Tanzende Paare mit Schlaghosen
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Musik in der DDR Ost-Musik per Quote – die 60/40-Regel und ihre Folgen

Vor 60 Jahren trat in der DDR die berühmte 60/40-Regel in Kraft, die besagte, dass bei Konzerten, Tanzveranstaltungen und im Radio mindestens 60 Prozent Ost-Musik gespielt werden mussten. Um die strengen Quoten einzuhalten und dabei das eigene Publikum nicht zu verprellen, entwickelten Musiker und DJs eine erstaunliche Kreativität.

Tanzende Paare mit Schlaghosen
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Die "Anordnung über die Programmgestaltung bei Unterhaltungs- und Tanzmusik", die am 2. Januar 1958 im Gesetzblatt der DDR veröffentlicht wird, schlägt bei den ostdeutschen Musikfreunden wie eine Bombe ein. Jeder Radiosender, jedes Orchester, jeder DJ ist ab sofort verpflichtet, mindestens 60 Prozent Musik von Komponisten zu spielen, die ihren Wohnsitz in Ländern des Ostblocks haben. Verstöße gegen dieses Gesetz werden mit Strafen bis zu 500 D-Mark oder auch komplettem Berufsverbot geahndet.

Den Kulturfunktionären kommt das Gesetz gelegen. Auf der Berliner Kulturkonferenz von 1960, die sich vorrangig mit der Entwicklung der Werktätigen zu "Sozialistischen Persönlichkeiten" befasst, kritisiert Heinz Kimmel, Sekretär des Zentralrates der FDJ, den Mangel an Tanzmelodien eigener Komponisten. Und er gibt zu bedenken, "dass doch gerade durch die Tanzmusik viele der verrückten westlichen Ideologien verbreitet werden".

Verbote und Kontrollen

Für Kurt Henkels und sein berühmtes "Tanzorchester des Senders Leipzig" wird die neue Regelung zum Verhängnis. Nach einem umjubelten Gastspiel in Prag 1959 wird dem Orchesterleiter vorgeworfen, man hätte westlich infizierte Musik gespielt, einen Hula-Hoop. Der Tanz sei in der DDR noch nicht legal eingeführt. Die Folge ist ein Auslandsverbot. Kurt Henkels wirft das Handtuch und übersiedelt mit seiner Familie in den Westen.

Kontrolliert wird die Einhaltung der neuen 60/40-Quote durch die Mitarbeiter der AWA (Anstalt zur Wahrung der Aufführungs- und Vervielfältigungsrechte). Sie überprüfen bei Veranstaltungen, ob die zuvor eingereichte Titelliste auch mit dem tatsächlich gespielten Material übereinstimmt. Beim Ausfüllen der AWA-Listen lassen die Musiker meist Kreativität walten.

Manfred "Manne" Wagenbreth, der damals an der Seite von Klaus Renft im "Ulf Willi Quintett" spielt, erinnert sich an einen Vorfall, bei dem ein AWA-Mitarbeiter sogar hinter die Bühne kam und sich über den eben gespielten Titel beschwerte. Daraufhin zog der Organist Ralf Rüdiger Stolle eine beliebige Partitur aus seiner Aktentasche und sagte: "Ja, das war eben das Stück hier, das habe ich geschrieben."

Schlupflöcher für DDR-DJs

Die 60/40-Vorgabe greift auch für DJs, die in der DDR zur Vermeidung eines englischen Begriffs "Schallplattenunterhalter" genannt werden und seit den 70er-Jahren erfolgreich in die Unterhaltungsbranche drängen.

Um die begehrte Zulassung als "staatlich geprüfter Schallplattenunterhalter" zu erlangen, muss man einen Eignungstest bestehen. Während die Prüfungskommission sich streng an die 60/40-Regel hält, ist eine Kontrolle der wöchentlich circa 5.000 bis 6.000 stattfindenden Discoveranstaltungen nicht möglich. Jörg Stempel, in der DDR selbst als DJ tätig, später Mitglied der Prüfungskommission und langjähriger Mitarbeiter beim Platten-Label Amiga, kann das bestätigen:

Nach jeder Veranstaltung hat der DJ seine AWA-Liste eingereicht, und die entsprach nicht dem, was wirklich gespielt wurde. Die wurden abgegeben, so dass die Mischung 60:40 passte.

Jörg Stempel, DJ und Programmchef beim Platten-Label "Amiga"

Der einstige DDR-DJ verrät eine weitere Methode, mit der er die 60/40 Regel umging: Er schnitt die Refrains von zehn DDR-Titeln zu einem circa fünfminütigen Medley zusammen. Da ein Titel aber mit einem Durchschnittswert von vier Minuten berechnet wurde, hatte er damit vierzig Minuten gewonnen, in denen er West-Titel spielen konnte.

