Feature Die letzten Zeugnisse von Auschwitz

In Auschwitz haben die Deutschen über eine Million Menschen ermordet. Nur noch wenige Überlebende können selbst von den Schrecken des Vernichtungslagers berichten. Geblieben sind die Habseligkeiten der Opfer. Koffer, Schuhe, Kleidungsstücke. Konservatoren schützen sie vor dem Verfall. Was können diese stummen Beweise des Holocaust uns heute erzählen? Feature-Autorin Maria Ossowski ist dieser Frage nachgegangen.

Konzentrationslager Auschwitz
Gedenkstätte des ehemaligen Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau Bildrechte: colourbox

Rote Ziegelsteine außen, ausgetretene Stufen innen, alles liegt im Halbdunkel, und wohin das Auge reicht: Holzpritschen eng übereinander gestapelt. Ein Block im ehemaligen Konzentrationslager Auschwitz. Was ist übrig geblieben von den schrecklichsten Verbrechen der Menschheitsgeschichte?

Die Gedenkstätte in Auschwitz mit Toraufschrift ARBEIT MACHT FREI 29 min
Bildrechte: MDR/Alicja Malinowski

MDR KULTUR - Das Radio Sa 11.05.2019 09:05Uhr 29:29 min

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Audio

In den Asservatenblocks liegen hinter großen Glasschaufenstern Tausende von Brillen, Schuhen, Kinderkleidchen, Taschen, Koffern und Zyklon B-Dosen, Beweise eines Massenmordes, dessen Spuren die Täter restlos verwischen wollten. Hunderttausende Gegenstände lies die SS bei ihrer Flucht 1945 zurück, Kleidung, Bruchbänder, Prothesen und anderen Habseligkeiten. Sie lagerten in einem Barackenabschnitt von Birkenau namens "Kanada".

Heute bewahrt Christin Rosse zusammen mit 17 weiteren Restauratoren und Konservatoren die gefundenen Gegenstände auf und schützt sie vor dem Verfall.

Dieses Jahr konservieren wir 30 Prothesen und Korsagen. In der Sammlungsabteilung haben wir davon 470 Stück, weil die Objekte, die wir bearbeiten, die es in der Sammlungsabteilung gibt, die es im Archiv gibt, das sind Mengen.

Christin Rosse, Restauratorin in der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau
Foto eines Kinderschuhs aus der Sammlung der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau.  Bildunterschrift: einer der kleinsten Schuhe in der Ausstellung
Foto eines Kinderschuhs in der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau Bildrechte: RBB/Maria Ossowski

110.000 Paar Schuhe, etwa 4.000 Koffer und 12.000 Emaillewaren sind Teil der Sammlung in der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau. Christin Rosse erzählt von gestrickten Babyschuhen und von Briefen, deren Fragmente sie zusammengefügt hat. Löchrige Löffel, sogar abgenutzte Zahnbürsten erhalten die Konservatoren so, wie sie gefunden wurden. Jedes Stück legt Zeugnis ab, erzählt eine eigene Geschichte.

Der Koffer von Wilma Bass

Auf dem Werktisch von Christin Rosse liegt ein alter Koffer, der schon mehrfach konserviert wurde. Behutsam entfernt die Restauratorin den Lack, der das Leder und die Pappe über die kommenden Jahre hinweg zerfressen würde.

Koffer von Wilma Bass in der Konservatorischen Werkstatt in der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau.
Koffer von Wilma Bass in der Konservatorischen Werkstatt der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau. Bildrechte: RBB/Maria Ossowski

Das Gepäckstück gehörte Wilma Bass, geboren in Prag, 1944 nach Auschwitz deportiert. Es ist das Einzige was von ihr geblieben ist, außer einem Foto. In Erinnerung an Wilma Bass und die anderen Ermordeten soll der Koffer erhalten bleiben. Aber braucht es diese Mühe? Ist ein vielfach konservierter Koffer noch authentisch?

Der italienische Chemiker Primo Levi (1919-1987), einer der wenigen Überlebenden des KZ Auschwitz III Monowitz, schreibt in seinem autobiografischen Bericht "Ist das ein Mensch?":

Man hat uns die Kleidung, die Schuhe und selbst die Haare genommen; werden wir reden, so wird man uns nicht anhören, und wird man uns auch anhören, so wird man uns nicht verstehen. Auch den Namen wird man uns nehmen; wollen wir ihn bewahren, so müssen wir in uns selber die Kraft dazu finden, müssen dafür Sorge tragen, dass über den Namen hinaus etwas von uns verbleibe, von dem, wie wir einmal gewesen.

Primo Levi Ist das ein Mensch?

