Model trägt Tasche
Eine Tasche von deepmello Bildrechte: Deepmello

Innovatives Modelabel aus Bernburg Nachhaltige Ledermode dank Rhabarber

Leder wird meist mit einer Chemikalie gegerbt. Doch die kann sich unter ungünstigen Einflüssen in einen hochgiftigen Stoff verwandeln - auch noch in fertiger Kleidung. Das Modelabel "deepmello" aus Bernburg im Salzlandkreis gerbt sein Leder deshalb mit Rhabarber - und öffnet Ende Januar sein erstes Geschäft in Leipzig.

von Laura-Nadin Naue

Model trägt Tasche
Eine Tasche von deepmello Bildrechte: Deepmello

Es riecht fruchtig, ein wenig süß. Weich fühlt es sich an. Anne-Christin Bansleben streicht über ein Lederkleid, das in Korallrot leuchtet. Wie ein Schal schlingt sich ein Streifen in hellem Beige um das Kleid. Ein rothaariges Model probiert es an. "Passt perfekt", sagt die Geschäftsführerin von "deepmello". Das Model dreht sich vor dem Spiegel in dem Kleid, das im Handel rund 800 Euro kostet.

Man sieht es dem Kleid nicht an, doch in ihm stecken sowohl Wissenschaft als auch eine nachhaltige Produktion: Die Haut für sein Leder wurde mit Rhabarber gegerbt. Das Stangengemüse schmeckt nicht nur als Kuchen, Schorle oder Kompott, sondern enthält in der Wurzel auch Gerbstoffe.

Anne-Christin Bansleben
Anne-Christin Bansleben, Geschäftsführerin von "deepmello" Bildrechte: Andreas Troitsch

"Rhabarber ist sehr effektiv in seinen Gerbeigenschaften. Und das Tolle ist, dass der Extrakt besonders weiche Nappaleder macht. Gerade, wenn die Leder frisch produziert sind, dann riecht man, dass das einen besonderen Duft hat. Nicht dieses beißende, was man eigentlich von Leder kennt, sondern so ein süßlicher, zarter Duft."
Anne-Christin Bansleben, "deepmello"

Flüsse voller Schlamm und Plastikabfälle

Weltweit werden 85 Prozent des Leders mit Chrom III gegerbt, zumeist in Ostasien oder Südamerika. Thomas Strebost, erster Vorsitzender vom Verband der deutschen Lederindustrie und selbst "Chromgerber", hat vor einigen Jahren Gerbereien in Südamerika besucht:

"Ich habe Flüsse gesehen, das heißt, da sollten Flüsse sein. Aber das war nur Schlamm und obendrauf haufenweise Plastikabfälle. Da waren die Gerbereien nicht ganz unschuldig, die da eingeleitet haben, ich habe Kläranlagen, die offiziell da waren, aber tatsächlich noch seit fünf Jahren im Bau sind."
Thomas Strebst, Vorsitzender vom Verband der deutschen Lederindustrie

Dokumentarfilme zeigen, wie Arbeiter barfuß durch Gruben waten, die voller Gerberei- Rückstände sind. In diesen Lachen passiert es immer wieder, dass sich Chrom III in hochgiftiges Chrom VI umwandelt. Die Folge sind allergische Hautekzeme, zudem steht Chrom VI im Verdacht, Krebs zu erregen. Auf 31 von 51 Übersichten der europäischen Schnellwarnliste "RAPEX" stand im vergangenen Jahr mindestens ein Produkt aus Leder. Darunter auch eine Lederjacke und Lederhandschuhe von Esprit, sowie eine Tasche von Fossil. All diese Kleidungsstücke waren mit zu viel Chrom VI belastet, die Händler mussten sie zurückrufen. Darunter selbst Babyschuhe.

