Filmszene aus "Eingeimpft"
Filmszene aus "Eingeimpft": Soll die Tochter geimpft werden oder nicht? Bildrechte: Flare Film Adrian

Ab 13. September im Kino Doku "Eingeimpft": Impfung, ja oder nein?

Sollten Eltern ihre Kinder impfen lassen? Diese Frage ruft hierzulande blitzartig eine politisch-ideologische Diskussion hervor, bei der sich Impfgegner und Impfbefürworter gegenüberstehen. Nicht selten unversöhnlich. David Sieveking versucht mit seinem Dokumentarfilm "Eingeimpft", das Thema ausgewogen darzustellen, um damit prompt in der "Impfgegner"-Schublade zu landen – zu Unrecht.

von Hartwig Tegeler, MDR KULTUR-Filmkritiker

Filmszene aus "Eingeimpft"
Filmszene aus "Eingeimpft": Soll die Tochter geimpft werden oder nicht? Bildrechte: Flare Film Adrian

Das erste Kind, glückliche Eltern, Tochter gesund, aber nach einigen Woche die quälende Frage: Das kleine Mädchen jetzt impfen? Und zwar – so der Kinderarzt – gegen acht verschiedene Krankheiten gleichzeitig, in einem Pack? Der Vater: "Ganz ehrlich, wenn es nach mir ginge, hätten wir unsere Tochter schon längst geimpft."

Aber da die Mutter, Jessica, nach einer Impfung während der Schwangerschaft wochenlang krank im Bett lag, hat sie große Angst vor Nebenwirkungen und Impfschäden bei ihrem Kind. In der Arztsprechstunde erklärt die Kleinfamilie, sie sei sich nicht sicher bei der Entscheidung. Was den Vater, den Filmemacher David Sieveking, dazu bringt, das Thema zu recherchieren.

Annäherung an ein heikles Thema

Es ist ein heikles Thema auf Spielplätzen, in den Kitas oder auf Partys, so denn Eltern kleiner Kinder feiern. Er recherchiert es in der Form, in der er schon seine Abkehr von der Transzendentalen Meditation oder die Auswirkungen der Demenzkrankheit seiner Mutter dokumentiert hat: als persönliche Geschichte, mit ihm, dem Filmemacher, immer im Bild; fragend, suchend, recherchierend. So entwirft Sieveking ein kontroverses Bilderpanorama, bestehend aus Interviews mit Wissenschaftlern, Ärzten, Betroffenen, Impfbefürwortern und Impfgegnern. Sieveking erörtert, wie Impfungen funktionieren, fragt nach der Effektivität, nach Risiken und Nebenwirkungen, beim Robert-Koch-Institut in Berlin, bei der WHO in Genf oder bei einem dänischen Forscher in Westafrika, der die These vertritt, dass eine bestimmte Art von Impfung die generelle Abwehr gegen Krankheiten stärken kann, auch gegen solche, gegen die gar nicht geimpft wurde.

"Eingeimpft" ist ein komplexes Pro und Contra, bei dem Sieveking immer wieder zurückblendet zu Szenen in seine Familie, in der bald auch ein zweites Kind von David und Jessica Mittelpunkt des Impf-Themas geworden ist. So trifft David Sieveking in "Eingeimpft" als offiziellen behördlichen Vertreter der deutschen Impfpolitik Dr. Jan Leidel, Virologe von der STIKO, der Ständigen Impfkommission. Leidel erklärt, er sei überzeugt, dass die STIKO ihre Empfehlungen auf Grundlage der besten wissenschaftlichen Erkenntnisse ausspreche: "Und die Vorstellung, dass man das sozusagen dann doch lieber selber macht mit dem guten Buch von irgendeinem impfkritischen Kinderarzt, ach, das ist mutig", so der Virologe. Es sei ein Unterschied, ob man sage "Diese Impfung will ich nicht haben, die brauche ich nicht und die will ich nicht. Oder ob Sie – jetzt rede ich auch als Anwalt des Kindes –, ob Sie Ihrem Kind einen möglichen Schutz vor etwas Bedrohlichem verweigern. Warum setzten Sie es dieser Gefahr aus?"

Sieveking propagiert hier kein Patentrezept. Allerhöchstens eines, das bedeutet: nachdenken, kritisch hinterfragen.

Hartwig Tegeler, MDR KULTUR-Filmkritiker

Aber natürlich gilt auch beim Schauen dieser Dokumentation: Wir widmen denen mehr Aufmerksamkeit, die sagen, etwas ist nicht in Ordnung, als denen, die sagen, ja, ja, alles gut. Der, der sagt, dass etwas nicht in Ordnung ist, wäre der Münchner Pathologe Randolph Renning, der ungewöhnliche Todesfälle in Folge von Impfungen und die Reaktion der Behörden in der Doku beschreibt: "Nach den ersten drei Todesfällen, die uns aufgefallen sind, haben wir sofort natürlich Kontakt mit dem Paul-Ehrlich-Institut aufgenommen, ob es da andere Fälle gibt." Aber dort habe man "das Ganze dann runtergebügelt", so Renning, "und das, was wir dann so schriftlich mitgeteilt bekommen haben aus den Kreisen der STIKO, war also schon zum Teil schwer unter der Gürtellinie."

Nicht nur auf den Spielplätzen, sondern auch in der wissenschaftlichen Community herrscht, keine Neuigkeit, keine Überraschung, ein veritabler Streit Pro- und Contra-Impfung. Was für ein Wunder, bei einem Multi-Milliarden-Dollar-Markt. In "Eingeimpft" setzt David Sieveking mit anderen Worten einen Prozess des Nachdenkens und kritischen Hinterfragens in Gang. Dass er trotzdem mit seinem Film in der Schublade "Impfgegner" gelandet ist inklusive des Hauchs von Verschwörungstheoretiker und Pharma-Kritiker, dies verweist auf die extrem ideologische Aufbereitung um das Impfen der Kinder.

Die Impf-Frage wird extrem ideologisiert

Auf der Wissenschaftsseite der "Süddeutschen Zeitung" wird Sieveking unterstellt, "keine Aufklärung" zu betreiben, sondern – so Kritikerin Kathrin Zinkant - "einen ganzen Film lang hauptsächlich nach Risiken und Nebenwirkungen" zu fragen, "Legenden zu nähren" und "Zweifel am Fundament aufgeklärter Gesellschaften: an den Fakten nämlich". Doch gerade dies ist ja die Aufgabe von Dokumentationen: Fakten und Zusammenhänge, die sich als einfach so faktisch ausgeben, zu hinterfragen.

Wer die Dokumentation "Eingeimpft" sieht, wer sieht, wie David Sieveking und seine Frau am Ende eines quälenden, im Film dokumentierten Klärungs- und Bewusstseinsprozesses ihre Kinder dann impfen lassen, wird um eine Konsequenz nicht herumkommen: Die Entscheidung, wie selbst zu verfahren ist, gilt es, auch selber zu treffen. Sieveking propagiert hier kein Patentrezept. Allerhöchstens eines, das bedeutet: nachdenken, kritisch hinterfragen. Aber anzunehmen, dass die Debatte, die der Film dokumentiert und damit befördert, dass die unvoreingenommen wäre, das ist wohl naiv.

Angaben zum Film "Eingeimpft"
Dokumentarfilm von David Sieveking
Länge: 95 Minuten
ab dem 13. September im Kino

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 12. September 2018 | 12:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 13. September 2018, 04:00 Uhr