Die Zeitzeugin Batsheva Dagan

Die 93-jährige Batsheva Dagan gehört zu den wenigen noch lebenden Zeitzeugen, die von Auschwitz berichten können. Die Psychologin und Pädagogin, die heute in Tel Aviv lebt, hat Pionierarbeit darin geleistet, Kindern und Jugendlichen den Holocaust zu erklären. Ihre Bücher sind in viele Sprachen übersetzt. Ihr Kinderbuch "Chika, die Hündin im Ghetto" wurde für das deutsche Fernsehen verfilmt.

Batsheva Dagan, geborene Isabella Rubinstajn aus Lodz, kam im Mai 1943 nach Auschwitz, ihre Eltern waren bereits tot. Eine Cousine, die ebenfalls interniert war, brachte Isabella in der Kanadabaracke unter. Sie musste Säume und Schulterpolster auftrennen, um zu schauen, ob Schmuck versteckt war.  

Am Anfang, als ich ein Stück in meiner Hand gehalten habe, war ich sehr traurig und ich habe gedacht: wer hat das getragen? Von wo kommt die Frau?

Batsheva Dagan, Holocaust-Überlebende

Die Arbeit in der Sortierstation rettete Isabella das Leben, denn hier gab es genug zu essen. Würste, Biskuite, sogar Marmelade, alles, was von den Häftlingen konfisziert wurde. Trotzdem wog sie nur 47 Kilo, als sie das Lager verlies.

Batsheva Dagan fühlt sich als Zeugin verpflichtet, zu erzählen, was sie erlebt hat. Aber sie spürt auch, dass die Erinnerungen an ihrer Kraft zehren.

Mein Sohn sagt: Gott hat mich behalten und behütet, ich soll der Welt erzählen. Und das mache ich, aber ich muss ihnen sagen, ich bin zu einem Punkt gekommen, dass ich schweigen muss. Ich habe so viel erzählt, aber ich muss atmen, ich muss in den Himmel sehen, die Bäume, ja, die Natur …

Batsheva Dagan, Holocaust-Überlebende

Spuren zu den Toten

Auschwitz ist die meistbesuchte Gedenkstätte Polens. Zwei bis drei Millionen Menschen kommen jedes Jahr. Vor dem Haupttor mit dem schmiedeeiseren Schriftzug "Arbeit macht frei" posieren Touristen für Selfies. Vor den Baracken mit dem Hab und Gut der Opfer bilden sich täglich lange Warteschlangen. Aber wie nehmen die Besucher diesen Ort wahr?

Es gibt heute nichts in Auschwitz, das nicht konserviert wäre. Kein Balken, keine Baracke, keine Latrine, selbst die Treppen zu den Gaskammern. Die Authentizität kommt in der Gedenkstätte an ihre Grenzen. Wie echt können ein alter Koffer, ein zertretener Schuh, ein verblichenes Kinderkleid noch sein? Anderseits sind diese letzten Dinge die einzigen Spuren zu den Toten. Und manchmal führen sie auch zu einem Namen.

Autorin Maria Ossowski (links) mit der Restaurateurin Christin Rosse in der Konservatorischen Werkstatt der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau.
Feature-Autorin Maria Ossowski (links) mit der Restaurateurin Christin Rosse in der Konservatorischen Werkstatt der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau. Bildrechte: RBB/Maria Ossowski

Über die Feature-Autorin Maria Ossowski Maria Ossowski, gebürtige Berlinerin, studierte Literaturwissenschaften und Geschichte an der Freien Universität Berlin. Fast 20 Jahre arbeitete sie für verschiedene Radio- und Fernsehredaktionen des Süddeutschen Rundfunks (SDR) und des Südwestrundfunks (SWR). 2003 wechselte Maria Ossowski in die Programmleitung des Schweizer Kultursenders DRS 2. Ab 2009 leitete sie die Hauptabteilung Kultur im rbb. Seit 2013 ist sie ARD-Kulturkorrespondentin in der Hauptstadt-Region.

Angaben zur Sendung MDR KULTUR - Feature
"Erinnern, aber wie? - Die letzten Zeugnisse von Auschwitz"
Feature von Maria Ossowski

Sprecher : Maria Ossowski, Michael Rotschopf, Tatja Seibt, Axel Wandtke, Sascha Nathan
Regie: Thomas Wolfertz
Produktion: RBB 2019 - Ursendung

Sendung: 11.05.2019 |09:05-09:35 Uhr

Die Sendung steht nach der Ausstrahlung hier ein Jahr lang zum Hören bereit.

Auch interessant

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Feature: "Erinnern, aber wie? - Die letzten Zeugnisse von Auschwitz" | 11. Mai 2019 | 09:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 11. Mai 2019, 04:00 Uhr

Meistgelesen bei MDR KULTUR

Abonnieren