Sicherheit von Leder auch in Europa nicht garantiert

Für das Leder, das in Europa hergestellt wird, gelten hingegen strenge Schutzauflagen. Aber vollständige Sicherheit ist auch hier nicht garantiert. Noch in der Kleidung könne sich das Chrom umwandeln, sagt Bansleben:

"Wenn so ein Paar Schuhe im Schaufenster steht, da sind zum einen die Scheinwerfer drauf, um das schön auszuleuchten. Man hat Hitze, weil so ein Geschäft im Winter auch schön geheizt ist. Und dann kommt dazu: Wenn es zum Beispiel ein Ballerinaschuh ist, den trägt man ja gerne barfuß und dann kommt noch Schweiß und Feuchtigkeit dazu. Und dann ist dieser Prozess einmal im Laufen und kann auch nicht mehr gestoppt werden."
Anne-Christin Bansleben, "deepmello"

Bei dem Rhabarberleder kann das nicht passieren. Bansleben setzt mit ihrem Modelabel einen Impuls für nachhaltige Mode. Von der Tierhaltung bis zur Gerbung – alle Schritte zur Herstellung des Leders finden ausschließlich in Deutschland statt. Für ihre Taschen und Kleider muss Bansleben allerdings einen Preis ansetzen, der im Vergleich zu der billigen Ware aus Ostasien oder Südamerika hoch ist.

"Wir verarbeiten sehr hochwertig und sind im Design auch sehr gradlinig und straight, also wenig schnörkelig oder sagen wir mal, zu saisonabhängig. So dass wenn sich jemand bei uns eine schwarze Tasche kauft, die natürlich nicht in der nächsten Saison out ist, sondern die man da auch immer noch tragen kann."
Anne-Christin Bansleben, "deepmello"

Von der Wissenschaftlerin zur Mode-Designerin

Bio ist modern. Ob Biomilch, Biokaffee oder Biofleisch – längst greifen Kunden im Supermarkt zu der nachhaltigen Alternative und sind bereit, dafür mehr Geld auszugeben. Nachhaltige Mode hingegen kommt erst allmählich aus der Müsli-Nische. Noch kennen sich die Hersteller untereinander. Doch auf der Fashion Week Berlin wächst der Bereich der "Grünen Mode": Während im Juli 2014 124 Designer ihre Ware zeigten, sind es zur Messe im Januar 2018 170 internationale Labels.

Seit 2011 zeigt hier auch Anne-Christin Bansleben ihre Kollektion. Für sie steht das Design an erster Stelle, nicht der Öko-Aspekt. Und das, obwohl sie zufällig zur Mode fand: Die 39-Jährige ist eigentlich Wissenschaftlerin, eine promovierte Ökotrophologin. Sie forschte mit Rhabarber. Dabei bemerkte sie das Potential der Pflanze.

"Unser Ziel war eigentlich ein rein wissenschaftlicher Anspruch ganz am Anfang. Und dann ist es ganz oft so, es gibt diese ersten Ergebnisse, die sind eigentlich sehr vielversprechend, dann muss es aber jemanden geben, der sich dann des Ganzen annimmt und sagt, okay, das sollte man vielleicht dann auch in die Wirtschaft überführen. Wenn man dann kein passendes Unternehmen hat – und nicht jeder Wissenschaftler sagt, okay, das mache ich dann selber – dann bleibt das in Schubladen und man erfährt da nie wieder von."
Anne-Christin Bansleben, "deepmello"

Bald ein Geschäft in Leipzig

Ende Januar eröffnet Anne-Christin Bansleben ihr erstes Geschäft an der Karl-Heine-Straße in Leipzig. Aufregend sei das. Bislang wüssten viele Menschen nicht, wie und wo Leder hergestellt werde. Bansleben trägt ein Stück weit dazu bei, dass sich hier etwas ändert.

Über die Feature-Autorin

Laura-Nadin Naue, geboren 1988 in Bückeburg, arbeitet als Autorin für MDR KULTUR, Bremen Zwei und NDR Info. Ihr Volontariat hat sie an der Deutschen Journalistenschule absolviert. Während ihrer Bewerbungsreportage lernte sie auf der Grünen Woche Anne-Christin Bansleben kennen – und war beeindruckt von deren unerschütterlichem Mut. Für das Feature "Rhabarberleder" begleitete sie die Geschäftsführerin erneut über mehrere Monate.

Angaben zur Sendung MDR KULTUR - Feature
"Rhabarberleder"
Feature von Laura-Nadin Naue

Sprecherin: Sophie Lutz

Regie: Ulrike Lykke Langer
Redaktion: Kathrin Aehnlich
Produktion: MDR 2018 (Ursendung)

Sendung: 20.01.2017 | 09:05-09:35 Uhr

Das Feature steht nach der Ausstrahlung hier 365 Tage zum Hören und zum Download bereit.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Feature | 20. Januar 2018 | 09:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 20. Januar 2018, 00:00 Uhr