Devisen und Tantiemen

1974, Musikerin Nina Hagen
Nina Hagen, 1974 Bildrechte: IMAGO

Die gefälschten AWA-Listen bescherten Musikern und Autoren Tantiemen, deren Titel gar nicht gespielt wurden. Aber einige Künstler entdeckten auch, dass sie mit ihren Stücken nicht nur eine Notlücke füllen, sondern durchaus erfolgreich sein konnten. Die Entwicklung einer eigenen deutschsprachigen Pop- und Rockmusik mit Sängern wie Klaus Renft oder Punklady Nina Hagen hat die Quotenregelung möglicherweise positiv beeinflusst.

ein Platten-Cover in einem Regal
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Dass das Gesetz neben ideologischen Gründen vor allem dem chronischen Devisenmangel der DDR geschuldet war, stellte sich erst im Laufe der Zeit heraus. Die östliche Urheberagentur AWA hatte kurz nach ihrer Gründung mit ihrem westlichen Pendent, der GEMA, einen Gegenseitigkeitsvertrag geschlossen. Die Bruttoeinnahmen, die die GEMA von der AWA für Musiken westdeutscher Komponisten bezog, waren 1957 auf 2,2 Millionen D-Mark angewachsen. Nach Einführung des Gesetzes sanken die Einnahmen wieder auf 610.000 D-Mark.

Beim Schallplattenlabel Amiga zeigte sich in diesem Zusammenhang ein ganz anderes Problem, das die Ausreise bekannter DDR-Künstler in den Westen betraf. Sobald diese sich bei der GEMA angemeldet hatten, musste Amiga für die Veröffentlichung ihrer Werke Westgeld bezahlen. In der Folge verschwanden die berühmten Platten von Manfred Krug oder von Renft im Giftschrank. Als der Sänger Stefan Diestelmann 1984 von einem Konzert in der BRD nicht in die DDR zurückkehrte, mussten 30.000 Platten, die bereits zur Auslieferung bereitstanden, vernichtet werden.

Die 40/60-Regel hat in der Summe der DDR wahrscheinlich etliche Devisen gespart, den Einfluss "dekadenter Westmusik" hat sie wohl kaum zurückgedrängt.

Mann vor Plattenregal
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Jörg Stempel erzählt von seinen Erfahrungen mit 60/40 als DDR-DJ und längjähriger Mitarbeiter beim Platten-Label "Amiga".

MDR KULTUR - Das Radio Sa 30.12.2017 09:05Uhr 13:49 min

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Manfred Wagenbreth (Musikpublizist und Musiker)
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Manfred "Manne" Wagenbreth, Musiker und Rundfunkredakteur, erzählt von seinen Erfahrungen im Leipzig der 60er-Jahre.

MDR KULTUR - Das Radio Sa 30.12.2017 09:05Uhr 07:57 min

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Ein Orchester spielt Blasinstrumente
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Walter Eichenberg, Trompeter, Komponist und Arrangeur beim Tanzorchester des Senders Leipzig, erinnert sich an die Orchesterlandschaft der DDR und erzählt vom Umgang mit der Quote.

MDR KULTUR - Das Radio Sa 30.12.2017 09:05Uhr 06:58 min

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Angaben zur Sendung MDR KULTUR - Feature
Vor 60 Jahren: Gesetz über die Programmgestaltung bei Unterhaltungs- und Tanzmusik in DDR
"60 Prozent Ost / 40 West - Musikkontrolle á la DDR"
Feature von Gerhard Pötzsch

Sprecher: Thomas Nicolai, Christian Grashof
Im Original-Ton: Jörg Stempel, Manfred "Manne"Wagenbrett und Walter Eichenberg

Regie: Andreas Meinetsberger
Redaktion: Kathrin Aehnlich
Produktion: MDR 2017 (Ursendung)

Sendung: 30.12.2017 | 09:05-09:35 Uhr

Das Feature steht nach der Ausstrahlung hier 365 Tage zum Hören und zum Download bereit.

Feature-Autor Gerhard Pötzsch Gerhard Pötzsch, 1951 in Leipzig geboren, arbeitete als Elektromonteur und studierte 1982-85 am Leipziger Literaturinstitut. Pötzsch veröffentlichte Prosa, Hörspiele und Features zum Beispiel "Wohlan wer Recht und Wahrheit achtet - Ferdinand Lassalle" (MDR 2013), "Über sieben Brücken musst Du gehen - ein DDR-Hit geht um die Welt" (MDR 2014). Er lebt als freier Autor und Hörbuchverleger in Leipzig.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 60 Prozent Ost / 40 West - Musikkontrolle á la DDR | 30. Dezember 2017 | 09:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 30. Dezember 2017, 15:06 Uhr