Dessau, Siedlung Törten, Deutschland
Siedlung Törten, Dessau Bildrechte: imago/Arcaid Images

100 Jahre Bauhaus Wohnen im Bauhaus – "Eine Lebensauffassung"

Puristische, funktionale Gebäude aus Glas, Stahl und Beton – die Bauhaus-Architektur galt in ihren Anfängen als revolutionär, heute zählt sie zum Weltkulturerbe. Aber wie wohnt es sich eigentlich in so einem Baudenkmal? Und wie gehen die Bewohner mit dem architektonischen Erbe um? MDR KULTUR-Autorin Sandra Meyer war in Jena, Dessau und Elbingerode auf Hausbesuch.

Dessau, Siedlung Törten, Deutschland
Siedlung Törten, Dessau Bildrechte: imago/Arcaid Images

Im Jenaer Westviertel steht zwischen historistischen Villen ein dreigeschossiger Bau mit Flachdach: Das Haus Auerbach. Die 1924 für den Physiker Felix Auerbach und seine Frau Anne erbaute Villa ist eins von nur sechs privaten Wohnhäusern, die Walter Gropius in Deutschland errichtet hat und das erste im sogenannten Baukastenprinzip. Es besteht aus zwei unterschiedlich hohen Quadern, die sich rechtwinklig durchdringen.

Walter Gropius Bau Haus Auerbach in Jena
Blick ins Wohnzimmer von "Haus Auerbach" in Jena Bildrechte: MDR/Michaela Reith

"Man muss tatsächlich ein Freak sein, um in solch einem Haus zu wohnen.", erzählt Martin Fischer, der das Haus vor 25 Jahren mit seiner Frau Barbara Happe erworben hat. Es gibt weder Teppich noch Vorhang und schon gar keinen Nippes. Vor der originalen Schrankwand steht ein Mies van der Rohe-Sofa – authentisch, aber unbequem. Bauhaus ist für Fischer und Happe eine "Lebensauffassung" und so bewohnen sie mit ihrem Hund rund 400 Quadratmeter, empfangen Freunde und Gäste, Künstler und  Architekten aus aller Welt.

Würden wir im Haus nebenan wohnen, hätten wir viel weniger Menschen kennengelernt. Auch viel weniger Künstler. Und Menschen, die hier reinkommen und sich geradezu inspiriert fühlen von dem Haus. […] Wenn man sich vorstellt, was das auslösen kann, solch ein Raum, dann zeigt das die volle Kraft des Bauhauses und die volle Kraft von Gropius.

Barbara Happe, Haus Auerbach in Jena

Siedlung Törten in Dessau

Ein Experiment in Sachen preisgünstigem Wohnungsbau hat Walter Gropius in Dessau hinterlassen: die Siedlung Törten, die zwischen 1926 und 1928 entstanden ist. 314 Reihenhäuser, zweigeschossige, helle Kuben mit einer Größe von 57 bis 74 Quadratmetern Wohnfläche, Garten zur Selbstversorgung und Kleintierhaltung.

Dessau, Siedlung Törten, Deutschland
Bauhaussiedlung Dessau-Törten Bildrechte: imago/Arcaid Images

Ein einheitliches Bild bietet die Siedlung heute nicht mehr. Die Bewohner haben in den vergangenen 95 Jahren zahlreiche Veränderungen vorgenommen: Dächer erhöht, Fenster versetzt oder Räume angebaut. Statt Tierställen stehen heute Garagen in den Gärten, Plumpsklo und Kohleofen gibt es nicht mehr. Bernd Eichhorn sieht den Vorteil der Häuser eben gerade darin, dass sie all diese Veränderungen mitmachen. Der studierte Landwirt besitzt gleich zwei Reihenhäuser, eins hat er von seinen Großeltern geerbt. Mit Restauratoren hat er darin die originale Farbigkeit wiederhergestellt. Es ist das einzige Haus ohne Anbauten und steht noch da, "wie Gropius es schuf".

Wenn hier die Sonne reinscheint im Frühjahr, da haben sie hier eine Beleuchtung drin, das ist sagenhaft …

Bernd Eichhorn, Siedlung Törten

Diakonissen-Mutterhaus Elbingerode

Dritte Station ist Elbingerode im Oberharz – dort lebt und arbeitet eine evangelische Schwesternschaft in einem Gebäude im Bauhaus-Stil. Anfang der 30er-Jahre wurde das Diakonissen-Mutterhaus von Godehard Schwethelm gebaut. Der Erfurter Architekt war kein Bauhaus-Schüler, aber ein Anhänger des Neuen Bauens.

Eingang des Diakonissen-Mutterhauses Neuvandsburg.
Diakonissen-Mutterhaus Elbingerode Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Um das Gebäude ganz auf die Bedürfnisse der Schwestern auszurichten, lebte Schwethelm ein Vierteljahr mit ihnen zusammen. Statt einer externen Kirche integrierte er einen flexibel gestalteten Kirchsaal ins Mutterhaus, der vielfach genutzt werden kann. Es lebe sich hier wunderbar, erzählt Schwester Kerstin, die seit 1987 bei den Diakonissen in der Schwesternschaft ist.

Man kann hier gut arbeiten und dann ist das gut kombiniert … Ich habe keine Anreise zum Arbeitsplatz, das ist schön und gleichzeitig jeden Tag neu eine Herausforderung.

Schwester Kerstin, Diakonissen-Mutterhaus Elbingerode
Schwimmbad mit gelben und braunen Kacheln.
Schwimmbad im Diakonissenhaus Elbingerode Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Auffallend ist die hochmoderne Ausstattung mit Fahrstühlen und Geschirrspülern, zur Wärme- und Stromerzeugung gibt es ein eigenes Maschinenhaus. Mit der überschüssigen Wärme wird nachts das Schwimmbad erwärmt. Es befindet sich direkt unter dem Kirchsaal des praktisch-funktionalen Baus, in dem auch die Bewohner immer wieder neue Details entdecken.

Reinhard Holmer, Pastor und Direktor des Diakonissenhauses, meint:

Man muss anfangen, mit offenen Augen durch das wunderbare Gebäude zu gehen und dann merkt man auf einmal … Ich persönlich nenne es einen Geist, der in der Form ist.

Reinhard Holmer, Pastor und Direktor Diakonissen-Mutterhaus Elbingerode

Über die Feature-Autorin Sandra Meyer, 1968 in Niedersachen geboren, studierte Kultur-, Literatur- und Kunstwissenschaft an der Universität Bremen. Als freie Publizistin arbeitete sie für verschiedene Magazine, Hörfunk und TV Stationen, absolvierte ihr Volontariat beim Deutschlandradio Berlin und Köln und arbeitet seit 1999 als Landeskorrespondentin für MDR KULTUR in Sachsen-Anhalt.

Angaben zur Sendung MDR KULTUR - Feature
"Wohnen im Bauhaus"
Feature von Sandra Meyer

Sprecherin: Ulrike Krumbiegel
Regie: Tobias Barth
Redaktion: Ulf Köhler
Produktion: MDR 2019 - Ursendung

Sendung: 07.09.2019 | 09:05-09:35 Uhr

Die Sendung steht nach der Ausstrahlung hier ein Jahr lang zum Hören und Herunterladen bereit.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Feature: "Wohnen im Bauhaus" | 07. September 2019 | 09:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 07. September 2019, 04:00 Uhr

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