Im Flachwasser badender Bekassine-Altvogel schlägt mit den Flügeln.
Beim Balzflug erzeugt die Bekassine mit ihren Schwanzfedern ein Geräusch, das an das Meckern einer Ziege erinnert. Bildrechte: IMAGO

Vom Aussterben der Wiesenvögel Verstummt der Frühling?

Nach dem Winter ist die Sehnsucht nach dem Frühling groß: Wenn milde Temperaturen die Natur erwachen lassen. Wenn Knospen treiben, Krokusse sprießen und die Vögel zwitschern. Doch mancher Frühlingsbote ist in unseren Breiten nur noch selten zu hören. Die Zahl der Vögel in Deutschland geht dramatisch zurück. Besonders Wiesenvögel sind gefährdet. Der stumme Frühling als düstere Vision ist so real wie noch nie.

Im Flachwasser badender Bekassine-Altvogel schlägt mit den Flügeln.
Beim Balzflug erzeugt die Bekassine mit ihren Schwanzfedern ein Geräusch, das an das Meckern einer Ziege erinnert. Bildrechte: IMAGO

Als Kind vernahm Klaus Schmidt staunend das Meckern der Bekassine, auch "Himmelsziege" genannt. Ging er im Sommer durchs reife Getreide, so stoben hunderte Sperlinge in die Luft. Der Himmel hing voller singender Feldlerchen. Ein Märchen? Keineswegs! Der 67-jährige Ornithologe dokumentiert seit 1966 penibel das Verschwinden der Vögel aus seinem Thüringischen Werratal, das mittlerweile Europäisches Vogelschutzgebiet ist. Heute sind die Feldfluren fast spatzenfrei.

Fast alle Arten, die auf Ackerflächen oder Wiesen vorkommen, sind heutzutage gefährdet. […] Man kann sagen, dass der Kiebitz in meinem Gebiet ausgestorben ist, der früher noch recht verbreitet war. Die Bekassine ist kurz vorm Aussterben. Und der Wiesenpieper, die Feldlerche, die Schafstelze haben abgenommen. Andere Arten, die Goldammern, die Grauammern sind bei uns ganz verschwunden.

Klaus Schmidt, Ornithologe

Die Lage ist dramatisch. Seit 1980 verschwanden europaweit 300 Millionen Brutpaare und damit die Hälfte aller Feldvögel. Das Rebhuhn ist akut vom Aussterben bedroht. Selbst der Bestand von Allerweltsarten wie Lerchen, Schwalben und Feldsperlingen geht massiv zurück. Steht kommenden Generationen ein stummer Frühling bevor?

Kein Platz für Vögel

Das Verschwinden der Vögel zeigt uns an, dass in der Natur etwas nicht stimmt. Die Agrarindustrie gilt als Hauptverdächtiger beim Vogelsterben. Klaus Schmidt ist als Kind noch mit dem Ochsenkarren durch Felder mit Klee und Hafer gefahren. Er band Heugarben zum Trocknen, erntete Rüben und half beim Dreschen.

Ein Rebhuhn (Perdix perdix) auf einer Wiese
Der Bestand der Rebhühner ist dramatisch geschrumpft. Bildrechte: IMAGO

Seither hat sich sehr viel verändert. Noch nie gab es größere Ackerschläge, mehr Mais- und Rapsfelder, höhere Erträge. Unser Agrarland wird immer lebensfeindlicher. Es verschwinden Nistplätze und Nahrung in Gestalt von Blühstreifen, Feldrandgehölzen und Sumpfstellen.

Seit zehn Jahren erhalten Landwirte ihre EU-Agrarbeihilfen nach der exakten Größe ihrer bestellten Fläche; überhängende Baumkronen, Sträucher und Feldraine werden abgezogen. Wer Seitenstreifen oder Feldwege umpflügt, wird also belohnt. Schwindende Lebensräume dezimieren die Vögel in der Agrarlandschaft. Aber das ist nur ein Teil des Problems.

Erst sterben die Insekten, dann die Vögel?

Eine verblüffend ähnliche Entwicklung wie bei Vögeln zeigt sich bei Insekten. Martin Sorg vom Entomologischen Verein Krefeld hat unlängst beunruhigende Zahlen veröffentlicht. Das Ergebnis seiner Messungen: In fast drei Jahrzehnten ist die Fluginsektenpopulation in den von ihm untersuchten Schutzgebieten um drei Viertel geschrumpft.

Zu ähnlich schockierenden Ergebnissen kommen die Insektenforscher am Senckenberg-Museum für Tierkunde Dresden: Das Insektensterben sei allgegenwärtig, selbst in Naturschutzgebieten. Doch was hat das mit dem Sterben der Wiesenvögel zu tun? Dr. Matthias Nuß, Sektionsleiter des Bereichs Schmetterlinge, erläutert den Zusammenhang:

Die Wiesenbrüter sterben im Wesentlichen deshalb aus, weil die Küken verhungern. Die Altvögel finden in der Agrarlandschaft nicht mehr genügend Insekten, mit denen sie die Küken füttern müssten.

