Die Sonne scheint durch ein Blätterdach
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Dokumentation Wie begleitet man einen Freund beim Sterben?

Die Diagnose "unheilbar krank" ist meist ein großer Schock für Betroffene und Angehörige. Wie lebt man mit der Gewissheit, bald sterben zu müssen oder einen geliebten Menschen zu verlieren? Wie verbringt man die verbleibende Zeit, wie bereitet man sich bewusst auf den Tod vor? Autorin Ulrike Lykke Langer hat einen Freund auf diesem Weg begleitet.

Die Sonne scheint durch ein Blätterdach
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Felix ist Ende vierzig, als bei ihm Krebs festgestellt wird. Von Anfang an steht fest: Dieser Krebs ist medizinisch nicht heilbar.

Felix, Wissenschaftler und GfK-Trainer aus Leipzig, gestorben 2018
Felix Bildrechte: privat

In einem Internet-Blog erzählt er ausführlich über sein Leben mit dem Krebs. Er denkt über seinen Tod nach, schreibt von seinen Hoffnungen und Ängsten, von seinem Alltag und blickt auf sein Leben zurück. Und er lädt seine Freunde und Bekannten, seine Familie und Kollegen ein, an seinem Weg teilzuhaben.

Autorin Ulrike Lykke Langer braucht Zeit, bis sie den Mut findet, diese Einladung anzunehmen. Doch dann wagt sie den Schritt und begleitet Felix, führt Gespräche mit ihm und seiner Familie.

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Nach der Diagnose

Felix steht mitten im Leben, als ihn die Krankheit trifft. Er arbeitet als Wissenschaftler in der Nachhaltigkeitsforschung am Leipziger Umweltforschungszentrum und als Trainer für Gewaltfreie Kommunikation. Er hat zu diesem Zeitpunkt vier Kinder, die drei Älteren, Emylou, Gabriel und Merlin, mit seiner ersten Frau Hélène, mit seiner Freundin Lili, die gerade im 8. Monat schwanger ist, die dreijährige Noemi. Die Patchwork-Familie steht sich sehr nah. Am Tag nach der Diagnose heiraten Lili und Felix. Der Termin auf  dem Standesamt stand schon lange fest. Felix erinnert sich:

Es war ein wunderschöner Tag. […] Und es war so schön, weil alles da war. Der Tod war da. Und das Leben war da. Ich meine, wie soll mehr Leben da sein, als mit einer hochschwangeren Frau. Es war Trauer und Abschied da. Es war Freude und Spiel da, Liebe. Es war alles da.

Felix
Felix (48) mit seinem Sohn Jurek
Felix mit seinem Sohn Jurek Bildrechte: privat

Eine Woche nach der Hochzeit wird Felix wegen der dringenden Gefahr einer Querschnittslähmung an der Wirbelsäule operiert. Er hat sich, nachdem er auch andere Wege der Heilung in Betracht gezogen hat, dafür entschieden, das schulmedizinische "Gesamtpaket" aus Operation, Chemotherapie und Bestrahlung auf sich zu nehmen. Ausschlaggebend ist für ihn letztlich die Bitte seiner schwangeren Frau, dass er dann ihr zweites gemeinsames Kind im Arm halten könnte. Einen Monat nach der Operation wird sein Sohn Jurek geboren.

Besuche bei Felix

Seit März 2018 geht Ulrike Lykke Langer regelmäßig zu Felix. Die Begegnungen mit dem kranken Freund werfen bei ihr viele Fragen auf. Wie geht man mit einem schwerkranken Menschen um? Was tut ihm gut? Welche Fragen darf man ihm stellen? Im Laufe der Zeit stellt sie fest, dass es für sie besser ist, ihn aus der Nähe zu begleiten: "Abstand produziert Unsicherheit und innere Distanz. Das direkte Miterleben ist zwar schmerzhaft, fühlt sich aber viel lebendiger an."

Bei einem ihrer Besuche bemerkt Langer, dass Felix schmaler geworden ist und zerbrechlicher wirkt als sonst. Er erzählt, dass er nun immer mehr mit seiner Unfähigkeit konfrontiert wird, etwas zu tun. Seine linke Hand fühle sich taub an, zunehmend fallen ihm Dinge aus der Hand. Auch die rechte Hand bereitet ihm Probleme. Die letzten zwei Wochen war er viel in Krankenhäusern, seine Schmerztherapie wurde neu eingestellt. Er bekommt nun Morphium-Pflaster, die seine Schmerzen stark lindern.

