Überreste der alten Sperranlage an der bulgarisch-türkischen Grenze
Überreste der alten Sperranlage an der bulgarisch-türkischen Grenze Bildrechte: Rayna Breuer

Dokumentation Fluchtweg übers Bruderland

Im Herbst 1988 reist der Ostberliner Hendrik Voigtländer mit einem Schulfreund nach Bulgarien. Über die bulgarische-türkische Grenze wollen die jungen Männer in den Westen fliehen. Wie gefährlich ihr Plan ist, ahnen sie nicht. Dreißig Jahre später ist die Autorin Rayna Breuer den Spuren ihrer versuchten Flucht gefolgt.

Überreste der alten Sperranlage an der bulgarisch-türkischen Grenze
Überreste der alten Sperranlage an der bulgarisch-türkischen Grenze Bildrechte: Rayna Breuer

Es ist Anfang 1988 und keiner ahnt, dass die DDR bald von der politischen Weltkarte verschwinden wird. Hendrik Voigtländer, damals 24 Jahre alt, ist ein Abenteurer, den es in die Ferne zieht. Viele Länder des Ostblocks hat er schon gesehen. Seinen Antrag, nach Kuba zu reisen, hat die FDJ- Kreisleitstelle allerdings abgelehnt. Der Grund: er habe nicht an allen FDJ-Nachmittagen seines Betriebes teilgenommen. Ein Schulfreund fragt ihn, ob er mit ihm nach Bulgarien reisen möchte. Doch das Land am Schwarzen Meer soll nicht Endstation sein.

Dann zeigte er mir: Guck mal Europastraße 9 von Burgas nach Istanbul. Da können wir fliehen und da hab ich zu ihm gesagt: Gib mir 14 Tage Zeit, Dicker. Und ich hab das dann mit mir besprochen. Na ja, da war damals sonst keiner. Das wird schon klappen da unten.

Hendrik Voigtländer

Die beiden ahnen nicht, wie gefährlich ihr Plan ist. In der DDR hält sich hartnäckig das Gerücht, die bulgarisch-türkische Grenze sei leicht zu überwinden. Dabei wird die Anlage von den bulgarischen Grenztruppen rigide überwacht. Bereits Anfang der 50er-Jahre wurden Befehle erlassen, die den Gebrauch der Waffe festschreiben, wenn Personen die Grenze gesetzwidrig überqueren. Konnten die Grenzsoldaten die Flucht nicht verhindert, drohten Sanktionen. Für jeden gefassten Flüchtling gab es Belohnungen: Geld, Armbanduhren und Sonderurlaub.

Der Ostberleiner Hendrik Vorigtländer versuchte am 3. Oktober 1988 über die bulgarisch-türkische Grenze in den Westen zu fliehen 30 min
Bildrechte: Rayna Breuer

MDR KULTUR - Das Radio Sa 10.08.2019 09:05Uhr 29:44 min

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

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In den 70er- und 80er-Jahren intensivierte sich die Zusammenarbeit zwischen dem Ministerium für Staatsicherheit der DDR und der bulgarischen Staatssicherheit. DDR-Bürger unter Fluchtverdacht seien oft tagelang beobachtete wurden, erklärt der Historiker Momchil Metodiev.

Doch es wurde auf den Moment gewartet, wo sie den tatsächlichen Fluchtversuch unternommen haben, um sie auf frischer Tat zu fassen.

Momchil Metodiev, Historiker

Mit Goldkettchen über die Europastraße

Bulgarien
Kurort Sonnenstrand Bildrechte: Verlag Septemvri, Sofia 1982

Zehn Tage verbringen Hendrik und sein Freund einen scheinbar unbeschwerten Urlaub im Kurort Sonnenstrand. Am 3. Oktober 1988 brechen sie um 6:30 Uhr auf. An der Rezeption des Hotels sagen sie, dass sie im Gebirge spazieren gehen wollen. Sie nehmen nichts mit, außer je einer Flasche Wasser. Mit Goldkettchen und schicker Kleidung tarnen sie sich als vermeintliche Westdeutsche. Hendrik Voigtländer hat seinen DDR-Personalausweis in die Unterhose eingenäht.

