Während der Notoperation entdeckt Dr. Martin Stein ein charakteristisch geformtes Muttermal am Rumpf der gesichtslosen Patientin. Er kennt dieses Mal und realisiert, dass in diesem Augenblick seine ehemalige Liebe Elena Eichhorn auf dem OP-Tisch um ihr Leben kämpft. Dr. Roland Heilmann bemerkt Martins innere Unruhe und fordert ihn auf, den OP-Saal zu verlassen
"In aller Freundschaft" ist eine der erfolgreichsten Serien im deutschen Fernsehen. Bildrechte: MDR/Saxonia/Wernicke

Hypochonder willkommen Die tägliche Dosis Verunsicherung – Arztserien im Fernsehen

Kranksein und Medien ist ein schönes, nie versiegendes Thema. Gesundheitsmagazine und Krankenhausserien gehören zu den Quotenbringern im deutschen Fernsehen. Doch welche Risiken und Nebenwirkungen haben solche Sendungen? Ein Feature von Rainer Link.

Während der Notoperation entdeckt Dr. Martin Stein ein charakteristisch geformtes Muttermal am Rumpf der gesichtslosen Patientin. Er kennt dieses Mal und realisiert, dass in diesem Augenblick seine ehemalige Liebe Elena Eichhorn auf dem OP-Tisch um ihr Leben kämpft. Dr. Roland Heilmann bemerkt Martins innere Unruhe und fordert ihn auf, den OP-Saal zu verlassen
"In aller Freundschaft" ist eine der erfolgreichsten Serien im deutschen Fernsehen. Bildrechte: MDR/Saxonia/Wernicke

"Krankheit hat einen hohen Unterhaltungsfaktor. Und gleichzeitig gibt es eine bestimmte Überbeschäftigung mit dem menschlichen Körper.", sagt der der Arzt und Kabarettist Eckart von Hirschhausen.

Hypochonder sind davon überzeugt, dass ihre Gesundheit am seidenen Faden hängt. Der moderne Mehrfachkranke weiß stets mehr als sein Hausarzt und führt einen umfassenden Dialog über Therapien und Leiden. Und wenn er mit dem Hausarzt fertig ist, beginnt die Tour durch die Facharztpraxen.

Hypochondrisch veranlagte Menschen sind so überzeugt davon, dass sie etwas wahnsinnig Kompliziertes haben, dass der Arzt, der sagt: Sie haben nichts, dazu beträgt. Das ist so kompliziert, dass noch nicht mal zehn Ärzte reichen, um das aufzudecken.

Dr. Eckart von Hirschhausen, Arzt und Kabarettist

Spannend wie ein Krimi

Eine tiefe Bestätigung ihrer Leiden finden Hypochonder in den unzähligen Arztserien und Ratgebersendungen des Fernsehens. In der DDR wurde schon in den frühen 70er-Jahren die Sendung "Visite" produziert. Im ZDF lief seit 1964 das "Gesundheitsmagazin Praxis" mit Moderator Hans Mohl. Am Tag nach der Sendung waren die Praxen voll mit Menschen, die glaubten, die vorgestellten Krankheiten zu haben. Man nannte dieses Phänomen das "Mohlsche Syndrom".

"Für Menschen, die sehr ängstlich sind, ist es natürlich ein Fluch, weil das ihre Angst ja immer wieder füttert." sagt die Allgemeinmedizinerin Doris Fischer Radizi über die Nachwirkungen solcher Sendungen. Zur Steigerung des Krankheits-Bewusstseins gibt es neuerdings Formate wie "Der rätselhafte Patient" und "Abenteuer Diagnose", die auf Symptome von "Autoimmuner Enteropathie" und "Herpes-simplex-Enzephalitis" aufmerksam machen.

Das sei eigentlich wie ein Krimi, meint die Redakteurin Friederike Krumme. Ein Mensch, der schwer erkrankt, wird auf seiner Reise von einem Arzt zum anderen begleitet. Meist bringt ein einzelner Arzt dann die Lösung. Dabei werden nur Geschichten erzählt, die ein Happy End haben.

