Shirin Ebadi, erste Richterin des Iran und erste muslimische Friedensnobelpreisträgerin (2006)
Shirin Ebadi Bildrechte: dpa

Porträt Shirin Ebadi - Eine unerschrockene Kämpferin für Menschenrechte

Als erste muslimische Frau erhielt Shirin Ebadi 2003 den Friedensnobelpreis. Die Auszeichnung brachte der iranischen Anwältin und Kämpferin für die Rechte der Frauen und Kinder internationale Anerkennung. In ihrer Heimat war sie weiterhin Repressalien ausgesetzt. Seit 2009 lebt sie in London im Exil.

 Shirin Ebadi, erste Richterin des Iran und erste muslimische Friedensnobelpreisträgerin (2006)
Shirin Ebadi Bildrechte: dpa

Als Shirin Ebadi Mitte der 60er-Jahre anfängt Jura zu studieren, sind Menschenrechtsfragen noch außerhalb ihres Fokus. Zu dieser Zeit regiert Shah Mohammad Reza Pahlavi den Iran. Die iranische Jugend aus der Mittel- und Oberschicht imitiert die westliche Lebensweise, die Studentinnen kommen im Minirock zur Vorlesung. Das umfangreiche Reformprogramm des Schahs zur Modernisierung des Irans ermöglichte es ihnen, in der patriarchalisch geprägten Gesellschaft Karriere zu machen.

Nach dem Abschluss ihres Studiums und einem sechsmonatigen Praktikum im Justizministerium wird Ebadi zur Richterin ernannt. 1975 übernimmt sie den Vorsitz des Teheraner Stadtgerichts.

Ich war nicht die erste Richterin. Aber ich gehörte zu den ersten Frauen, die in das Rechtssystem Einzug hielten und Richterinnen wurden. Und ich war die erste Frau, die den Vorsitz eines Gerichts innehatte.

Shirin Ebadi, Juristin und Menschenrechtsaktivistin

Nach der Revolution

Die Islamische Revolution von 1979 ändert alles. Nach monatelangen Massenprotesten islamischer und linker Revolutionäre flüchtet der Schah Mitte Januar ins Ausland. Zwei Wochen später kehrt Revolutionsführer Ayatollah Khomeini aus dem Exil zurück und beginnt mit der Errichtung eines theokratischen Staates. In der neuen Islamischen Republik Iran werden die Rechte der Frauen massiv eingeschränkt.

Als ich zum ersten Mal die Gesetze der Islamischen Republik gelesen habe - dass eine Frau halb so viel wert ist, wie ein Mann, dass die Zeugenaussage von einem Mann so viel zählt, wie die von zwei Frauen, und viele ähnliche Gesetze - da dachte ich, ich hätte sie nicht richtig gelesen. Beim zweiten Lesen dachte ich, sie wollen bestimmt etwas anderes sagen, haben es aber nicht richtig ausgedrückt. Doch beim dritten Mal wurde mir klar, dass sie es ernst meinen.

Shirin Ebadi, Juristin und Menschenrechtsaktivistin

Männer erhalten uneingeschränkte Macht über Finanzen, Kindererziehung und Aufenthaltsort ihrer Frauen. Ebadi, die wie viele Intellektuelle die Revolution zunächst unterstützt hat, wird ihres Richterpostens enthoben und zur Schreibkraft degradiert. 1984, ein Jahr nach der Geburt ihrer zweiten Tochter, bittet sie aus Protest um ihre vorzeitige Pensionierung.

Kampf für Menschenrechte

Die ersten Jahre nach der Revolution sind von Gewalt geprägt. Folterungen und Massenhinrichtungen bestimmen den Justizalltag. Heimlich berichtet Ebadi den Vereinten Nationen und anderen Organisationen über Menschenrechtsverletzungen im Iran.

Als Shirin Ebadi 1992 schließlich eine Zulassung als Anwältin erhält, setzt sie sich für jene ein, die am meisten unter der Willkür des Regimes zu leiden haben. Sie vertritt Frauen und Kinder, die vom Gesetz diskriminiert werden, verteidigt Dissidenten und deren Angehörige. Unter anderem übernimmt sie den Fall des Politikerehepaars Parvaneh und Dariush Forouhar, die 1998 in ihrem Haus in Teheran ermordet wurden. Ihre Tochter, die heute in Offenbach lebende Künstlerin Parastou Forouhar, erinnert sich:

Was mir immer sehr gut gefallen hat, war die unerschrockene Art von Frau Ebadi, mit diesen mächtigen Menschen umzugehen. Sie konnte manchmal sehr stur auf ihre eigene Position beharren. Ich habe Vertrauen zu ihr gehabt, und das ist sehr wichtig in einer Diktatur.

