Der Reformator Martin Luther in einer Darstellung von Lukas Cranach dem Älteren
"Aus einem traurigen Arsch fährt nie ein fröhlicher Furz," wusste schon Martin Luther. Bildrechte: dpa

Essay Kleine Furzologie - eine Kulturgeschichte des Pupsens

Vom Neandertaler bis zum modernen homo sapiens haben alle Menschen eins gemeinsam: das Furzen. Es sorgt für Heiterkeit und Empörung. Die Literatur ist voll von Fürzen, gereimt und in Prosa. Bekannt sind die Sprüche Martin Luthers. Aber auch bei Mozart wird man fündig. Eine kleine Kulturgeschichte der Furzologie.

Der Reformator Martin Luther in einer Darstellung von Lukas Cranach dem Älteren
"Aus einem traurigen Arsch fährt nie ein fröhlicher Furz," wusste schon Martin Luther. Bildrechte: dpa

"Die Winde des Herrn Prunzelschütz"

In der bekannten Ballade des Quedlinburger Autors Fritz Graßhoff über einen Ritter inmitten seiner Winde geht es deftig zu. Krachend und pfeifend werden Gegner niedergestreckt und Feinde in die Flucht gejagt. Graßhoffs Prunzelschütz gehört zum festen Bestandteil humoristischer deutscher Poesie. In Schullesebüchern sucht man ihn vergebens.

Doch kurz vor dem Zusammenprall
ein Donnerschlag - ein dumpfer Fall-
Herr Prunz mit einem Furze
den Gegner bracht´ zu Sturze.

Fritz Graßhoff Die Winde des Herrn Prunzelschütz

"Gargantua und Pantagruel"

Illustration zum Buch "Gargantua und Pantagruel" von François Rabelais - ein Wimmelbild auf einer Wiese feiernden Volkes, betrachtet von einem Riesenpärchen
Illustration zu "Gargantua und Pantagruel" Bildrechte: IMAGO

Die Franzosen haben eine besonders reichhaltige "Furzliteratur" aufzuweisen. Bereits François Rabelais' humoristischer Roman "Gargantua und Pantagruel", erschienen in fünf Bänden um die Mitte des sechzehnten Jahrhunderts, ist eine unerschöpfliche Fundgrube. In dem opulenten Werk gibt es kaum ein Kapitel, in dem es nicht fröhlich kracht. Eine Kostprobe:

Zwei Tag darauf gelangten wir aufs Eiland Ruach, und dies schwör' ich euch bei dem Siebenhühnergestirn, daß ich des Volkes Lebensart seltsamer fand, als ich beschreiben kann. Sie leben von gar nichts weiter als von Wind; sie essen nichts, sie trinken nichts als eitel Wind. […] Sie kacken nicht, sie brunzen nicht, sie spucken nicht aus auf diesem Eiland. Dafür fisten, furzen, rülpsen sie überschwänglich.

François Rabelais Gargantua und Pantagruel
Blitze über dem Alperstedter See bei Erfurt 24 min
Bildrechte: MDR/Karina Heßland

Die Freifurzer

Im 18. Jahrhundert gab es bei den Franzosen auch eine ernst gemeinte Furzgesellschaft, mit Statuten und Versammlungen, deren Riten den Freimaurern nachempfunden waren. Der Zweck der Gesellschaft, die sich "Société des Francs-Peteurs" nannte, war "die Zerstörung des Vorurteils gegen das freie Furzen." Neue Mitglieder sollten, "durch ungeniertes Furzen im eigenen Hause, auf der Gasse und in der Gesellschaft für die Sache Propaganda zu machen." Frauen waren bei dieser Gesellschaft nicht zugelassen.

In der Antike

Portrait des rönmischen Dichters Titus Maccius Plautus (Zeitgenössische Darstellung)
Der römische Dichter Titus Maccius Plautus Bildrechte: IMAGO

Beim römischen Dichter Plautus (um 254  v. Chr. - um 184 v. Chr.) ging es nie ohne donnerndes Gepupse ab. Die Schauspieler bei Plautus mussten nicht nur deklamieren, sie mussten auch aus Leibeskräften furzen können.

Der römische Kaiser Claudius, der von 41 bis 54 n. Chr. regierte, verfügte, dass ungehemmtes Furzen, selbst bei Festbanketts, statthaft sei. 170 Jahre später ließ der grausame Kaiser Caracalla jeden hinrichten, der in seiner Gegenwart einen streichen lies.

Crepitus - der Gott des Furzes

Bei den Alten Römer gab es angeblich sogar einen Gott des Furzes. Seinen Name: Crepitus Ventris (lateinisch für "Darmgeräusche"), kurz Crepitus. In der frühesten Erwähnung wird er als Ägyptischer Gott bezeichnet.