Auch in Medizinerkreisen ist "Abenteuer Diagnose" eine gern und viel gesehene Sendung. Statt "Wer wird Millionär" werden Krankheiten geraten. Für Hypochonder ist das bitterer Ernst. Und auch die verantwortliche Redakteurin ist nicht frei von Nebenwirkungen ihrer Sendung.

Wenn man sich den ganzen Tag mit exotischen Krankheiten beschäftigt oder überhaupt mit Krankheiten, dann hat man plötzlich alles.

Friederike Krumme, Redakteurin

Halbgötter in Weiß

Arztserien laufen im deutschen Fernsehen schon immer gut, finden ihr Millionenpublikum wie von selbst. Früher war es einmal die Schwarzwaldklinik, heute ist es die Sachsenklink. Fast 900 Folgen der Serie "In aller Freundschaft" sind schon abgedreht und ein Ende ist nicht in Sicht.

Die Dauerzuschauer halten die Darsteller mittlerweile für geniale Mediziner. Im Film brillieren sie in allen möglichen Fachrichtungen. "Krankenhaus-Serien sind realitätsnah, nicht realistisch" sagt Drehbuchautorin Gabi Krieg. Sie hat schon für viele dieser Arzt- und Krankenhausserien Drehbücher verfasst.

Die Charaktere sind meist Standard: in der Hauptrolle ein klassischer Held. Und die Zuschauer erwarten, dass am Ende alles gut ausgeht. Hypochonder werden da skeptisch. Aus ihrer Sicht stehen die Serien unter dem dringenden Verdacht der Beschönigung.

Ernsthafte Gesundheitsängste

Hypochondrie sei im Prinzip ein Zuviel an Selbstfürsorge, sagt Dr. Gernot Langs, Chefarzt der Psychosomatischen Klinik Bad Bramstedt. Zu ihm kommen Menschen mit ernsthaften Gesundheitsängsten. Zur Therapie gehören Psychotherapie und Sport.

Problematisch bei Menschen mit hypochondrischen Störungen ist das sogenannte Rückversicherungsverhalten, wie häufige Selbstuntersuchungen. Dem begegnet man mit Paradoxer Intervention, einer Therapiemethode des österreichischen Psychiaters Viktor Frankl. Man verordnet dem Patienten eine Behandlung, die das Gegenteil von dem fordert, was man eigentlich erreichen will. Wenn jemand häufig zum Arzt geht, verlangt man, er möge noch häufiger zum Arzt gehen: fünf Mal am Tag und zu bestimmten Zeiten. Dann würde dem Patienten die Absurdität bewusst, sagt Dr. Langs.

Aber kann man Hypochonder heilen? Kann man die Betroffenen von ihrer Vorstellung, krank zu sein, befreien? Eine gewisse Disposition wird bleiben, meint Dr. Langs.

Aber die Lebensqualität kann sicherlich steigen und es wird lange Phasen von Angstfreiheit geben.

Dr. Gernot Langs, Chefarzt Psychosomatische Klinik Bad Bramstedt

Hobby-Hypochonder können sich mit der Fernbedienung weiterhin ihre tägliche Dosis Verunsicherung ins Haus holen. Neue Sendungen wie "Die Bewegungs Doc" und "Die ErnährungsDocs" stellen sicher, dass die Angst vor möglichen Beschwerden nicht versiegt.

Über den Feature-Autor Rainer Link Der Journalist Rainer Link lebt in Hamburg und schreibt seit vielen Jahren Radio-Features für die verschiedene Hörfunksender der ARD und Deutschlandfunk.

Beim MDR wurde 2016 sein Feature "Ernstfall Satire" realisiert. Für sein Feature "Sterben mit Dr. Kusch" (DLF) erhielt er 2014 den "Deutschen Sozialpreis".

Angaben zur Sendung MDR KULTUR - Feature
„Hypochonder Willkommen – Arztserien im Fernsehen“
Von Rainer Link

Sprecherin: Chris Pichler
Regie: Volker Insel
Produktion: MDR 2019 (Ursendung)

Sendung: 25.05.2019 |09:05-09:35 Uhr

Die Sendung steht nach der Ausstrahlung hier ein Jahr lang zum Hören und Herunterladen bereit.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Feature: "Hypochonder Willkommen" - Arztserien im Fernsehen | 25. Mai 2019 | 09:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 25. Mai 2019, 04:00 Uhr

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