Europa Pulse of Europe - schlägt er noch?

Vor gut einem Jahr gelang es der Bewegung "Pulse of Europe" Bürger in ganz Europa zu mobilisieren, für den Erhalt eines vereinten Europas auf die Straße zu gehen. Ein Jahr später fragen einige Journalistinnen nach: wie und wo schlägt der Puls von Europa?

Bislang gehörte der öffentliche Raum den Rechtspopulisten. Überall in Europa marschierten sie auf und verkündeten das Ende der Europäischen Union. Doch es entwickelt sich auch Gegenwehr. Ende 2016 entstand die pro-europäische Bewegung "Pulse of Europe". Auf Kundgebungen versammelten sich jeden Sonntag tausende von Menschen in vielen europäischen Städten, um ein Zeichen zu setzen: für eine vereintes Europa und gegen nationalistische Strömungen.

Ins Leben gerufen wurde die Initiative von dem Frankfurter Rechtsanwalt Daniel Röder und seiner Frau Sabine als direkte Reaktion auf den Brexit und die Wahl Donald Trumps. Inzwischen gibt es Ableger in vielen deutschen und europäischen Städten.

Aber was ist "Pulse of Europe"? Beim Berliner Team ist man um eine Antwort nicht verlegen. Man sei eine Initiative, ein Netzwerk und auch eine Art außerparlamentarische Opposition. Aber keine Partei und auch kein politischer Think Tank.

Der programmatische Schwerpunkt der überparteilichen Bürgerbewegung liegt auf dem Erhalt der Europäischen Union. Dazu gehört es auch, Defizite zu benennen und das Misstrauen der Bürgerinnen und Bürger ernst zu nehmen.

Zeichen setzen für die Zukunft Europas wollen die Teilnehmer einer Kundgebung mit dem Motto Pulse of Europe in Freiburg am 19.3.2017. 28 min
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2017 hat die Bewegung "Pulse of Europe" tausende Bürger mobilisiert, um für ein vereintes Europas zu demonstrieren. Ein Jahr später haken einige Journalistinnen nach: wie und wo schlägt der Puls von Europa?

MDR KULTUR - Das Radio Sa 14.04.2018 09:05Uhr 28:18 min

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Bürokratie-Monster EU

Vielen erscheint die Europäische Union als undurchschaubare Maschinerie, die mit Überregulierungen immer wieder für Befremden sorgt. Die Kulturarbeiterin Tatjana Festenko, Leiterin eines Bildungs- und Jugendhilfevereins, hat mit der Bürokratie in Brüssel ihre eigenen Erfahrungen gemacht. Ihre Projekte werden zu einem Großteil aus europäischen Mitteln finanziert. Zum Glück hat sie Mitarbeiter, die sich mit der schwierigen Beantragung auskennen. Aber es kam schon vor, dass ein bereits abgeschlossenes Projekt nach einem Jahr von Brüssel noch einmal geprüft wurde. Man wolle prüfen, ob Bonn auch richtig geprüft hätte.

Es waren wirklich zehn Menschen, die sich gegenseitig prüften und es ging tatsächlich um Reisekostenabrechnungen in Höhe von 34,33 Euro.

Tatjana Festenko, Leiterin eines Bildungs- und Jugendhilfevereins

"Changing Europe!" beim Prix Europa

Wie europäische Zusammenarbeit gut funktioniert, das kann man beim Prix Europa erleben, dem größten europäischen Festival für Fernseh-, Hörfunk- und Online-Produktionen. Peter Leonard Braun, der den Wettbewerb 1987 ins Leben gerufen hat, war der direkte und ehrliche Austausch der Programmacher aus den verschiedenen Ländern von Anfang an wichtig. "Changing Europe!" heißt das Motto beim Prix Europa seit zwei Jahren. Festivaldirektorin Susanne Hoffmann sieht es als Aufforderung an die Medienmacher, die Veränderungen in Europa bewusst mitzugestalten.

Nichts ist heute nur noch für einen Bezirk, für eine Stadt, alles reicht weiter, überall erreiche ich auch Menschen aus anderen Teilen Europas.

Susanne Hoffmann, Festivaldirektorin Prix Europa

Der Prix Europa schafft europäische Öffentlichkeit und setzt sich ein, wofür das Europäische Parlament und die Europäische Kommission stehen. Eine europäische Förderung bekommt er allerdings nicht. Ein trimediales Ereignis ist in den Förderprogrammen nicht vorgesehen.

"Erlebnis Europe"

Wie europäische Politik gestaltet wird, können Besucher in der interaktiven Dauerausstellung "Erlebnis Europa" erfahren, die seit Mai 2016 am Brandenburger Tor zu sehen ist.

An zahlreichen Medientischen können sie sich über die Europäische Union informieren, im 360° Kino haben sie die Möglichkeit virtuell an einer Plenarsitzung des Europäischen Parlaments teilzunehmen. Susanne Bade, die fürs Europäische Parlament arbeitet, findet das viel interessanter, als einfach nur eine Broschüre zu lesen. Die Besucherzahlen geben ihr Recht. Mehr als 220.000 Menschen haben die Ausstellung schon gesehen.

Auf die Frage, ob es Europa überhaupt noch gibt, antworten die Besucher allerdings recht verhalten. Man bedaure das Auseinanderdriften, es verändere sich, allerdings zum Schlechten hin, so ihre Äußerungen.

Ein ganz großes Stück Freiheit

Da hat "Pulse of Europe" noch Einiges zu tun, um mehr Menschen für die Europäische Idee zu begeistern. Eine Deutsch-Polin, die sich bei der Bewegung engagiert, erzählt, dass Europa für sie Teil ihrer Identität sei. Eine junge Frau, die mit ihrer Familie während des Krieges aus Jugoslawien nach Deutschland kam, sieht es als ihre Pflicht, Europa nun etwas zurückzugeben. Eine Unterstützerin von "Pulse of Europe", die schon 1952 als Siebenjährige die Europäische Schule in Luxemburg besuchte, begründet ihr Engagement bei der pro-europäischen Bürgerbewegung so:

Mir ist bewusst, wenn man Europa als eine Vereinigung nicht erhält, wenn die jetzt anfangen sich gegeneinander abzugrenzen, dass dann auf der Welt ein ganz großes Stück Freiheit, Sicherheit und Frieden wegfällt. Das hält mich. … Ich will das Europa bleibt.

Mitglied von "Pulse of Europe"- Berlin

Angaben zur Sendung MDR KULTUR - Feature
"Pulse of Europe"
Schlägt er noch? – Eine Nahaufnahme

Von Michael Hölzen, Jonas Kühlberg, Alice Lanzke, Nick-Julian Lehmann, Alke Lorenzen und Barbara Schneider

Regie: Wolfgang Bauernfeind und die Autorinnen
Produktion:: ARD.ZDF Medienakademie/rbb 2018

Sendung: 14.04.2018 | 09:05-09:35 Uhr

Das Feature steht nach der Ausstrahlung hier 365 Tage zum Hören bereit.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Feature: "Pulse of Europe" | 14. April 2018 | 09:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 10. April 2018, 13:27 Uhr