Eine Statue der Justitia steht auf einem Tisch an einer Wand.
Bildrechte: imago/Photocase

Feature | ARD-Themenwoche "Gerechtigkeit" Trauma Ungerechtigkeit

Wenn Menschen sich ungerecht behandelt fühlen, entsteht Verbitterung. Meist verschwindet dieses Gefühl nach einer Weile. Gelingt das nicht, kann es zu einer psychischen Erkrankung führen. Der Berliner Psychiater Professor Michael Linden hat die Verbitterungsstörung erforscht. Ein Feature von Jessica Brautzsch.

Eine Statue der Justitia steht auf einem Tisch an einer Wand.
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Gerechtigkeit ist ein menschliches Grundbedürfnis und Voraussetzung eines funktionierenden Zusammenlebens innerhalb einer Gemeinschaft. Kinder entwickeln früh ein Gerechtigkeitsempfinden. Im Laufe unseres Lebens entwickeln wir Strategien, mit Situationen umzugehen, die wir als ungerecht empfinden. Doch nicht immer gelingt das.

Susanne L. lernte Facharbeiterin für Polstertechnik. Nach der Wende verlor sie ihre Stelle beim Automobilwerk Eisenach. Seitdem hangelte sie sich von einer Beschäftigung zur nächsten und landete doch immer wieder auf dem Arbeitsamt. Vergeblich bat sie um finanzielle Unterstützung für eine Ausbildung zur Podologin. Bei einem Besuch im Jobcenter wurde sie von einer Mitarbeiterin zurechtgewiesen: warum sie schon wieder hier sei, ihr Antrag würde doch sowieso abgelehnt.

Zitternd verlies Susanne L. das Jobcenter. Seitdem kämpft sie mit Wut und Frustration, leidet unter Schaflosigkeit, ist aufgewühlt. Manchmal hat sie Angst, dass sie dadurch Kraft verliert, die sie für ihre Ausbildung braucht.

Das Erleben von Ungerechtigkeit muss nicht individuell sein, auch Gruppen können Ungerechtigkeit empfinden. Professor Michael Linden von der Berliner Charité fiel das bei seiner Arbeit als Psychiater in der Nachwendezeit auf.

Das ist nichts Spezifisches, was jetzt mit Ostdeutschland zu tun hätte. Sondern damit, dass die Wende, wie viele Ereignisse dieser Art, eben ein Lebensereignis war, das viele Menschen betroffen hat … Und damit auch eine ganze Reihe von Menschen mit Ungerechtigkeit umgehen mussten.

Professor Michael Linden, Psychiater an der Berliner Charité

Wut und Rachegelüste

Die Reaktion auf Ungerechtigkeit kann sehr unterschiedlich sein. Manche Menschen ziehen sich zurück, resignieren, werden ängstlich und depressiv. Andere reagieren mit Wut und Rachegelüsten. Ein berühmtes Beispiel ist die Geschichte des Michael Kohlhaas – oder Hans Kohlhase, wie das historische Vorbild hieß - die Heinrich von Kleist in seiner Novelle beschrieb.

Der angesehene Pferdehändler wurde um zwei Reitpferde betrogen und versuchte zunächst auf juristischem Weg, zu seinem Recht zu kommen. Als aber sein Anliegen als Stänkerei abgetan wurde, entstand bei ihm eine tiefe, aggressive Verbitterung. Er griff zur Selbstjustiz und begab sich auf einen Rachefeldzug gegen den räuberischen Adligen.

Wenn Menschen Unrecht erfahren, empfinden sie das in der Regel als Aggression und versuchen zunächst, mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln, Gerechtigkeit wiederherzustellen.

Ralf G. kämpft seit fünf Jahren um das Sorgerecht für seine Söhne. Seit am 13. Januar 2013 die Polizei auf einmal in der Wohnung stand. Da war die Scheidung schon eingereicht. Seine Frau warf ihm häusliche Gewalt vor, Ralf G. bestreitet das. Der Prozess dazu wurde eingestellt, doch es folgten weitere Anschuldigungen und zahlreiche Verfahren. Den Glauben an Politik und Justiz hat Ralf G. längst verloren. Seine Wut ist enorm.

Ich habe gesagt, ich werde das System zu Fall bringen … Hier in Thüringen zumindest, ich kenne ja die anderen Ortschaften nicht so, aber was sich hier abspielt, ich werde das nicht dulden.

Ralf G.

Ralf G. hat das Sorgerecht für seinen ältesten Sohn zugesprochen bekommen. Das für seinen jüngeren ist sein nächstes Ziel. Seine Wut kann dieser Ausgang aber kaum mildern.

