uhr

Die Sendung steht nach der Ausstrahlung hier sieben Tage zum Hören bereit.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Feature: "George Orwells "1984" - Ein Buch und seine Folgen" | 08. Juni 2019 | 09:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 08. Juni 2019, 04:00 Uhr

Baldur Haase: "Briefe, die ins Zuchthaus führten"
Bildrechte: Zeitgut Verlag

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Orwells "1984" und die Stasi. DDR-Erinnerungen 1948-1961
Gebundene Ausgabe: 224 Seiten
Zeitgut Verlag 2018
ISBN: 978-3933336323
6,90 Euro

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