Trump
Donald Trump Bildrechte: imago/ZUMA Press

Feature Fake-Fabriken - Der Profit mit den Falschmeldungen

Seit Trumps Wahlsieg wird viel über den Einfluss von Fake News debattiert. Der US-Präsident und seine Anhänger verbreiten gezielt Falschmeldungen und diskreditieren seriöse Medien. Wie entstehen Fake News und wer profitiert davon? Feature-Autor Tom Schimmeck hat dazu in Washington und Moskau recherchiert.

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Donald Trump Bildrechte: imago/ZUMA Press

1600 Pennsylvania Avenue, das Weiße Haus strahlt im Sonnenschein. Touristen machen Fotos. Nicht alle glauben dem mächtigen Mann hinter den großen Säulen. Seine Tweets seien rachsüchtig und kindisch, meint ein Mann. Eine Frau bezeichnet ihn als "Meister der Fake News". Die Washington Post hat dem US-Präsidenten über 4.000 Falschaussagen nachgewiesen. Seinen Anhängern ist das gleichgültig.

Er verteidigt sich eben gegen den ganzen Schwindel. Ich vertraue ihm. Der liebt sein Land. Das sieht man.

Trump-Anhänger in Washington D.C.
Auf einem Smartphone sind die Logos  von Facebook, Twitter und YouTube zu sehen. 54 min
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Der Medienwissenschaftler Ethan Zuckerman vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) unterscheidet drei Formen von Fake News: Eine starke Überbetonung bestimmter Themen, Propaganda und gezielte Desinformation. Propaganda versucht das Denken und Handeln der Menschen in eine bestimmte Richtung zu lenken. Desinformation richtet sich gegen das System selbst.

Desinformation versucht das Nachrichten-Ökosystem zu vergiften und es schwierig bis unmöglich zu machen, irgendetwas zu glauben. Sie reduziert das Vertrauen in Institutionen aller Art und bringt Menschen dazu, der Politik entweder völlig zu entsagen oder sich starken Führern zuzuwenden.

Ethan Zuckerman, Massachusetts Institute of Technology

Demokratisierung der Desinformation

Früher war die Lüge das Instrument der Mächtigen, weil ihnen Zeitungen und Sender gehörten. Dank weltweit vernetzter Laptops und Smartphones kann heute jeder Falschmeldungen produzieren. Darrel M. West, Vizepräsident und Direktor der Governance Studies an der Brookings Institution, nennt das "Demokratisierung der Desinformation".

Ein berühmtes Beispiel ist "Pizzagate", eine Falschmeldung die während des Präsidentschaftswahlkampfs 2016 verbreitet wurde. Ein Pizzalokal in Washington sollte angeblich Treffpunkt für einen Kinderschänder-Ring sein, zu dem auch Hillary Clinton und Mitarbeiter der Demokraten gehörten. Obwohl seriöse Medien die Story längst als freie Erfindung entlarvt hatten, kursierten zahlreiche Verschwörungstheorien im Netz.

Postfaktisches Beharren

Forschungen des Kognitionspsychologe Stephan Lewandowsky an der Universität Bristol zeigen, dass Menschen weiter an Informationen glauben können, selbst wenn sie begriffen haben, dass diese falsch sind. Der australische Wissenschaftler bezeichnet das als postfaktisches Beharren und warnt:

Wenn wir die Geschichte betrachten und Hannah Arendt vertrauen, wie ich es tue, ist dies ein Vorbote des Totalitarismus und des Autoritarismus. […] Wenn man das Konzept der Wahrheit zerstört, hat man es bald nur noch mit den Mächtigen zu tun, die am lautesten lügen und tun, was ihnen gefällt.

Stephan Lewandowsky, Universität Bristol

Ein anderes Beispiel während dieses Wahlkampfes war eine gefälschte Geschichte, die behauptete, dass Papst Franziskus die Kandidatur Donald Trumps unterstützt. Ihren Ursprung nahm die Meldung in Veles, Mazedonien, ein Städtchen, das Ende 2016 als "Stadt der Lügner" Furore machte.

Mirko Ceselkoski betreibt dort seine "Internet Marketing University". Inspiriert von ultrarechten Publikationen wie Breitbart News dichteten seine Studenten auf über 100 Fake-Seiten mit Namen wie "USConservativeToday.com." Dabei ging es den Verfassern nicht um politische Einflussnahme, sondern schlicht ums Geld. Die Artikel sollten möglichst schnell viele Leser anlocken, um hohe Werbeeinahmen zu generieren. Die Wahrheit spielte dabei keine Rolle.