Verbitterung wird zur Krankheit

Wenn durch Ungerechtigkeit, Herabwürdigung oder Bloßstellung unsere individuellen Grundwerte angegriffen werden, löst das eine Emotion aus, die man als Verbitterung bezeichnet. Im schlimmsten Fall führt das zu einem chronischen Dauerzustand, der "Posttraumatischen Verbitterungsstörung" (PTED).

Als erster seines Fachs hat Professor Linden 2003 diese Erkrankung beschrieben. Ausgelöst wird sie bei zuvor völlig gesunden Menschen durch ein einzelnes, schwerwiegendes Lebensereignis, das die Betroffenen als ungerecht, demütigend und kränkend empfinden. Die Posttraumatische Verbitterungsstörung kann zu schweren Beeinträchtigungen führen und ist häufig mit Niedergeschlagenheit, Aggressivität, Phobien und einer Reihe psychosomatischer Symptome verbunden. Die gefährlichste Entwicklung, die diese Form der Verbitterung nehmen kann, ist die Selbst- und Fremdgefährdung.

Die Betroffenen haben keine Kontrolle mehr über sich selbst. Das ist der entscheidende Punkt. Sie verlieren sozusagen die emotionale Selbststeuerung. Sie werden von den Emotionen getrieben. Und deswegen kann man, denke ich, mit Fug und Recht von einer Krankheit sprechen.

Professor Michael Linden, Psychiater an der Berliner Charité

Die Weisheitstherapie

Auf Grund der aggressiv-abwehrenden Grundhaltung sind die Betroffenen äußerst schwer zu behandeln. Am meisten bewährt hat sich bei Verbitterung die sogenannte Weisheitstherapie, eine von Michael Linden entwickelte Form der kognitiven Verhaltenstherapie.

Weisheit wird dabei als Fähigkeit verstanden, mit schwierigen Lebensproblemen umzugehen. Geschult werden unter anderem Empathie und Toleranz, die Fähigkeit zum Perspektivwechsel, die Wahrnehmung und Steuerung von Emotionen und die Fähigkeit, die eigene Situation mit Humor zu betrachten. Die Patienten setzen sich zunächst mit fiktiven Konfliktsituationen auseinander und können dabei neue Sichtweisen entwickeln, die sie in die Lage versetzen, das eigene kritische Lebensereignis zu verarbeiten und sich von der Verbitterung zu lösen.

Diese Herangehensweise kann sicher in schwierigen Lebenslagen helfen. Im Umgang mit Ungerechtigkeit muss jeder letztlich seinen eigenen Weg finden. Ralf G. zum Beispiel freut sich über kleine Aufmerksamkeiten, die ihm seine Söhne mitbringen. Susanne L. will ihre Ausbildung unbedingt beenden. Im Sommer hat sie sich mit mobiler Fußpflege als Minijob selbstständig gemacht. Trotz Wut und Frust über die erlebte Ungerechtigkeit hat sie den Blick für die Zukunft nicht verloren.

Der Autorin Jessica Brautzsch Jessica Brautzsch (Jahrgang 1987) absolvierte ein Studium der Germanistik in Leipzig, das sie mit dem Master abschloss. Seit 2013 arbeitet sie beim Mitteldeutschen Rundfunk für MDR SPUTNIK und für MDR Aktuell. 2016 realisiert sie für SPUTNIK zwei Features: "Mit Sicherheit Angst" über das Unsicherheitsgefühl in Sachsen-Anhalt und "Glaubenssache", ein trimediales Projekt über ihren individuellen Weg zum christlichen Glauben. "Glaubenssache" wurde 2017 mit dem 3. Platz des Nachwuchsjournalistenpreises der IHK Sachsen-Anhalt und dem "Goldenen Kompass", dem Preis des christlichen Medienverbunds KEP, ausgezeichnet. 2017 realisiert sie für MDR Aktuell die Tagesreihe "Wie Luther den 31. Oktober 1517 erlebt hat"

Angaben zur Sendung MDR KULTUR - Feature
ARD-Themenwoche "Gerechtigkeit"
"Trauma Ungerechtigkeit"
Von Jessica Brautzsch

Sprecher: Karina Plachetka, Malick Bauer

Regie: Wolfgang Rindfleisch
Redaktion: Kathrin Aehnlich
Produktion: MDR 2018 (Ursendung)

Sendung: 17.11.2018 | 09:05-09:35 Uhr

Das Feature steht nach der Ausstrahlung hier ein Jahr lang zum Hören bereit.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Feature: "Trauma Ungerechtigkeit" | 17. November 2018 | 09:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 03. November 2018, 12:12 Uhr