Die Europastraße, von der Hendrik geträumt hat, sie sei ein vierspuriger Highway, erweist sich als bessere Landstraße. Kein Türke fährt hier vorbei. Als nach drei Stunden aus Richtung Burgas ein Bus der bulgarischen Armee kommt, halten sie ihn an und steigen ein. Nach 20 Kilometern passieren sie ungehindert ein Grenzhäuschen. Hendrik freut sich schon, doch nach wenigen Meter fährt der Busfahrer rechts ran.

Der Grenzer Stoyan hat an jenem 3. Oktober Dienst. Er ist in der kleinen Grenzstadt Malko Tarnovo aufgewachsen und kennt die Umgebung wie seine Westentasche. Mit dem Jeep fährt er die Grenzzone ab. Als er ein Signal bekommt, eilt er zum Einsatz: 13 Kilometer von der Grenze entfernt, in der Nähe des Dorfes Balgari, so der Vermerk in den Akten. Bei Hendriks Freund finden die Grenzer den DDR-Personalausweis.

Mit Säcken über dem Kopf werden die Flüchtlinge nach Burgas ins Gefängnis gefahren. Stoyan, der ehemalige Grenzsoldat, bestätigt das. Man habe denen Säcke über den Kopf gezogen, damit sie sich nicht orientieren konnten. Bei der Konfrontation mit der Vergangenheit fühlt er sich sichtlich unwohl. Auf einem aktuellen Foto erkennt er Hendrik Voigtländer wieder:

Ja, ich kenne ihn. Er hat sich kaum verändert, nur im Gesicht sieht man das Alter. Wie alt ist er jetzt? Er war noch jung, als er es versucht hat.

Stoyan, ehemaliger bulgarischer Grenzsoldat
Hendrik Voigtländer vor dem Mahnmal für die Opfer kommunistischer Gewaltherrschaft im ehemaligen Untersuchungsgefängnis Hohenschönhausen in Berlin
Hendrik Voigtländer vor dem Mahnmal für die Opfer kommunistischer Gewaltherrschaft in der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen Bildrechte: Rayna Breuer

Nach aktuellem Sachstand haben bis 1989 rund 2.000 DDR-Bürger versucht, über Bulgarien in den Westen zu gelangen. 500 Menschen ist der Fluchtversuch tatsächlich gelungen, circa 1.500 wurden gefasst und an die Stasi ausgeliefert. Andere wurden von bulgarischen Grenztruppen erschossen - laut aktuellem Forschungsstand sind mindestens 18 Fälle belegt. Die Dunkelziffer muss aber weitaus höher sein und wird auf 100 Tote geschätzt. Die bulgarischen Grenzer wurden rechtlich nie belangt.

Heute wird die Grenze wieder bewacht, allerdings in umgekehrte Richtung. Mit Stacheldraht und modernster Überwachungstechnik soll unerwünschte Migration an der EU-Außengrenze eingedämmt werden.

Über die Feature-Autorin Rayna Breuer, 1983 in Burgas, Bulgarien geboren, studierte in Deutschland und absolvierte ihr journalistisches Volontariat bei der Deutschen Welle. Seitdem arbeitet sie als freie Journalisten u.a. für die Deutsche Welle, den WDR/Funkhaus Europa, Deutschlandfunk und das Osteuropanetzwerk n-ost. Am liebsten ist sie auf der Suche nach interessanten Geschichten, die den Balkan in all seinen Facetten zeigen. Für MDR Kultur entstand 2017 das Feature "Das Bulgarien, das ich verließ".

Angaben zur Sendung MDR KULTUR - Feature
Fluchtweg übers Bruderland - die bulgarisch-türkische Grenze

Feature von Rayna Breuer
Sprecher: Sigrun Fischer, Matthias Rohrschneider, Ellen Hellwig
Regie: Andreas Meinetsberger
Produktion: MDR 2019 - Ursendung

Sendung: 10.08.2019 | 09:05-09:35 Uhr

Die Sendung steht nach der Ausstrahlung hier ein Jahr lang zum Hören und Herunterladen bereit.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Feature: "Fluchtweg übers Bruderland - die bulgarisch-türkische Grenze" | 10. August 2019 | 09:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 10. August 2019, 04:00 Uhr

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