Ich habe mich erstaunlich schnell daran gewöhnt, Felix in seinem schwerkranken körperlichen Zustand zu sehen. Ich versuche, so normal wie möglich damit umzugehen, obwohl es mir manchmal das Herz zerreißt.

Ulrike Lykke Langer

Auseinandersetzen mit dem Krebs

Der Krebs ist für Felix nicht nur eine körperliche Erkrankung, er versucht ihn auf vielen Wegen zu ergründen. Er besucht Meditationen und ein Qigong-Seminar speziell für Krebsbetroffene, fühlt sich von vielen alternativen Heilmethoden angezogen, trifft einen tibetischen Lama, liest Texte und Bücher und schaut Vorträge im Internet.

[...] noch nie zuvor habe ich erlebt, dass sich jemand so ganzheitlich mit seiner Krankheit auseinandersetzt. Trotzdem ist es ein ständiges Auf und Ab: Hoffen, Bangen, kleine Erfolge. Hoffen, Bangen, Enttäuschung und dann trotzdem wieder neue Hoffnung schöpfen.

Ulrike Lykke Langer

Nach einem Gespräch mit dem Onkologen Anfang April schreibt Felix in seinem Blog: "Alles fühlt sich nach meinem baldigen Ende an." Nach einer erneuten Strahlentherapie wird er auf einmal zum Pflegefall. Er kann nicht mehr selber aufstehen, sich nicht mehr anziehen, waschen, laufen. Ein Zustand, den er nur schwer annehmen kann, erzählt seine Frau Lili. Noch einmal besucht sie ihn im Krankenhaus, zusammen verbringen sie einen schönen Nachmittag. Am nächsten Morgen erhält sie einen Anruf.

Als es geklingelt hat, habe ich gehofft, dass es das Krankenhaus ist, das mir irgendwas über den Gesundheitszustand sagt. Also, nicht dass er tot ist. … Aber als der Arzt dran war, da war mir irgendwie ganz klar, dass das jetzt die Nachricht über den Tod ist. Und ja, irgendwie ist da so für mich die Zeit stehen geblieben und die Welt.

Lili, Felix‘ Frau

Lili holt Felix‘ toten Körper vom Krankenhaus nach Hause. Hier nimmt zunächst die Familie Abschied. Für den nächsten Tag sind Freunde und Bekannte eingeladen. Auch Ulrike Lykke Langer geht an diesem Tag noch einmal zu der Wohnung, in der sie ihren Freund in den vergangenen Wochen regelmäßig besucht hat. Sie bleibt eine halbe Stunde bei Felix, der in seinem mit Blumen und Kerzen geschmückten Zimmer liegt. Sie schaut sich Fotoalben an, versucht seinen Körper zu studieren.

Die blass-gelbe, kühle Haut, der friedliche Gesichtsausdruck. Auch ich sehe so deutlich, dass die Seele schon weiter gezogen ist und dass wir hier nur noch die Hülle vor uns haben. Das ist also der Tod, denke ich.

Ulrike Lykke Langer

Weit über hundert Menschen nehmen Abschied, als Felix Ende Mai auf einem kleinen Friedhof im Süden von Leipzig beerdigt wird.

Über die Autorin

Autorin und Regisseurin Ulrike Lykke Langer
Ulrike Lykke Langer Bildrechte: Martin Jehnichen

Ulrike Lykke Langer wurde 1973 in Leipzig geboren und hat hier Theaterwissenschaft und Journalistik studiert. Sie hat seit Mitte der 90er-Jahre als Regisseurin und Produzentin in der Leipziger Theaterszene gearbeitet sowie bei Tanz- und Theaterfestivals.

Seit 2008 ist sie freie Autorin und Regisseurin für den Hörfunk des Mitteldeutschen Rundfunks und andere Rundfunkanstalten.

Angaben zur Sendung MDR KULTUR - Feature
"Lass uns übers Sterben reden"
Von Ulrike Lykke Langer

Sprecher: Anja Schneider, Vincent Redetzki, Beatrix Hermens
Regie: Nikolai von Koslowski
Redaktion: Kathrin Aehnlich
Produktion: MDR 2019 (Ursendung)

Sendung: 27.02.2019 | 22:00-23:00 Uhr

Die Sendung steht nach der Ausstrahlung hier ein Jahr lang zum Hören bereit.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Feature: "Lass uns übers Sterben" | 27. Februar 2019 | 22:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 27. Februar 2019, 08:25 Uhr

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