Ob er wirklich angebetet wurde, ist umstritten, denn bei der einzigen antiken Quelle handelt es sich um eine christliche Satire. Später taucht Crepitus bei einigen bedeutenden französischer Autoren auf, etwa bei Baudelaire, in Voltaires "Philosophischem Wörterbuch" und in Flauberts Roman "Die Versuchung des heiligen Antonius". 

Mozarts Bäsle-Briefe

Wolfgang Amadeus Mozart im Porträt um 1819
Wolfgang Amadeus Mozart Bildrechte: IMAGO

Haben sie oder haben sie nicht? Darüber streiten sich auch heute noch die Experten. Die Briefe, die der Komponist zwischen 1777 und 1781 an seine Cousine Maria Anna Thekla Mozart schrieb, wurden wegen ihrer drastischen und derben Sprache von der Musikwissenschaft lange verschwiegen und um anzügliche Stellen bereinigt. Seiner Phantasie ließ der 22-Jährige darin freien Lauf.

… ich werde alsdan in eigner hoherperson ihnen Complimentiren, ihnen den arsch Petschieren, ihre hände küssen, mit der hintern büchse schiessen, ihnen Embrassiren, sie hinten und vorn kristiren, ihnen, was ich ihnen etwa alles schuldig bin, haarklein bezahlen, und einen wackren furz lassen erschallen …

Wolfgang Amadeus Mozart Brief vom 23. Dezember 1778

Joseph Haydn

Zeitgenössische Darstellung von Joseph Haydn.
Joseph Haydn Bildrechte: IMAGO

Der Komponist Joseph Haydn (1732-1809) ist bekannt für seine musikalischen Scherze – berühmt ist seine Symphonie "Mit dem Paukenschlag".

Auch in der ersten seiner zwölf Londoner Symphonien stellte er das Publikum auf die Probe. Der 2. Satz wird gegen Ende immer langsamer bis ein Fagottfurz das Orchester wieder auf Trab bringt.

Der Kunstfurzer

In fast sämtlichen Ländern der Erde unterhielten früher auf Jahrmärkten sogenannte Kunstfurzer ihr Publikum. Wie in allen Künsten gab es auch hier ein Jahrhunderttalent: den Franzosen Joseph Pujol (1857-1945).

Moulin Rouge
Moulin Rouge Bildrechte: dpa

Er arbeitete in seiner Geburtsstadt Marseille als Bäcker, bis er bei sich die Fähigkeit entdeckte, Luft mit dem Anus ebenso mühelos einzusaugen und auszublasen, wie mit Nase oder Mund. Er ging nach Paris und stieg ins Showgeschäft ein. Er war in der Lage, verschiedene Geräusche zu imitieren und Kerzen auszublasen. Als Höhepunkt seines Programms spielte er auf einer Querflöte die Marseillaise. Seine Vorstellungen im Moulin Rouge waren jeden Abend ausverkauft, Pujol der höchstbezahlte Artist seiner Zeit.

Non olet

Der größte deutsche Furzologe hieß Josef Feinhals. Er lebte von 1867 bis 1947 in Köln, wo er eine Zigarren-Importfirma betrieb. Er war sehr wohlhabend, ein Freund Hermann Hesses und Förderer der Künste. Nebenbei war er unter dem Pseudonym Collofino als Schriftsteller tätig. Sein Hauptwerk "Non olet",  zu Deutsch "Es stinkt nicht", erschien 1939 als Privatdruck. In diesem Werk, es umfasst 1100 Seiten, steht alles, was der Famulus über Gestank und Fürze erfahren kann.

Der Autor Michael Schulte Michael Schulte, geboren 1941 in München, studierte Germanistik und Philosophie in Göttingen und Frankfurt. Seit 1968 arbeitet er als freier Schriftsteller. Er veröffentlichte in den Bereichen Belletristik und Sachbuch, u.a. gab er den Nachlass von Karl Valentin heraus. Von 1982-87, sowie von 1993-97 lebte er in den USA, dazwischen in Berlin und Hamburg. Für den Rundfunk schrieb er biographische Features und Hörspiele, beim MDR enstanden der Radioessay "Komik ist eine Übertreibung der Wahrheit - Stan Laurel" (2015) und das Feature "Taschendiebe" (2016). Michael Schulte lebt heute in Schleswig-Holstein.

Angaben zur Sendung MDR KULTUR - Feature
"Und tönen wie Gewitter"
Kleine Furzologie
Von Michael Schulte

Sprecher: Ilja Richterm, Chris Pichler, Tilmar Kuhn

Regie: Wolfgang Rindfleisch
Redaktion: Katrin Wenzel
Produktion: MDR 2012

Sendung: 03.11.2018 | 09:05-09:35 Uhr

Das Feature steht nach der Ausstrahlung hier ein Jahr lang zum Hören bereit.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Feature: "Und tönen wie Gewitter" | 03. November 2018 | 09:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 03. November 2018, 12:12 Uhr