Wolfgang Thierse, ehemaliger Bundestagsvizepräsident (SPD)
Wolfgang Thierse Bildrechte: dpa

Porträt Wolfgang Thierse: Ein politischer Mensch war ich von Kindesbeinen an

24 Jahre lang war Wolfgang Thierse Abgeordneter, von 1998 bis 2005 Bundestagspräsident. Bis heute gilt der SPD-Politiker als maßgebliche Stimme Ostdeutschlands. Auch nach dem Ausscheiden aus dem Amt ist er politisch aktiv geblieben. Am 22. Oktober 2018 feiert er seinen 75. Geburtstag. Im Porträt von Doris Liebermann erzählt Wolfgang Thierse über die Bedeutung seiner Herkunft und seinen politischen Werdegang.

Wolfgang Thierse, ehemaliger Bundestagsvizepräsident (SPD)
Wolfgang Thierse Bildrechte: dpa

Wolfgang Thierse ist einer der erfolgreichsten ostdeutschen Politiker und einer der wenigen DDR-Bürgerrechtler, die es so weit nach oben geschafft haben. Als engagierter Querulant hat er sich einen Namen gemacht.

Die Rolle des Außenseiters ist ihm seit seiner Kindheit vertraut. 1943 in Breslau geboren, wuchs er nach der Vertreibung der Familie im südthüringischen Eisfeld auf. Ein Flüchtlingskind, das hochdeutsch sprach, ein Katholik unter lauter fränkisch sprechenden Protestanten. Später war er Christ unter Nicht-Christen, Nicht-Genosse unter lauter SED-Genossen.

Ich habe von meinem Vater gelernt, dass man sich nicht der Mehrheit anschließen muss. Er hat mir, er hat uns immer förmlich eingetrichtert, wenn andere etwas tun und sagen, muss es noch lange nicht richtig sein. Du selber musst es prüfen und überzeugt davon sein, dann kannst du es auch sagen und tun.

Wolfgang Thierse "Mit eigener Stimme sprechen"
Wolfgang Thierse 37 min
Bildrechte: IMAGO

24 Jahre war Wolfgang Thierse Abgeordneter, von 1998 bis 2005 Präsident des Bundestags. Ein Porträt von Doris Liebermann.

MDR KULTUR - Das Radio Sa 20.10.2018 09:05Uhr 37:07 min

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Audio

Prägende Erfahrungen

Thierses Vater war Rechtsanwalt und politisch interessiert. Am Radio verfolgte er die Debatten des Deutschen Bundestags, die vom Hessischen Rundfunk übertragen wurden. Thierse, damals noch eine kleiner Junge, hörte mit: Reden von Carlo Schmid, Fritz Erler, Ernst Lemmer, Herbert Wehner. An manche kann er sich heute noch erinnern.

In unmittelbarer Umgebung prägten ihn andere Erfahrungen. Die Kleinstadt Eisfeld lag direkt an der deutsch-deutschen Grenzen. Als Heranwachsender erlebte Thierse, wie die Grenzanlagen immer weiter ausgebaut wurden, wie ganze Familien zwangsausgesiedelt wurden. Durch die Arbeit seines Vaters in Strafprozessen erfuhr Thierse früh vom Unrecht im SED-Staat. In Erinnerung blieb ihm der Fall eines Mannes, der im Suff nach Stalins Tod geschrien hatte: "Hurra, der größte Verbrecher aller Zeiten ist tot." Er wurde zu acht Jahren Zuchthaus verurteilt.

Da war ich neun Jahre alt. Und wenn man solche Erinnerungen hat […], dann ist man nicht in der Gefahr, je Kommunist zu werden oder in die SED einzutreten, sondern man hat eine fundamentale Erfahrung von Unrecht gemacht.

Wolfgang Thierse "Mit eigener Stimme sprechen"

"Grimmige Idylle"

Thierse legte in Hildburghausen sein Abitur ab und absolviert danach eine Lehre als Schriftsetzer beim "Thüringer Tageblatt" in Weimar. Von 1964 bis 1969 studierte er Germanistik und Kulturwissenschaft an der Humboldt-Universität zu Berlin. Vom Ministerium für Kultur, in dessen Abteilung Bildender Kunst er arbeitete, wurde er 1977 entlassen, als er sich weigerte, die Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann zu befürworten.

Thierse fand eine Nische am Zentralinstitut für Literaturgeschichte der Akademie der Wissenschaften der DDR. Er war Mitverfasser des "Historischen Wörterbuchs ästhetischer Grundbegriffe" und wirkte an Drehbüchern für DEFA-Dokumentarfilme mit. Rückblickend nennt er die DDR eine "grimmige Idylle".

