Frau misshandelt Mann
Auch Männer erfahren in Beziehungen Gewalt. Bildrechte: dpa

Dokumentation "Mann kann doch kein Opfer sein" Häusliche Gewalt gegen Männer: Zwei Opfer erzählen

Auch Männer werden Opfer häuslicher Gewalt. Doch das Thema wird gesellschaftlich noch immer tabuisiert, da es vorherrschenden Rollenbildern widerspricht. Die Landesfachstelle Männerarbeit Sachsen hat 2016 eine Kampagne gestartet, die Betroffene ermutigen soll, sich Hilfe zu suchen. MDR KULTUR-Redakteurin Regine Schneider hat zwei Männer getroffen, die bereit waren, über ihre Erfahrung zu sprechen.

Frau misshandelt Mann
Auch Männer erfahren in Beziehungen Gewalt. Bildrechte: dpa

Sieben Jahre lang hat T. in einer Beziehung mit einer Frau gelebt, die gewalttätig war. Gewalt in allen Formen: verbale, finanzielle, soziale, psychische, körperliche Gewalt. Ob es die falsche Blume ist, ein unpassendes Wort, der schon lang währende Wunsch nach einem modernen Grill – Anlässe gibt es immer. Er hat Stichverletzungen, Kopfverletzungen, blutet, blaue Flecke. Sie sperrt ihn ein, ohne Strom und Wasser. Kein einziges Mal habe er sich gewehrt, erzählt T. heute.

Ich hab ihr eine Blume gekauft auf dem Heimweg, eine Gerbera, die finde ich schön. Sie kommt nach Hause, sieht die Blume, nimmt die Vase schmeißt sie mir an den Kopf und brüllt: Wenn du mich wirklich liebst, hättest Du mir 'ne Blume gekauft, die mir gefällt und keine, die Dir gefällt.

Gewaltopfer T.

Tabuthema: Gewalt gegen Männer

Wenn eine Frau vor der Polizei steht, blaue Flecke zeigt und dazu noch heult, reagieren die Beamten umgehend. Ganz anders, wenn ein Mann kommt und sagt, ich hab von meiner Frau eins rüber gekriegt. Männer als Opfer häuslicher Gewalt – mit dem Thema wird noch immer so umgegangen, als gäbe es das gar nicht.

Aber es gibt Männerschutzwohnungen – Zufluchtsorte für Männer, die im häuslichen Umfeld Gewalt erfahren. Im März 2017 werden je eine in Leipzig und Dresden eröffnet. Sie sind seitdem ständig belegt. In Plauen ist in diesem Jahr eine solche Schutzwohnung für Männer eingerichtet worden – Ergebnis des beharrlichen Engagements eines Mannes, der jahrelang in seiner Paarbeziehung misshandelt wurde, körperlich, psychisch, finanziell und der, als er es endlich schaffte, sich aus dieser Beziehung zu befreien, keinen Zufluchtsort hatte, nur sein Auto, in dem er eine Woche lang gelebt, geschlafen hat.

Offizielle Statistiken, wie viele Männer von häuslicher Gewalt betroffen sind, gibt es nicht. Und sicher ist, dass immer noch viel mehr Frauen als Männer im häuslichen Umfeld geschlagen, verletzt, misshandelt werden. 

Hilfsangebote in Sachsen

Bundesweit gibt es fünf Männerschutzwohnungen, drei davon in Sachsen. Was nicht heißt, dass hier Männer mehr Gewalt von Frauen erfahren als andernorts. Hier wird einfach nur genauer hingeschaut und allen Klischees und Stigmata zum Trotz das Thema öffentlich gemacht. Die wenigsten Männer wissen, dass es auch für sie Beratungsstellen gibt, weil es nicht in Betracht kam, sich beraten zu lassen, weil es nicht ins Rollenbild vom Mann-Sein passt. Noch immer ist das Klischee stark: Männer zeigen nach außen keine Gefühle, Männer sind Manns genug, sich zu wehren. Mann kann doch kein Opfer sein.

Doch die Beratungsstellen, die es in Sachsen gibt, haben Zulauf und hier erfährt man, dass es längst keine Seltenheit ist, dass auch Männer von ihren Frauen geschlagen, gedemütigt, in finanzielle und soziale Abhängigkeit gebracht werden.

In Sachsen gibt es mittlerweile ein gut funktionierendes Männer-Netzwerk, auch auf Landesebene und eine Staatsministerin (Petra Köpping), die die Gleichstellung tatsächlich politisch befördert und die Männerschutzwohnungen in Leipzig und Dresden finanziell unterstützt.  

Gib Dich nicht geschlagen
Plakat der Kampgane "Mann, gib dich nicht geschlagen" Bildrechte: MDR/LEMANN e.V. – Netzwerk für Jungen- und Männerarbeit Leipzig

Im September 2016 startete die Landesfachstelle für Männerarbeit Sachsen eine ungewöhnliche Kampagne: "Mann, gib Dich nicht geschlagen". Mit Plakaten im öffentlichen Raum, Flyern in Arztpraxen und kleinen Klappkarten, die Polizisten seitdem in ihren Brusttaschen haben, sollen Männer ermutigt werden, Hilfe und Beratung anzunehmen. Ansprechpartner sind zu finden unter der Adresse www.gib-dich-nicht-geschlagen.de

Damit wurde das Thema ins gesellschaftliche Bewusstsein gerückt und den Männern die Botschaft gegeben, es geht anderen Männern ähnlich wie Dir, Du bist nicht allein mit der Gewalterfahrung.

Ein mutiger Schritt

Dennoch ist es schwer – auch in Sachsen – Männer zu finden, die darüber öffentlich reden. Die Scham ist groß und die Angst, nicht mehr dem Bild zu entsprechen, das gemeinhin für Männlichkeit steht. 

MDR KULTUR-Redakteurin Regine Schneider hat zwei Männer getroffen, die bereit waren, über ihre jahrelangen Beziehungen zu reden, in denen sie von ihren Partnerinnen Gewalt erlebt haben. Einer von ihnen wird demnächst ein Buch darüber veröffentlichen. Ein mutiger Schritt – den er so kommentiert:

Ich will anderen Männern zeigen, wenn ich es geschafft habe, da rauszukommen, schaffst Du das auch.

Gewaltopfer T.

Über die Autorin Regine Schneider, Jahrgang 1956, ist seit der Gründung von MDR KULTUR Redakteurin für Bildung und Gesellschaft. Ihre präzisen Analysen und Beiträge bereichern seit Jahrzehnten das Programm des MDR Hörfunks.

Angaben zur Sendung MDR KULTUR - Feature
"Mann kann kein Opfer sein"
Wenn Männer häusliche Gewalt erfahren
Von Dr. Regine Schneider

Regie: Steffen Moratz
Produktion:: MDR 2018

Sendung: 26.05.2018 | 09:05-09:35 Uhr

Das Feature steht nach der Ausstrahlung hier 365 Tage zum Hören und Herunterladen bereit.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Feature: "Mann kann kein Opfer sein" | 26. Mai 2018 | 09:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 10. April 2018, 13:27 Uhr