Dr. Matthias Nuß, Entomologe

Knapp 50.000 Tonnen Pestizide sprühen deutsche Landwirte pro Jahr auf Grünland und Äcker, soviel wie niemals zuvor in der Geschichte. Darunter ist eine neue Gruppe, die Neonikotinoide. Diese Nervengifte wurden in den 1990er-Jahren zugelassen und avancierten rasch zum meistgenutzten Insektizid. Auffällig daran ist: Seit Neonikotinoide in Nutzung sind, hat das Insekten- und Vogelsterben dramatisch zugenommen. Auch wenn der letzte wissenschaftliche Beweis noch aussteht, sind die Verdachtsmomente erdrückend, dass sie das Verschwinden der Insekten und Vögel mitverursachen und extrem beschleunigen.

Lässt sich diese Entwicklung überhaupt noch stoppen oder gar umkehren? Etwa mit einem Totalverbot der Neonikotinoide, wie im Nachbarland Frankreich? Prof. Josef Settele vom Umweltforschungszentrum Halle-Leipzig findet den derzeitigen Zustand zwar sehr bedenklich, bleibt aber optimistisch:

Insekten sind zum Glück ja schnell reagierend - auf negative Einwirkungen, aber auch auf positive. Das heißt, wenn die Bedingungen wieder besser werden, sind sie auch in der Lage, sich wieder schnell zu reproduzieren.

Prof. Josef Settele, Agrarbiologe und Ökologe

Dramatische Folgen

Der Ornithologe Klaus Schmidt dokumentiert seit 50 Jahren das Verschwinden der Wiesenvögel in der Thüringischen Werra-Aue bei Breitungen.
Der Ornithologe Klaus Schmidt Bildrechte: MDR/Heidi Mühlenberg

Der Vogelfreund Klaus Schmidt hat dafür gekämpft, dass in seiner Werra-Aue rund hundert Gebiete unter Naturschutz gestellt wurden. Das Vogelsterben konnte er damit nicht verhindern. Der Ruf des Kiebitz‘ ist hier bereits verstummt.

Doch es geht nicht nur um Kiebitz und Rebhuhn. Vögel und Insekten sind auf so vielfältige Weise in unsere Ökosysteme eingebunden, dass ihr Verschwinden gravierende Auswirkungen hat. "Wir sind dabei, die Festplatte des Lebens zu zerstören.", sagt Grünen-Agrarexpertin Bärbel Höhn. Es ist höchste Zeit, umzudenken, meint auch Dr. Matthias Nuß:

Wir brauchen eine ganz andere Landwirtschaft, eine Landwirtschaft, in der sehr viel weniger Pestizide eingesetzt werden und eine Landwirtschaft, die es gestattet, dass auch die Mitgeschöpfe auf unserer Erde weiterhin fortbestehen können.

Dr. Matthias Nuß, Entomologe

Über die Autorin Heidi Mühlenberg Heidi Mühlenberg, Jahrgang 1960, studierte Journalistik und promovierte im Bereich Publizistik in Leipzig. Sie arbeitete als Redakteurin und ist seit 1991 freie Autorin für Funk und Fernsehen. Sie widmet sich vorrangig Themen aus Umwelt und Wissenschaft. In der Feature-Redaktion des MDR entstanden unter anderem die Sendungen "Der Geheimcode der Pflanzen" (2013), "Fracking, der zweifelhafte Weg zum Erdgas" (2014) und "Das Artabana-Krankenkassen-Modell" (2015).

Für ihre Sendung "Europas Solarvision" (2011) wurde Heidi Mühlenberg mit dem "Ernst Scheider Preis" ausgezeichnet. Für ihr Feature "Mülleimer Ostsee" (MDR 2012) erhielt sie den Preis für Wissenschaftsjournalismus der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule (RWTH) Aachen.

Angaben zur Sendung MDR KULTUR - Feature
"Verstummter Frühling"
Vom Aussterben der Wiesenvögel
Feature von Heidi Mühlenberg

Sprecherin: Chris Pichler

Regie: Matthias Seymer
Redaktion: Kathrin Aehnlich
Produktion:: MDR 2018 (Ursendung)

Sendung: 17.03.2018 | 09:05-09:35 Uhr

Das Feature steht nach der Ausstrahlung hier 365 Tage zum Hören und zum Herunterladen bereit.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Feature: "Verstummter Frühling" | 17. März 2018 | 09:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 17. März 2018, 03:00 Uhr

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