Leben als Politiker

1989 trat Thierse dem Neuen Forum bei, wurde Anfang 1990 Mitglied der SDP und im Juni 1990, nach dem Rücktritt Ibrahim Böhmes, zu ihrem Vorsitzenden gewählt. Das war der Beginn seines steilen Aufstiegs in der Politik.

Also ein politischer Mensch war ich offenbar schon von Kindesbeinen an. Politische Interessen, politische Leidenschaft hatte ich immer, aber ich konnte sie in der DDR nicht ausleben.

Wolfgang Thierse Mit eigener Stimme sprechen

Auf dem Vereinigungsparteitag der Ost- mit der West-SPD im September 1990 wurde Thierse zum stellvertretenden Parteivorsitzenden gewählt. Nach der deutschen Wiedervereinigung im Oktober 1990 war er einer der 144 Abgeordneten, die von der Volkskammer in den Bundestag gelangten. Acht Jahre später wählte der Bundestag Wolfgang Thierse zu seinem neuen Präsidenten. Bei seiner Amtseinführung sagte er:

Dass ein ehemaliger Bürger der DDR dieses Amt übertragen bekommt, ist dabei wohl mehr als eine Geste, ist durchaus ein historisches Datum: das ist keine unbescheidene Behauptung, denn sie meint ja nicht mich, sondern den eigentlichen Vorgang.

Wolfgang Thierse Antrittsrede als Präsident des 14. Deutschen Bundestages

In Thierses erste Amtszeit fiel die sogenannte Partei-Spendenaffäre. Er musste eine schwere Strafe gegen die CDU verhängen. Politiker der Union warfen ihm parteiische Amtsführung vor, doch der Bundesgerichtshof bestätigte seine Entscheidung. Altkanzler Helmut Kohl verglich ihn später mit Hermann Göring. "Das ist schon eine schlimme Entgleisung, die weh tut", sagt Thierse. "Er hat sich nie entschuldigt." 2002 wurde Thierse erneut zum Bundespräsidenten gewählt. Von 2005-2013 war er Vizepräsident des Deutschen Bundestags.

Heute widmet sich Thierse seinen zahlreichen Schirmherrschaften und Ehrenämtern. Der Politiker ist bekannt für sein schonungsloses Engagement gegen Rechtsextremismus und setzt sich insbesondere in Ostdeutschland für die Stärkung der Zivilgesellschaft ein.

Deswegen ist selbstbestimmtes demokratisches Engagement so wichtig. Auch damit fertig zu werden, dass sich in der Demokratie zu engagieren nicht heißt, von Sieg zu Sieg zu eilen, sondern dass man auch mit Enttäuschungen fertig werden muss. Das gehört zur Demokratie und das war mir immer wichtig.

Wolfgang Thierse Mit eigener Stimme sprechen

Die Autorin Doris Liebermann Doris Liebermann, geboren 1953 in Leimrieth, studierte Theologie in Jena. Schon früh tritt sie in der DDR für Bürgerrechte ein: Im Herbst 1976 vervielfältigt sie auf ihrer Schreibmaschine in Jena einen Offenen Brief Berliner Schriftsteller, die gegen die Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann protestieren. Kurz danach wird sie wegen "Beihilfe zu staatsfeindlichen Handlungen" verhaftet und 48 Stunden lang verhört. Im Dezember 1977 wird sie nach Westberlin ausgewiesen.

Seit etwa 30 Jahren arbeitet Doris Liebermann als freie Autorin, schreibt Bücher, produziert Hörbücher und Radio-Features. Ein Schwerpunkt ihrer Arbeit sind die Aktivitäten der Bürgerrechtler in der DDR.

Angaben zur Sendung MDR KULTUR - Feature
"Mit eigener Stimme sprechen: Wolfgang Thierse"
Porträt von Doris Liebermann

Sprecherin: Sigrund Fischer
Regie: Wolfgang Rindfleisch
Redaktion: Katrin Wenzel
Produktion: MDR 2013

Sendung: 20.10.2018 | 09:05-09:35 Uhr

Das Feature steht nach der Ausstrahlung hier ein Jahr lang zum Hören und Herunterladen bereit.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Feature: "Mit eigener Stimme sprechen: Wolfgang Thierse" | 20. Oktober 2018 | 09:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 20. Oktober 2018, 04:00 Uhr