Parastou Forouhar

Wegen ihrer Arbeit ist die Anwältin immer wieder Schikanen ausgesetzt. Im Sommer 2000 muss sie 26 Tage in Einzelhaft im berüchtigten Evin-Gefängnis zubringen. Zeitweise wird sie mit einem Berufsverbot belegt. Im Herbst 2000 entdeckt sie beim Studium von Gerichtsunterlagen ihren Namen auf einer Todesliste.

Internationale Anerkennung und Exil

2003 wird Ebadi "für ihre Bemühungen um Demokratie und Menschenrechte" mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Zur Preisverleihung erscheint sie ohne Kopftuch und bezeichnet ihre Wahl "als eine Inspiration für die vielen Frauen, die für die Durchsetzung ihrer Rechte kämpfen." Bei ihrer Rückkehr wird sie am Flughafen in Teheran von Tausenden von Menschen empfangen. Während die Bevölkerung jubelt, versucht die Regierung die Auszeichnung herunterzuspielen.

Die Preisverleihung ist Auslöser für zahlreiche Aktivitäten der Frauenbewegung und Initiativen für Gleichberechtigung im Iran. Die islamischen Sittenwächter erhöhen den Druck auf Ebadi, ihre Familie und Freunde. 2008 wird das Büro ihrer Menschenrechtsorganisation in Teheran geschlossen. Im Juni 2009 kehrt sie von einer Auslandreise aus Angst vor Verhaftung nicht in ihre Heimat zurück.

Seither lebt Shirin Ebadi im Exil in London. Ihr Vermögen wurde beschlagnahmt, ihr Ehemann wurde unter Folter gezwungen, sich öffentlich von seiner Frau zu distanzieren. Dennoch lässt sich die Menschenrechtsaktivistin nicht entmutigen und setzt auch im Ausland ihre Aktivitäten fort. Sie habe gelernt, nicht mehr an die Vergangenheit zu denken, sagt sie. Wichtig sei die Zukunft. Nur ihr Heimweh kann sie nicht vergessen:

Ich bin wie ein Fisch in einem sehr schönen Aquarium, aber ich bin ein Ozeanfisch, ich muss gegen die Wellen kämpfen, ich sehne mich danach, in den Ozean zurückzukehren, auch wenn es dort mehr Gefahren gibt.

Shirin Ebadi

Angaben zur Sendung MDR KULTUR - Feature
"Shirin Ebadi"
Eine Kämpferin für die Menschenrechte
Von Yasmin Khalifa und Farhad Payar

Sprecher: Anna-Bianca Krause, Heike Hanold Lynch, Nadim Jarrar, Verena von Behr
Regie: Yasmin Khalifa, Farhad Payar
Produktion: rbb kulturradio 2013

Sendung: 21.07.2018 | 09:05-09:35 Uhr

Das Feature steht nach der Ausstrahlung hier sieben Tage zum Hören bereit.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Feature: "Shirin Ebadi - Eine Kämpferin für die Menschenrechte" | 21. Juli 2018 | 09:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 21. Juli 2018, 04:00 Uhr

Audios

Shirin Ebadi: Mein Iran. Ein Leben zwischen Hoffnung und Revolution
Bildrechte: Piper Verlag

Shirin Ebadi Mein Iran

Mein Iran

Ein Leben zwischen Hoffnung und Revolution
Taschenbuch: 304 Seiten
Piper Verlag 2016
ISBN: 978-3492308557
12,00 Euro

Shirin Ebadi: Bis wir frei sind. Mein Kampf für Menschenrechte im Iran
Bildrechte: Piper Verlag

Shirin Ebadi Bis wir frei sind

Bis wir frei sind

Mein Kampf für Menschenrechte im Iran
Taschenbuch: 304 Seiten
Piper Verlag 2016
ISBN: 978-3492311854
12,00 Euro