Fernando Aramburu auf der Buchmesse in Madrid
Fernando Aramburu mit der spanischen Originalausgabe seines Buches "Langsame Jahre" Bildrechte: imago images / ZUMA Press

Belletristik Fernando Aramburu erzählt von der Zerrissenheit des Baskenlandes

Fernando Aramburu wurde 1959 im baskischen San Sebastian geboren. 1984 kam er der Liebe wegen nach Hannover, wo er seitdem lebt. Sein erster Roman "Limonenfeuer" (2000 ins Deutsche übersetzt) fand noch wenig Beachtung. Das änderte sich mit dem 2018 erschienenen Roman "Patria", einer baskischen Familiensaga. Das Buch wurde zu einem Welterfolg. "Langsame Jahre" führt nun abermals in Aramburus alte Heimat, das Baskenland.

von Holger Heimann, MDR KULTUR-Literaturkritiker

Fernando Aramburu auf der Buchmesse in Madrid
Fernando Aramburu mit der spanischen Originalausgabe seines Buches "Langsame Jahre" Bildrechte: imago images / ZUMA Press

Der aufgeweckte, freundliche Txiki ist acht Jahre alt, als seine Mutter ihn Ende der 60er-Jahre zu Verwandten nach San Sebastian bringt. Sie kann für den Jungen nicht mehr sorgen, denn ihr Mann hat sie verlassen, und es ist zu wenig Geld da. Die beiden älteren Söhne müssen gar ins Armenhaus von Pamplona. Txiki hat es also noch gut getroffen, obschon auch der baskische Familienzweig, bei dem er unterkommt, alles andere als wohlhabend ist. Sein besseres Los mildert allerdings nicht das Gefühl des Fremdseins:

Aus "Langsame Jahre" von Fernando Aramburu "Ich wunderte mich, wie wenig meine Verwandten miteinander sprachen. Jeder starrte auf seinen Teller, als wollte er das, was darauf lag, genau in Augenschein nehmen. Da keine Unterhaltung das Geräusch der kauenden Münder dämpfte, hörte man sie schlucken und schmatzen, ein bisschen so wie Schweine, ich meine, ohne dass gute Manieren für nachsichtiges Überhören sorgten."

Txiki ist ein aufmerksamer, genauer Beobachter. Seine Kindheitserinnerungen schreibt er viele Jahre später, er ist mittlerweile Apotheker und hat selbst eine Familie, für einen Autor namens Aramburu auf. Fernando Aramburu hat sich mithin als Adressat der Erinnerungen Txikis selbst in das Buch eingeschrieben.

Damit nicht genug: Die detailreiche, atmosphärisch dichte Erzählung Txikis wird durch Notate unterbrochen, die einen Blick in die Werkstatt des Autors ermöglichen:

Aus "Langsame Jahre" von Fernando Aramburu "Nicht vergessen, dass die Menschen im Roman einfache Leute sein sollten, mit wenig Bildung. Einfach heißt jedoch nicht erbärmlich. Ich sollte eine Sprache wählen, die der gesellschaftlichen Stellung der Figuren entspricht. Das ist wichtig. Vorsicht mit heute gängigen Wörtern und Ausdrücken, die es damals noch nicht gab."

Ein Gespräch mit dem Leser

Cover: Fernando Aramburu: "Langsame Jahre"
In "Langsame Jahre" schreibt Fernando Aramburu über seine baskische Heimat. Bildrechte: Rowohlt

Aramburu inszeniert hier ein Gespräch mit dem Leser. Er macht deutlich, dass ein Roman eine Konstruktion des Autors ist und kein historisches Dokument. Zugleich aber formuliert er sein Anliegen, einen "wahrhaftigen Roman" über eine Familie aus San Sebastian zu schreiben. Die Uhren scheinen hier langsamer zu ticken, eine Minute fühlte sich an wie zwei, heißt es einmal im Buch, dessen Titel "Langsame Jahre" auf die bleierne Franco-Zeit anspielt.

Es sind die Jungen, die aus dem Korsett von Armut und Tradition auszubrechen versuchen. Mit wohligem Schaudern erzählt Txiki von seiner Cousine Mari Nives, die sich nicht im Mindesten darum kümmert, was im Viertel als anständig gilt. Sein Cousin Julen ist der zweite Fixpunkt von Txikis Erinnerungen. Der um einige Jahre ältere Junge versteckt die baskische Fahne unter seiner Matratze und klärt Txiki darüber auf, dass er als derjenige in die Geschichte eingehen wird, der Franco getötet hat.

Der Roman erzählt tastender und zurückhaltender vom nationalistisch gesinnten Aufbegehren gegen die Diktatur und lässt dabei doch bereits manches von der Unversöhnlichkeit und Zerrissenheit erahnen, die für die baskische Gesellschaft prägend werden sollten.

Holger Heimann, MDR KULTUR-Literaturkritiker

"Langsame Jahre" liefert die Vorgeschichte zum Bestseller "Patria"

Julen ist ein politisch ahnungsloser Hitzkopf. Sein Aufbegehren gegen die seit Jahrzehnten währende Diktatur vermischt sich mit vagen Ideen von einer baskischen Unabhängigkeit. Aramburu, selbst 1959 in San Sebastian geboren, erinnert sich:

"Eine neue Generation, die nicht am Bürgerkrieg teilgenommen hatte, fing an, sich zu organisieren, um gegen die Diktatur zu kämpfen. Aber politisch war man nicht so klar", so Aramburu. Dass aus der Bewegung einmal Terrorismus würde, sei nicht absehbar gewesen: "Die Leute hatten Sympathie für diese Bewegung, sie glaubten, endlich macht man was gegen die Diktatur. Dann kam die Demokratie, aber die Gewalt ging weiter und noch intensiver", erzählt Aramburu.

Den Folgen der ausufernden Gewalt der ETA, die nach dem Tod Francos nicht nachließ, hat Aramburu in seinem 2016 in Spanien veröffentlichten Roman "Patria" nachgespürt. Die große Familiensaga, die das Verhältnis von Tätern und Opfern ausleuchtet, machte ihn international berühmt. Die Vorgeschichte dazu liefert "Langsame Jahre".

Das Buch, im spanischen Original bereits 2012 erschienen, ist Aramburus erste literarische Annäherung an das Baskenland. Der Roman erzählt tastender und zurückhaltender vom nationalistisch gesinnten Aufbegehren gegen die Diktatur und lässt dabei doch bereits manches von der Unversöhnlichkeit und Zerrissenheit erahnen, die für die baskische Gesellschaft prägend werden sollten.

Angaben zum Buch Fernando Aramburu: "Langsame Jahre"
Aus dem Spanischen von Willi Zurbrüggen
Rowohlt Verlag, 2019
208 Seiten, 20 Euro

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 23. Juli 2019 | 07:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 23. Juli 2019, 04:00 Uhr

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