Click-Fabriken

Click-Fabriken sind eine boomende Industrie. Im Oktober 2017 mussten Vertreter von Facebook, Twitter und Google vor Ausschüssen des US-Kongresses unter Eid darüber aussagen, wie Russland ihre Plattformen nutzen konnte, um Einfluss auf die Präsidentschaftswahl 2016 zu nehmen. Viele Aktivitäten führten zur "Internet Forschungsagentur", einer Troll- Fabrik in Sankt Petersburg. 100 Millionen Facebook-User erhielten Fake News aus dem russischen Reich, von Fake-Konten wurden 100.000 Dollar für Anzeigen gezahlt.

Der Begriff Fake-News für Falschnachrichten ist im neuen Duden zu sehen.
Eintragung im Duden Bildrechte: dpa

Die Online-Konzerne geraten zunehmend unter Druck. Sie stellen zusätzliches Personal ein, um Hass-Posts zu löschen und Falschnachrichten zu überprüfen. Doch die Entlarvung wirke nur begrenzt, meinen Kenner. Studien zeigen, dass Fake News sich im Netz weit schneller verbreiten als echte Nachrichten. Bis eine Falschmeldung enttarnt wird, haben oft schon Millionen Menschen die Nachricht konsumiert. Richtigstellungen verstärken sogar noch den Glauben an die Lüge.

Aber wie erklärt sich der Siegeszug der Fake News? Warum sind so viele Menschen für Verschwörungstheorien anfällig? Durch Websites und Social Media kommt es heute zu einer Art Schwarmwirkung der Verschwörer. In den Echokammern des Internets schaffen sie sich ihre eigene Realität. Der Politikwissenschaftler Darrel M. West meint:

Es ist die Polarisierung innerhalb der Gesellschaft, die es so einfach macht, Desinformation zu verbreiten. Wenn wir uns alle lieben würden, auch unseren Gegnern trauen würden, wäre es schwierig, höchst negative Behauptungen über einen Gegner zu verbreiten.

Darrel M. West, Brookings Institution

Über den Feature-Autor Tom Schimmeck Tom Schimmeck, geboren 1959 in Hamburg, begann mit 18 bei der gerade neu gegründeten "taz" als Journalist. Nach dieser "Phase des wüstesten Dilettierens" arbeitete er freiberuflich für Presse und Rundfunk u.a. als Politredakteur für den "Spiegel". 1989 zog er nach Südafrika und berichtete von dort u.a. für "Geo", "Merian" und das österreichische Nachrichtenmagazin "Profil".

Seit 1996 wohnt er wieder in Deutschland und arbeitete bis zur Einstellung des Blattes für die Hamburger Wochenzeitung "Die Woche". 2010 erschien sein Buch "Am besten nichts Neues" im Westend-Verlag über den Untergang des unabhängigen Journalismus. In den letzten Jahren machte er sich einen Namen als mehrfach preisgekrönter Autor von Radio-Features.

Für das Feature "Fake-Fabriken – Der Profit mit den Falschmeldungen" erhält Tom Schimmeck den RIAS-Medienpreis 2019 in der Kategorie Radio. In der Begründung der Jury heißt es: "In jeder Hinsicht überzeugend, technisch, sprachlich wie dramaturgisch, zeigt das Feature wie Millionen von User via facebook, twitter und WhatsApp mit Fakes gefüttert und manipuliert werden."

Angaben zur Sendung MDR KULTUR - Feature
"Fake-Fabriken"
Der Profit mit den Falschmeldungen
Feature von Tom Schimmeck

Sprecher : Jens Harzer, Tilo Werner, Maria Scholz, Stephan Schad, Thor W. Müller, Katja Danowski, Jonas Minthe
Regie: Nikolai von Koslowski
Produktion: NDR 2018

Sendung: 22.05.2019 |22:00-23:00 Uhr

Die Sendung steht nach der Ausstrahlung hier ein Jahr lang zum Hören bereit.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Feature: "Fake-Fabriken" - Der Profit mit den Falschmeldungen | 22. Mai 2019 | 22:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 11. Mai 2019, 04:00 Uhr

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